y Wmi ij ^^^' ^r r ^ " J GESAMMELTE ABHANDLUNGEN ÜBER PFLANZEN-PHYSIOLOGIE VON VO-W JULIUS SACHS A ERSTER BAND ABHANDLUNG I BIS XXIX VORWIEGEND ÜBER PHYSIKALISCHE UND CHEMISCHE VEGETATIONSERSCHEINÜNGEN MIT 46 TEXTBILDERN LEIPZIG VERLAG VON WILHELM ENGELMANN 1892. Alle Rechte, besonders das der Uebersetzung, vorbehalten. I 5 (o ^ Druck der Kgl. Univorsitätsdruckerei von H. Stürtz in Würzburg. Vorrede. Wenn man drei bis vier Jahrzehnte hindurch in einer Wissen- schaft thätig gewesen ist und die Resultate in zahh-eichen Abhand- huigen mitgetheih hat, so findet man zuletzt, dass dieselben sehr zer- streut sind; schliesslich weiss man kaum noch sicher, in welcher der zahlreichen Zeitschriften oder in welchem alten Bande von Akademie- berichten man irgend eine Thatsache oder eine Idee zuerst pubU- zirt hat. Xatürlich ist es für die Faehgenossen und speziell für die jüngeren unter ihnen noch schwieriger, die Arbeiten eines Autors, die. derselbe vor 20 oder gar 35 Jahren veröffentlicht hat, zu kennen und aufzulinden. Dazu kommt die grosse Schwierigkeit für den, der es Ernst mit der Litteratur nimmt, ältere Schriften sich zur Lektüre zu verschallen; was oft nur mit grossem Zeitverlust, Mühe und Kosten zu erreichen ist, selbst wenn man über eine umfangreichere Privatbibliothek verfügt. Derartige Erwägungen waren es offenbar, welche schon früher eine Reihe von Forschern veranlasst haben, ihre zerstreuten Schriften zu sammeln und sie den Fachgenossen in bequemer Vereinigung darzubieten, und das was aus zahlreichen Bänden verschiedenster, wissenschaftlicher Organe zusammengesucht M-erden müsste, in einen oder zwei Bände zusammenzustellen. Auf diese Weise sind eine Reihe der werthvollsten Werke zu Stande gekommen; ich erinnere nur an die Statical Essays von Haies, die Memoires von Dufrochet, die vermischten Schriften von Hugo Mohl, Payers Organogenie de la fleur u. s. w., welche mir meine Studien wesentlich erleichtert haben und ich wage zu hoffen, dass auch die vorliegende Sammlung Einem und dem Anderen denselben Dienst leisten kömite; wenigstens wurde ich wiederholt von jüngeren botanischen Freunden dazu aufgefordert, eine solche zu veranstalten. Diese Bemerkungen mögen dem vorliegenden Unternehmen ge- wissermassen zur Entschuldigung dienen, denn es ist immerhin ein jY Vorrede. Wagiiiss, einer neu heranwachsenden Generation Arbeiten darzubieten, die so zu sagen einer frülieren Generation angehören, die aus einer Zeit stammen , wo die herrschenden Ansichten ganz andere waren als jetzt. Indessen ist zu unterscheiden, ob es sich dabei um That- saclien oder um Theorien handelt; wohl konstatirte , sorgfältig be- schriebene Thatsachen sind das feste Fundament jeder AVissenschaft und l)ehalten ihren Werth für alle Zeit; die Theorien dagegen, 0I3- gleich für den Fortschritt der Wissenschaft unentbehrlich, wechseln von Jahr zu Jahr , verschwinden und machen neuen Theorien Platz. Icli hal>e daher in diese Sammlung mit ^venigen Ausnahmen nur diejenigen meiner Abhandlungen aufgenommen, durch welche ich Thatsachen konstatirt habe, wobei sich freilich nicht immer ganz ver- meiden Hess, auch auf x\nschauungen Rücksicht zu nehmen, die gegen- wärtig als veraltet gelten. Ich kann aber bei dieser Gelegenheit die Bemerkung nicht unterdrücken, dass man in der Litteratur vielfach der Auffassung begegnet, als ob neue wohl konstatirte Thatsachen blosse Theorien wären und zwar nur deshalb, weil sie allgemein verbreiteten , falschen Ansichten widersprechen , so dass der Sach- verhalt geradezu umgekehrt wird. Es entwickelt sich in solchen Fällen gewöhnlich eine unerquickliche Polemik, in welcher die Ver- theidiger unbegründeter Theorien gegen die neuen wohlbegründeten Thatsachen auftreten und dem die Freude verderben, der mit schwerer Mühe die letzteren festgestellt hat, während der Cliorus der Gegner sich darauf beruft, alle Welt wisse ja, dass die Sache ganz anders sei. Nachdem ich seit mehr als 30 Jaln^en diese Erfahrung gemacht hajje, war ich anfangs der Meinung, es wäre vielleicht zweckmässig, in die vorliegende Sannnlung auch die polemischen Schriften aufzu- nehmen, an denen ich früher einen Tlieil meiner Zeit verschwenden musste. Indess, die Erfahrung, dass mit Polemik überhaupt nicht viel erreicht wird, mein Widerwille gegen solche und das Bedenken, dass es der jüngeren Generation sehr gleichgültig sein kann, ob vor 15 oder 30 Jahren jetzt allgemein geltende Thatsachen angegriffen wurden, dies alles veranlasste mich, alle polemischen Abhandlungen von dieser Sammlung auszuschliessen. Ausserdem habe ich eine lange Reihe von älteren Aufsätzen hier nicht aufgenommen , theils weil dieselben vorwiegend in popu- lärer Form geschrieben waren, theils weil ihr thatsächlicher Inhalt so allgemein l)ekannt geworden ist, dass eine Reproduktion nicht mehr iK'Uliig scheint; es gilt das z. B. von meinen Abhandlungen über die Ernälirung von Land])fianzen durch wässerige Lösungen, über das Inulin, über den Transport der plastischen Stoffe durch verschiedene Gewel:)eformen u. a. — auch wünschte ich diese Samm- Vorrede. V liintr in mässio'eii (Trenzcu zu lialtoii. iini den Ankauf der l)eiden l^ände nicht zu erschweren. J)er im bisher Gesagten bezeichnete 8tand})unkt veranlasste mich anrli , von manchen älteren Abhand- lungen nur Auszüge aufzunehmen, was jedes Mal in der Aufschrift angedeutet ist; in anderen Fällen wurden ab und zu einige Zeilen oder ganze Seiten der Originalaljhandlungen gestrichen^); zuweilen auch kleine Zusätze gemacht; letztere, um den Leser in Kürze über ge- wisse Punkte zu orientiren. Dies wurde regelmässig durch die bei- gesetzte Bemerkung: Zusatz 181>2 angedeutet; dasselbe ist bei ver- schiedenen Texttiguren geschehen, die ich nachträglich einigen der ältesten Abhandlungen hier beigegeben habe. Diese Aenderungen wurden jedoch immer so vorgenonnnen, dass dadurch der Gesanuntcharakter der betreffenden Abhandlung nicht verändert wurde, denn gerade diesen wünschte ich beizubehalten. Der Zweck der gesammelten Abhandlungen ist, wie gesagt, (he von mir seit 35 Jahren festgestellten Thatsachen, besonders auch soweit sie nicht in meinen Büchern enthalten sind, zusammenzustellen. In diesen letzteren, d. h. meiner Experimentalphysiologie 1805, den vier Auflagen meines Lehrbuches 1868 bis 1874 und den beiden Auflagen der Vorlesungen 1882 und 1887, habe ich den Hauptüdialt der hier vorgelegten Abhandlungen beiuitzt und theoretisch verai'beitet; man könnte daher wohl glauben, dass deshalb eine derartige Sannnlung entbehrlich sei; ich bin jedoch anderer Meinung; in Lehr- und Hand- büchern ist der Verfasser verpflichtet, neben seinen eigenen Ansichten und Erfahrungen auch alles Bedeutende, was Andere geleistet haben, zur Geltung zu bringen; die Symmetrie und Harmonie der Darstellung in einem derartigen Buch erfordert, dass der Verfasser seilest mehr in den Hintergrund tritt, um dem Leser ein wohlgeordnetes Gesamnit- bild des jeweiligen Standes der Wissenschaft zu zeigen, und dieses erfordert wieder in vielen Fällen, dass wissenschaftliche Sätze apodik- tisch inid mehr oder weniger doktrinär hingestellt werden, um dem Leser nicht durch kleinliche Diskussionen die grossen Züge des Ge- sammtbildes zu verderben. — Ganz anders liegt die Sache bei wissen- schaftlichen Abhandlungen, wo es darauf ankommt, tiefer in die Feinlieiton und versteckten Beziehungen eines Gedankens und in die Schwierigkeiten bei der Konstatirimg einer Thatsache einzudringen. Für den eigentlichen Forscher liegt gerade in dieser individuell charakterisirten Gedankenarbeit der Reiz einer Abhandlung. Be- sonders aber sind es die zahlreichen Einzelheiten , die einer streng wissenschaftlichen Darlegung ihren Werth geben, die aber in ein 1) So z. B. in der ersten Abhandlung, wo dies leider nicht bemerkt ist. VI Vorrede. Lclii'- (xlcr Ilaii(ll)urli nicht uufgenomuicii werden können: die eine Art von rublikationen kann also durch die andere nicht ersetzt werden und in diesem Sinne möchte ich die „Gesammelten Abhand- luno-en", als eine Ergänzung zu meinen Büchern betrachten; in diesen versuchte icli, die jeweilig bekannten Thatsachen der Pfianzenphysio- logie nacli allgemeinen Gesichtspunkten darzustellen; um jedoch solche zu gewinnen, war es bei dem früheren Zustand unserer Wissen- schaft vielfach nothwendig, zunächst die prinzipiell wichtigen Er- scheinungen zu untersuchen, und diese sind es vorwiegend, welche ich in meinen Abhandlungen behandelt habe. Darin liegt nun auch der Grund, warum manche Fragen in diesen letzteren sehr ausführ- lich dargestellt wurden und wo es nöthig schien, lange Zahlenreihen zur Verwendung kamen. Zum Schluss noch einige Worte über die Anordnung des Materials. Man könnte vielleicht glauben, es wäre das Einfachste und Zweck- massigste gewesen , die Abhandlungen in streng chronologischer Reihenfolge abzudrucken. Damit wäre jedoch denen, die das Werk benutzen wollen, nicht gut gedient, denn es würde sich zeigen, dass Abhandlungen, welche ganz ähnhche, prinzipiell zusammengehörende Fragen behandeln, der Zeit nach oft weit auseinander liegen, während in den zwischenliegenden Jahren ganz andere Themata behandelt wurden; dies liegt, zum Theil wenigstens, in der Natur pflanzenphy- siologischer Forschung, die es nicht selten mit sich bringt, dass die Untersuchungen an lebenden Pflanzen, und die allermeisten meiner Arbeiten beziehen sich auf solche , durch den Eintritt des Winters auf das nächste Jahr, oder durch Mangel an Untersuchungsmaterial noch länger verschoben werden und unterdessen mögen andere Fragen dem Forscher sicli aufdrängen, so dass Jahre vergehen können, bis man wieder zu dem ursprünglichen Thema zurückkehrt. Ich habe es daher versucht, neben der Berücksichtigung der chronologischen Reihenfolge eine Gruppirung der Abhandlungen in der Art zu treffen, dass diejenigen, welche ungefähr unter einem gemeinsamen Gesichts- punkt zu vereinigen sind, in eine Abtheilung zusammengefasst wurden; innerhalb einer jeden Abtheilung wurden aber die einzelnen Aufsätze chronologisch geordnet. Es ist jedoch nicht zu leugnen, dass dies zuweilen in etwas gezwungener Weise stattünden musste, weil nicht selten schwer zu entscheiden war, welcher Theil von dem Inhalt eine]- Abliandlung als für die Eintheilung massgebend zu betrachten sei. iMir den Leser ist das übrigens ziemhch gleichgültig, da ein sehr ausführliches, von mir selbst gemachtes Register dem zweiten Bande beigegeben wird und das vorausgehende Inhaltsverzeichniss zur vorläutigen Orientirung genügt. Vorrede. Vli Die den alten Original -Abhandliuigen mehrfach beigegebenen lithographirten Tafeln habe icli durch Textfiguren ersetzen lassen, da solche im Allgemeinen dem Leser angenehmer sind ; erst im zweiten Band werden einige lithographirte Tafeln, bei denen die genannte Veränderung unmöglich ist, folgen. Der vorliegende erste Band enthält zum grössten Theil ältere Abhandlungen von 1859 bis in die siebziger Jahre; der zweite Band wird vorwiegend meine in den ,, Arbeiten des botanischen Instituts" zuerst publizirten Arbeiten über Wachsthum, Reizl)arkeit und Zellen- lehre bringen und bimien kürzester Frist nachfolgen. Dem Herrn \'erleger l)in ich zu vielem Dank verbunden für die Bereitwilligkeit, mit der er auf meinen Plan eingegangen und jedem meiner Wünsche freundlichst entgegen gekommen ist. Würz bürg, den 30. Juh 1892. Dr. J. V. Sachs. Iiihalts-Übersicht des ersten Bandes. Seite Erste Abtheilung-: lieber Wärmewirkungen an Pflanzen. Abh. I. : Krystallbildiiugeu bei dem Gefrieren und Veränderung der Zellliäute bei dem Aufthauen saftiger Pflanzentheile 3 Abh. IL: Physiologische Untersuchungen über die Abhängigkeit der Keimung von der Temperatur 49 Abh. III. : Die vorübergellenden Starre-Zustände periodisch beweglicher und reiz- barer Pflauzenorgane 84 Abh. IV.: Ueber die obere Temperatur-Grenze der Vegetation 111 Abh. V. : Ueber den Einfluss der Temperatur auf das Ergrünen der Blätter . 137 Abh. VI. : Ueber Emulsionsfiguren und Gruppirung der Schwärmsporen im Wasser 145 Zweite Abtheilung-: Ueber Licht -Wirkungen an Pflanzen. Abb. VII.: Ueber die Durchleuchtung der Ptlanzentheile 167 Abh. VIII. : Ueber den Einfluss des Tageslichts auf Neubildung und Entfaltung verschiedener Pflanzenorgane 179 Abh. IX.: Wirkung des Lichts auf Blüthenbildung unter Vermittelung der Laub- blätter 229 Abh. X. : Wirkungen farbigen Lichts auf Pflanzen 261 Abh. IX. : Ueber die Wirkung der ultravioletten Strahlen auf die Blüthen- bildung 293 Dritte Abtheilung: Ueber Chlorophyll und Assimilation. Abh. XII.: Auszug aus: Uebersicht der Ergebnisse der neueren Untersuchungen über das Chlorophyll 313 Abh. XIII. : Auszug aus: Mikrochemische Untersuchungen . 319 Abh. XIV. : Auszug aus : Beiträge zur Physiologie des Chlorophylls 324 Abh. XV. : Ueber den Einfluss des Lichts auf die Bildung des Amylum in den Chlorophyllkörnern 332 Abh XVI. : Ueber die Auflösung und Wiederbildung des Amylum in den Chloro- phyllkörnern bei wechselnder Beleuchtung 344 Abh. XVII.: Ein Beitrag zur Kenntniss der Ernährungsthätigkeit der Blätter . . 354 Abh. XVIII. : Erfahrungen über die Behandlung chlorotischer Gartenpflanzen. . . 388 X Inhalts -Uebersicht. Seite Vierte Abtheilung-: Ueber Bewegungen des Wassers in Pflanzen. Abh. XIX.: Ueber den Eiufluss der chemischen und physikalischen Beschaffen- heit des Bodens auf die Transspiratioii der Pflanzen 417 Abh. XX. : Quellungserscheinungen an Hölzern 446 Abh. XXI. : Ueber das Welken abgeschnittener Sprosse 469 Abh. XXII. : Ein Beitrag zur Kenntniss des aufsteigenden Saftstroms in trans- spirirenden Pflanzen 473 Abh. XXIII.: Ueber die Porosität des Holzes 511 Fünfte Abtheilung: Ueber das Verhalten der Baustoffe bei dem Wachsthum der Pflanzenorgane. Abh. XXIV. : Ueber das Auftreten der Stärke bei der Keimung ölhaltiger Samen 557 Abh. XXV. : Physiologische Untersuchungen über die Keimung der Schniinkbohne 574 Abh. XXVI.: Zur Keimungsgeschichte der Gräser 619 Abh. XXVII. : Zur Keimuugsgeschichte der Dattel .... 630 Abh. XXVIII.: Ueber die Keimung des Samens von Allium Cepa 644 Abh. XXIX.: Ueber saure, alkalische und neutrale Keaktion der Säfte lebender Pflanzenzellen 660 ERSTE ABTHEILUNG. ÜBER WÄRME-WIRKUNGEN AN PFLANZEN. Sachs, Gesammelte Abhandlungen. I. L Krystallbildungen bei dem Gefrieren und Veränderung der Zellhäute ^) bei dem Aufthauen saftiger Pflanzentheile. 1860. (Aus den Berichten der niathetn.-phys. Klasse der Königl. Sachs. Gesellschaft der Wissen- schaften 1860.) Wenn man 1 bis 2 cm dicke Längsschnitte aus Kürbisfrüchten 12 bis 24 Stunden lang unter irgend einer, vor Verdunstung schützenden Verdeckung einer Temperatur von 3*^ bis 6° R. unter Null ausgesetzt lässt, so findet man dann auf dem dichten Parenchym einen Ueberzug von Eiskrystallen, die auf der Schnittfläche senkrecht stehend mit einander durch seitlichen Zusammen- hang eine kompakte Masse darstellen, welche vermöge dieser Struktur ein sammetartiges Aussehen zeigt; auf dem lockeren Parenchym in der Nähe der Samenkörner, wo die Gefässbündel einen mehr radialen Lauf annehmen, findet sich dieser sammetartige Eisüberzug niemals, dagegen bildet sich hier ein schiefriges, schorfartiges Eis. Wenn man mit einem spitzen, möglichst kalten Instrument in der Nähe der Schale einen Theil des Krystallüberzuges wegstösst, so erkennt man schon mit unbewaffnetem Auge, dass derselbe aus Säulen besteht, welche mit ihren 1) Die hier geschilderten Erscheinungen finden an Gewebemassen statt', deren Zellen durch Wände getrennt sind, von denen jede aus drei Lamellen besteht: einer mittleren aus Zellstoff gebildeten, der sogen. Zellhaut und zwei ihr rechtsjund links angelagerten Lamellen, die aus Protoplasma bestehen und den flüssigen Zellsaft direkt umschliessen. — Kurz nach dem Erscheinen dieser Abhandlung machte Nägeli darauf aufmerksam, dass die wesentlichen Veränderungen, welche das Erfrieren bewirkt, an dem Protoplasma sich vollziehen. — Für das Verständniss der mitgetheilten That- sachen ist dies zwar zunächst nur von sekundärer Bedeutung, wenn man die Wand zwischen zwei benachbarten saftigen Zellen als aus den oben genannten drei Lamellen bestehend ansieht. Da man jedoch mit dem Ausdruck Zellhaut meist nur die Zellstoff- lamelle bezeichnet, so habe ich hier bei dem Wiederabdruck, wo es mir zweckmässig schien, das Wort Zellwand substituirt. Zusatz 1892. 1* 4 Krystallbildungen bei dem Gefrieren etc. Seiteuflächen dicht an einander liegen und auf der Schnittfläche senkrecht stehen, die Säulen sind beinahe gleich lang, wenn man die neben einander stehen- den betrachtet, jedoch nimmt die Höhe von der Schale aus gegen das Centrum hin stetig zu und ab. Denkt man sich eine auf die genannte Schnittfläche senkrechte radial gestellte Ebene, so bildet die Durchschnittslinie derselben mit der Schnittfläche eine Abscissenlinie, auf welcher die Höhen der Säulen als Ordinaten stehen und mit ihren oberen Enden eine Kurve beschreiben, welche sich von der Schale aus rasch erhebt, dann einen weiten Bogen be- schreibt und sich gegen das Centrum hin langsam zur Abscissenlinie hinab- senkt. Krystalle, welche in Reihen, parallel der Schale stehen, sind gleich lang; 2 — 3 mm innerhalb der Schale sind sie am längsten und erreichen 2 — 3 mm Höhe, wenn das Kürbisstück 24 Stunden lang bei 3 — 6^ Kälte gelegen hat. Die Dicke der Säulen ist zwar ziemlich verschieden, im Mittel aber ist sie an allen Stellen des Schnittes dieselbe, nach einer Schätzung wechselt sie zwischen 0,1 mm bis 0,3 mm. Obwohl bei dem Abstossen der Eiskruste meistens eine Menge einzelner Säulen sich abtrennen, so kann man doch auch grössere Stücke der Kruste unversehrt abheben, besonders wenn die Temperatur nahe bei KuU ist. Um diese Eisbildungen bei hinreichender Vergrösserung beobachten zu können, stellte ich das Mikroskop in eine Luft von — 5^ bis — 6'' R. an das ofiene Fenster eines ungeheizten Kollegien- Saales; einige Objektgläser und Instrumente wurden hinaus auf die kalte Mauer gelegt. Als Alles hinreichend kalt geworden war, begann ich am ofi'enen Fenster des kalten Saales die Beobachtung, die der Hände wegen gewöhnlich nur eine halbe Stunde dauern konnte, dafür aber desto öfter von Neuem aufgenommen wurde. Bringt man unter solchen Umständen ein Stück der krystallinischen Kruste so auf den Objektträger, dass man die oberen Enden der Krystall- Säulen sieht, so erkennt man, dass sie sich mit ihren Seitenflächen unmittel- bar berühren, zwischen je zwei Querschnitten sieht man nur eine einfache Trennungslinie. Die Gestalt der Säulen-Qvierschnitte ist ziemlich unregelmässig, doch überall nach dem Typus eines regulären Sechseckes gebildet, aber mit unzähligen verschiedenen Abweichungen von diesem. Die obere Aufsicht auf ein Stück der Eiskruste bietet einige Aehnlichkeit mit einem Querschnitt durch ein grosszelliges Parenchym mit wässrigem Inhalt. Setzt man einen Tropfen Wasser von 0^ bis 1^ R. auf die Krystallschicht, so beginnt ein langsames Aufthauen, die Querschnitte der Säulen weichen auseinander und eine grosse Zahl Luftblasen erscheint in dem Wasser. Die Seitenansicht eines Krystallbündels, welches man in einem Tropfen kalten Wassers langsam schmelzen lässt, giebt ein sehr zierliches Bild. Die wie Basaltsäulen neben einander liegenden Eiskrystalle schliessen Luftblasen ein, welche in höchst regelmässige Längsreihen geordnet sind und den Kanten der Säulen parallel laufen. Meist sind die Blasen einer Reihe gleich gross, Krystallbildungen bei dem Gefrieren etc. 5 und die ganze Reihe sieht dann aus wie eine lockere Perlenschnur; sehr häufig wechselt in einer Reihe je eine kleine und eine grosse Blase; oft sind die Blasen parallel der Säulenhöhe in die Länge gezogen, dann wechselt gewöhnlich in einer Reihe eine lange mit einer runden; bisweilen sind mehrere Blasen einer Reihe durch dünne Luftkanälchen mit einander verbunden, und nicht selten findet sich statt einer Blasenreihe eine einzige oder zwei lange kanalartige Blasen. Niemals kommt es vor, dass eine Blase quer gegen die Höhe der Säule ausgezogen wäre. Die Blasenreihen verlaufen in der homogenen Eis- masse einer Säule entweder ganz nahe den Kanten oder Flächen, oder mehr im Innern derselben, zuweilen in der grossen Achse selbst. Es kommt auch vor, dass zwischen zwei Säulen eine Reihe von Interstitien sich findet, welche den Blasenräumen innerhalb der Säulen dui-chaus ähnlich ist. Meistens durchzieht eine Blasenreihe nur einen Theil der Höhe: die Reihe besinnt dann entweder an der Basis um in der Mitte aufzuhören, oder beginnt in der Mitte und verläuft bis zum oberen Ende der Säule; nicht selten ist dann die letzte Blase nur als eine halbkugelige Höhlung der Oberfläche vorhanden. Wenn das Krystallbündel in kaltem Wasser langsam schmilzt, so weichen die Kanten gleichzeitig in der ganzen Länge laugsam aus einander; die Säulen verlieren dabei ihre kantige Form und nehmen Walzen Gestalt oder Keulenform an. Die Blasen innerhalb der Krystalle umgeben sich, wenn äusserlich das Schmelzen beginnt, mit hellen Höfen, d. h. um jede Blase herum beginnt eine Verflüssigung; jede Blase sieht dann aus wie ein gehöftes Tüpfel. Oflenbar erfolgt dieses Schmelzen um die Luftblasen herum durch strahlende Wärme, welche die Eissubstanz durchsetzt und die Luft in der Blase erwärmt, während die geleitete Wärme den Krystall von aussen angreift. Die Luftblasen bleiben nach dem Verschwinden der Krystalle in dem Wasser, wo sie sich zu grösseren Blasen vereinigen und einen Schaum bilden. Bei der Seitenansicht eines Krystallbündels bemerkt man zahlreiche Krystalle, welche von der Basis aus wie Keile zwischen die anderen einge- schoben sind. Niemals finden sich solche Eiskeile von oben her eingetrieben. Die Substanz der Krystalle ist kein reines Wasser, sondern enthält eine Säure. Lässt man ein Kj-ystallbündel auf blauem Lackmuspapier schmelzen, so röthet sich der feuchte Fleck sehr stark. Ich hatte diese Eisbildungen im Laufe meiner Untersuchungen über die Ursachen des Kältetodes, welche mich in diesem Winter beschäftigten, zufällig beobachtet, und es drängte sich mir nun die Frage auf, ob diese Erscheinung allgemein sei. Die wenigen kalten Tage, welche seit dem Neu- jahr noch eintraten, machten es möglich wenigstens mehrere Fälle zu kon- statiren, welche auf Allgemeinheit schliessen lassen, da ich bei den auf das Gerathewohl gewählten Objekten jedesmal ein positives Resultat erhielt. Krystallbildimgeu bei dem Gefrieren etc. Quer- und Längsscheiben von Runkelrüben und Wasserrüben, von Möhren und Kohlrüben bedeckten sich unter gleichen Bedingungen wie die h Fig. 1. Eiskrystalle uach Skizzen vom Winter 1859 zu 60 d von oben gesehen, die anderen von der Seite; bei c und e die Gewebeschiclit, aus der die Krystalle lierausge wachsen. — a Runkelrübe — 6 Apfel — c d e Blattstiel von Kohl. Kürbisstücke mit krystallinischen Eiskrusten. Der Bau derselben stimmte mit dem oben Beschriebenen völlig überein, auch die mittlere Höhe und Krystallbildimgen bei dem Gefrieren etc. 7 Dicke der Säulen Avar dieselbe; sie standen jedesmal senkrecht auf der Schnittfläche. Blattstiele von Runkelrüben und Grünkohl, welche in Töpfen vegetirteu, wurden in Stücke von 1 — 2 cm Länge quer durchgeschnitten und in zuge- deckten Gläsern der Kälte ausgesetzt. Die Querschnitte bedeckten sich mit Eiskrystallen. Bei dem Kohl waren sie besonders lang und gegen die Achse des Stiels hin gekrümmt; die Blasenreihen machten dieselbe Krümmung wie die Krystalle selbst. Sie waren hier nicht so von gleicher Länge wie bei den Kürbisstücken und Wurzelscheiben ; die oberen Enden der Säulen boten unregelmässige Zacken und Krümmungen. Auf den Blattstielquerschnitten der Runkelrüben bestand die Kruste aus sehr kurzen Säulen, welche sich von oben gesehen durch ihre regelmässigen sechseckigen Endflächen und Querschnitte auszeichneten. Statt der Blasenreihen enthielten diese kurzen Säulen je eine grosse Luftblase im Centrum. In allen Fällen fanden sich zwischen die Hauptmasse der Säulen Eis- keile von der Basis aus eingeschoben, und immer bestanden die Krystalle aus saurem Wasser. Wenn man Quer- und Längsscheiben von 1 — 2 cm Dicke aus Kür- bissen, Runkelrüben, Wasserrüben u. s. w. unbedeckt auf einer kalten Mauer liegen lässt, so bilden sich nur auf der unteren, gegen die Mauer gekehrten Schnittfläche Krystallkrusten ; die oberen, der Luft ausgesetzten Flächen bilden keine Krystalle und trocknen stark aus. Bedeckt man die Oberfläche einer Scheibe nur zum Theil mit einer Porzellan- oder Glasplatte, so bilden sich die Eissäuleu nur auf dem bedeckten Theil. Legt man eine jener Scheiben auf den Boden eines bedeckten grösseren Gefässes, so findet man dann sämrat- liche Schnittflächen mit Krystallen überzogen. Aus diesen einfachen Ver- suchen geht mit aller Evidenz hervor, dass die Krystalle nur dann entstehen, wenn die Verdunstung höchst gering ist, und ferner, dass sich die Eissäulen aus dem Gewebe selbst hervorschieben, nicht etwa als reifähnlicher Nieder- schlag entstehen, dies wird schon dadurch abgewiesen, dass die Krystalle immer die saure Reaktion des Zellsaftes zeigen. Setzt man die genannten Pflanzentheile einer Kälte von 12 — 20° R. aus, indem man sie innerhalb verschlossener Gefässe mit Kältemischungen umgiebt, so gefrieren sie in kurzer Zeit zu sehr harten Massen, auf den Schnittflächen bemerkt man alsdann aber keine Krystallkrusten. Lässt man da- gegen die Scheiben bei 3" bis 6° unter Null langsam abkühlen, so bemerkt man schon nach 8—10 Stunden auf den Schnittflächen einen dünnen Eis- überzug von sammetartigem Aussehen; dieser Ueberzug besteht aus sehr kurzen Säulen von der beschriebenen Beschafl"enheit ; sie bilden eine allseitig zusammenhängende Masse. Nach einigen Stunden sind die Säulen schon merklieh länger. Wenn die Masse des Pflanzentheiles einigermassen be- deutend ist, so findet man um diese Zeit das Gewebe noch völlig elastisch 8 Kn-stallbildungen bei dem Gefrieren etc. uüd uicht gefroren, obwohl die Krystalle bereits ziemlich hoch sind. Je länger die Scheiben liegen bleiben ohne zu gefrieren, desto dicker wird der Ueberzug, desto länger die Säulen. Dieses Wachsthuni der Krystalle macht es gewiss, dass die Flüssigkeit aus dem Gewebe langsam heraustritt und dann an der Oberfläche erstarrt. Alan braucht sich dieses Austreten nicht immer als durch eine Zusammenziehung des Gewebes verursacht zu denken. Denn obwohl manche Pflanzentheile bei dem Gefrieren eine merkliche Kontraktion zeigen, z. B. die Blattstiele, so ist dagegen bei den Wurzeltheilen diese Zusaramenziehung zweifelhaft (siehe den Anhang zu dieser Abhandlung). Man könnte auf die Annahme verfallen, dass durch die Ausdehnung des Wassers, welche von 4^ C. abwärts eintritt, eine Auspressung stattfinden müsse. Dagegen sprechen folgende Gründe. Scheiben, welche 10 — 12° R. warm sind, enthalten das Wasser in einem Zustande, wo es einen grösseren Raum einnimmt als bei 0'', demnach kann es bei dem Erkalten nicht hin- ausgepresst werden; ferner die Krystalle bilden sich auf Scheiben, welche weit weniger Wasser enthalten, als sie in der That enthalten können; z. B. ein Stück aus dem festen Theile des Kürbisfleisches, welches im Stande war, binnen 2^/2 Stunden noch 3,5 Gramm Wasser aufzunehmen, bedeckte sich bei langsamem Gefrieren mit einer dicken Krystallkruste; da nun das Gewebe im Stande war, noch Wasser aufzunehmen, so kann die höchst geringe Ausdehnung zwischen 4*^ C. und 0*^ keine Ursache zur Auspressung sein; endlich ist das Wasserquantum, welches heraustritt um Krystalle zu bilden viel zu gross um sich durch derartige Ausdehnung selbst im günstigsten Falle erklären zu lassen. Eine Scheibe, welche 100 ccm Wasser enthält kann Krystallkrusten bilden, welche einige ccm Wasser geben : die Aus- dehnung des Wassers zwischen 4° C. und 0° ist aber so gering, dass von 100 ccm kaum ^'loo ccm austreten würde, was bei der grossen Fläche der Scheiben eine verschwindend dünne Schicht giebt. Indessen bedarf es weder einer Ausdehnung des Wassers noch einer Zusammenziehung des Gewebes, wodurch das Wasser hinausgepresst werden müsste, um das Wachsthuni der Eissäulen zu erklären. Hierfür genügt es vollkommen die Eigenschaften imbibitiousfähiger Körper in Betracht zu ziehen. Jeder mit einer Flüssigkeit imbibirte Körper enthält nicht bloss in seinen ]\Iolekularporen , sondern auch auf seinen freien Oberflächen Wasser. Die durch den Schnitt freigelegten Zellhäute stehen einerseits mit dem flüssigen Zellinhalt in Berührung, die der Luft zugekehrte Oberfläche ist mit einer sehr feinen Wasserschicht überzogen, welche, wenn sie auf irgend eine Weise z. B. durch Verdunstung hinweggenommen wird, sich durch die Foren der Haut sogleich wieder erneuert. Es giebt einen sehr einfachen Beweis für das Vorhandensein dieser dünnen Wasserschicht auf den Oberflächen imbi- birter Körper und für die Kraft, mit welcher sich das Wasser aus den Krystallbilduugeii bei dem Gefrieren etc. 9 Poren auf die Oberfläche ausbreitet; der Beweis liegt darin, dass sich die Oberfläche eines imbibirten Körpers gegen Oele, Harze, Lacke ebenso verhält wie eine Wasserfläche. Wenn man z. B, Asphaltlack auf völlig trockene Harnblase, Aiunionshaut, Papier streicht und dann gut austrocknen lässt, so klebt der Lack mit enormer Kraft an diesen Stoffen. Ist aber nur irgend ein kleiner Theil der nicht mit Lack bedeckt ist mit Wasser in Be- rührung, so imbibirt sich auch der überzogene Theil und in kurzem fällt der vorher so feste Lack in grossen Stücken ab; dies kann nur dadurch ge- schehen, dass sich zwischen die festen Theile der Haut und die daran klebenden Lackschichten eine Wasserschicht einschiebt, und zwar geschieht dies mit einer so grossen Kraft, dass dadurch die grosse Adhärenz des Lackes über- wunden wird. Also jede freie Zellhautfläche ist mit einer dünnen Wasserschicht be- deckt, welche ganz allein vermöge der Imbibitionskräfte sich jedesmal wieder erneuert wenn sie weggenommen wurde. Angenommen nun diese Wasser- schicht gefriert, so verhält sie sich dann wie eine trockene Lackschicht; es entsteht unter der Eishaut sogleich eine neue Wasserschicht, die nun ihrer- seits wieder erstarrt und so geht es fort und muss es fortgehen , so lange die Zellhaut ungefroren bleibt d. h. solange sie imbibirt. Wird dagegen die Oberfläche des Schnittes so rasch erkältet, dass nicht nur die äusserste Wasser- schicht, sondern der Zellsaft selbst gefriert, dann kommt dieser Prozess nicht zu Stande. Ebensowenig kann er eintreten, wenn durch rasche Verdunstung die heraustretende Wasserhaut jedesmal sogleich weggenommen wird. Dies alles steht mit den Beobachtungen im besten Einklang; denn die Krystallbildung er- folgt nur bei geminderter Verdunstung und bei langsamer Abkühlung, das Gewebe ist unter den Krystallen, so lange sie wachsen, noch nicht gefroren. Die Geschwindigkeit womit das Wasser von einem Schnitt durch ein fiisches Gewebe verdampft, giebt ein Mass für die Geschwindigkeit, womit die Wasserschichten sich erneuern und somit ein Mass für die Geschwindig- keit des Wachsthums derKrystalle. Von einer Schnittfläche einer Rübenscheibe, welche ungefähr 30 Quadratcentimeter Fläche hatte, verdunstete binnen einer Stunde bei — 12 °R. über 4 Gramm Wasser; wäre diese Fläche bedeckt ge- wesen, wodurch die Verdunstung gehindert und die Abkühlung verlangsamt worden wäre, so hätten sich diese 4 Gramm Wasser in Gestalt einer Kry- stall-Kruste abgelagert. Wenn nun auch die Imbibitionsthätigkeit allein hinreicht, um das Wachs- thum der Krystalle zu erklären, so ist es doch begreiflich, dass jede Kraft» welche das AVasser langsam und stetig aus den Zellen gegen die Oberfläche hin presst, in demselben Sinne wirken und die Krystallbildung fördern muss. Dies kann sowohl durch Zusammenziehung des Gewebes geschehen als auch durch einen hohen Grad von Turgor. 10 Krystallbildungen bei dem Gefrieren etc. Die Krystalle sind selbst auf den dunkelsten rothen Zellen der rothen Runkelrübe immer farblos; es dringt demnach aus der rothen Zellflüssig- keit eine ungefärbte heraus ; dies kann nur durch die endosmotischen Eigen- schaften der Zellwand erklärt werden, welche bei ihrer Imbibition des Zell- saftes den Farbstoflf zurücklässt, sowie die imbibirenden Häute aus Salz- lösungen einen Theil des Salzes ausscheiden und eine verdünntere Lösung aufnehmen. Man konnte vermuthen, dass die Dicke einer Eissäule je einer Zellen- grösse entspreche, so dass jede Zelle ihren besonderen Krystall bildete; die Beobachtung lehrt aber in allen Fällen, dass die Krystalldicke mehrere Zellflächen umfasst ; jeder Krystall erhält das Material zu^seinem Wachsthum aus mehreren Zellen. Wenn man in einem kalten Räume mit kalten Instrumenten präparirt, so ist es leicht. Schnitte herzustellen, welche den Krystalllängen parallel laufen, so dass man auf einem dünnen Schnitte des Gewebes die zugehörigen Krystalle aufsitzen sieht (Fig. 1. c. e.). Die Dicke der Krystalle scheint jedoch in gar keiner Beziehung zu der Grösse der sie erzeugenden Zellen zu stehen. Wie erwähnt, behalten sie ihre mittlere Dicke auf allen Theilen eines Kürbis- stückes bei, obgleich die Grösse der Zellen von aussen nach innen um das Mehrfache zunimmt. Auch ist die Dicke der Säulen nicht merklich ver- schieden, sie mögen auf dem Schnitt einer Runkelrübe, eines Kohlblattstieles oder des Kürbisfleisches stehen. Besondere Erwähnung verdient der Umstand, dass die Krystalle ebenso auf den Quer- und Längs - Schnitten der Gefässbündel stehen, wie auf dem umgebenden Parenchym. Demnach scheint es , dass die Dicke der Krystalle allein von den Molekularkräften abhängt, Avelche die Eisbildung überhaupt bedingen, nicht aber von der organischen Struktur der Unterlage. Es führt dies auf die Vorstellung, dass die auf der Oberfläche sich ausbreitende Imbibitionflüssig- keit eine kontinuirliche Schicht bildet. Bei dem Gefrieren derselben treten dann gewisse Mittelpunkte der Krystallisation auf, wodurch die dünne Eis- schicht eine parquettartige Struktur erhält; in den neuen unterhalb sich an- setzenden Schichten verdickt sich dann jede Platte für sich und nach und nach wird die Dicke der Platten grösser als ihre Breite. Die regelmässigen Abstände der Luftblasen in den Längsreihen stimmen sehr gut mit der Annahme dieses schichtenweisen Ansatzes. Offenbar wird die Luft im Moment des Erstarren s von der Flüssigkeit ausgestossen. Die Regelmässigkeit der Reihen zeigt, wie bei jeder neuen Ansatzschicht dieselben Kräfte in derselben Weise thätig sind. Die Krystallbildung ist nicht von der organischen Struktur der Zell- wände abhängig; sie können stark alterirt sein ohne der Eisbildung zu schaden. Scheiben, welche Wochen lang in Wasser gelegen und schleimig geworden Krystallbildungen bei dem Gefrieren etc. 11 sind, zeigen sie ebensogut wie erfrorene, zerfliesslich gewordene Stücke. Auf demselben Stücke kann man mehrmals nach einander Krystalle erhalten, wenn man sie abschmilzt oder abhebt. Die Krystallbildung i?t ebenso von den Substanzen der Inhalte un- abhängig, denn ihre Gestalt und Grösse ist übereinstimmend bei den ver- schiedenen Pflanzen, deren Geschmack, Geruch und Farbe hinlänglich ihre chemische Verschiedenheit erkennen lassen. Durch die Thatsache, dass man Krystallkrusten unter bekannten Be- dinsuntren auf Pflanzentheilen entstehen lassen kann, ist eine Reihe früherer Beobachtungen der experimentirenden Behandlung zugänglich geworden, und somit der Weg zu einer Erklärung derselben gegeben. Es kann nicht zweifelhaft sein, dass wir in den eben beschriebenen Gebilden eine Erscheinung vor uns haben, welche mit den von EUiot, Herschel, Dana, Le Conte, Bouche, Caspary und Hugo von ^lohl beobachteten Eis- krystallen auf lebendigen und todten Pflanzen und auf feuchtem Boden in Form und Bildungsweise übereinstimmt. Mir steht von der Litteratur darüber nur die Abhandlung Caspary's: AuflJ'allende Eisbildungen auf Pflanzen (Bot. Zeitg. 1854. S. 665) zu Gebote, worin eine Uebersicht der früheren Arbeiten gegeben ist ; ausserdem erhielt ich erst während der Abfassung der vorliegenden Abhandlung die zweite Nummer der diesjährigen Folge der bot. Zeitung, worin Hugo v. Mohl am Schlüsse seiner Abhandlung „über die anatomischen Veränderungen des Blattgelenkes, welche das Abfallen der Blätter herbei- führen" neue Beobachtunjren über derartige Eisbildungen mittheilt. Durch V. Älohl's Beobachtungen gewinnt das Phänomen eine neue Bedeutung und grössere Allgemeinheit. Stephan Elliot (a sketch of tlie botany of South Carolina and Georgia, Charlestovvn 1827 H. 322 citirt bei Caspary a. a. 0.) beobachtete diese Eisbildungen an Pluchea bifrons D. C. (Conyza b. L.), welche in Carolina und Georgien häufig auf nassem Boden wächst; „diese Pflanze bietet häufig eine merkwürdige Erscheinung dar. Während des Winters zeigt die Basis des Stammes an jedem klaren Morgen krystallinische Fäden (fibres), fast einen Zoll lang, welche nach allen Seiten von ihm ausgehen." Sir John Herschel (Notice of a remarkable disposition of ice round the decaying stems of vegetables during frost; Lond. Edinb. and Dubl. phil. mag. and Journal of sc. II. Jan. — Juni 1833 p. 110; bei Caspary a. a. O.) fand an den Stumpfen abgestorbener Disteln und Heliotropen blatt- artige Eisbildungen. James D. Dana (Manual of mineralogy. 2nt Edit. New Haven et Philad. 1849 p. 4ß; bei Caspary a. a. O.) giebt an „an kalten Morgen des Frühlings und Herbstes findet man in diesem (Nordamerika'?) Klima die Zweige von Pflanzen hin und wieder von faserigen Eislocken umgeben, welche senkrecht dem Stamme anhängen," 12 Krystallbildungen bei dem Gefrieren etc. Le Conte (observations on a remarkable exudation of ice from the stems of vegetables and on a singular protrusion of icy columns from certain kinds of earth during frosty weather: Lond. Edinb. and Dubl. pbil. mag. and Journal of sc. XXXVl. Jan. — Juni 1850; bei Caspary a. a. O.) beobachtete die Blatteisbildung wiederholt bei Pluchea bifrons D. C, caniphorata D. C. in Carolina und Georgien. Er betrachtet diese Eisbildungen als Aualogon der von ihm beobachteten faserig -massenhaften, welche auf dem Boden oft drei Zoll dicke Lagen bilden. Diese auf ziemlich nassem porösem Boden vorkommenden Krystallbildungen bestehen aus einer grossen Zahl von Eisfäden, welche miteinander zu faserigen Säulen verbunden sind, Bündeln von gesponnenem Glase ähnlich sehen , und rechtwinklig auf der Oberfläche des Bodens stehen, als ob sie in halbflüssigem Zustande von unzähligen Haar- röhrchen desselben ausgegangen wären. Die faserigen Eismassen zeigten sich nur über einem Boden, welcher selbst nicht gefroren war. Caspary (a. a. O.), welcher von dem Inspektor Bouche darauf auf- merksam gemacht wurde, beobachtete am 14. Novbr. 1853 Morgens 7 — 8 Uhr im Schöneberger bot. Garten bei einer Temperatur von — ^3*^ R. die faserig- kompakten und die blattförmigen Eismasseu an einer beträchtlichen Zahl von ausländischen im freien Lande stehenden Pflanzen, aber nicht an den in Töpfen ei'zogenen, z. Th. waren es einjährige, theils mehrjährige. ,,Die faserig-kompakten Eislagen bestanden aus kleinen dünnen Eisfäden von horizontaler Richtung, die senkrecht auf dem Holz aufsassen, so dass sie über eine mehr oder minder grosse Fläche des Holzkörpers eine zusammen- hängende, 1,5 bis 2 mm dicke Schicht bildeten; die einzelnen Fäden waren jedoch nicht zu isoliren ; sie umgaben meist nicht den ganzeu Holzkörper, sondern nur etwa ^/s — ^/s desselben und zwar in einer Länge von 30 — 90 mm. Die Rinde war über ihnen der Länge nach durch eine oder zwei Spalten geöffnet, aber nicht der Quere nach in Stücke zerfetzt. Das Eis Hess sich durch die Spalte gut sehen. Solche faserig-kompakte Eislagen zeigten sich nur an einigen wenigen Pflanzen, von denen er Lantana aculeata und Tagetes bonarieusis anmerkte und genauer untersuchte." „Viel mehr in die Augen fallend und wirklich zierlich war die zweite Art der Eisbildung, die blätterige. Vertikale, bald schneeweisse, bald wasser- klare Eisplatten von 10 — 160 mm Länge, 10 — 30 mm Breite und so dick wie starkes Papier, erhoben sich radial vom Holzcylinder aus in mehr oder weniger regelmässiger Krümmung; sie zeigten horizontale Streif ung, als ob sie aus horizontalen Eisfäden, die sich in vertikaler Richtung mit einander verbunden hätten, zusammengesetzt wären. Am Rande waren sie meist ziem- lich gradlinig begrenzt, oft aber ging die horizontale Streifung hier in Zer- faserung über, so dass der Rand gefranzt oder lockenartig war. Die Eis- blätter hatten die Rinde und das Cambium abgetrieben, sie der Länge und Quere nach gespalten und die Fetzen derselben hingen auf den Rändern KrystallbilduDgen bei dem Gefrieren etc. lo der Eisblätter. An vielen Stellen zeigte sich diese Eisbildung am ganzen Umfange des Stammes und es mochten bis gegen 30 Lamellen da sein, so dass sie in einem Durchmesser von 50 — 60 mm den Stamm umgaben, an anderen war sie nur einseitig und nur wenige Lamellen oder gar 2iur eine, oft vorzugsweise schön entwickelt, vorhanden. Besonders zierlich gebogen und mit gefranztem Rande, wie lockig, zeigten sich kürzere aber sehr breite Lamellen an den Zweigspitzen. Der Holzcylinder war oft und zwar durch mehrere Spalten gesprengt. Die Eislamellen drangen niemals aus einer Spalte hervor." Diese Lamellen wurden beobachtet an : Perilla ar- guta, Alonsoa incisifolia, Cuphea cordata, tubiflora und platycentra, Helio- tropium peruvianum, Manulea oppositifolia, Calceolaria perfoliata."^) Bei H. Hofthiann (Pflanzenklimatologie 1857 S. 329) findet sich noch eine hierher gehörige Notiz. „Blätter von Viburnum Tinus und Aucuba wurden zwischen zwei Blätter grauen Löschpapiers gelegt, diese zwischen zwei, wenige Linien dicke Schneelagen, diese zwischen zwei Glasplatten, welche also das Ganze einschlössen. Nach einer — 10" kalten Nacht fanden sich 27 Stunden später die Unterseiten, und zwar ausschliesslich, bei allen Blättern reichlichst mit feinen Eisnädelchen besetzt, von charakteristischer Gruppirung (in der Beschreibung nicht charakterisirt) bei jeder von beiden Pflanzen anders." „Eine Zerreissung, eine mechanische Verletzung war nicht zu bemerken." Hugo V. ]Mohl (in der genannten Abhandl. Bot. Zeitg. 1860 S. 15 u. 16) giebt folgende ]\Iittheilung: „Es ist bekannt, dass die Blätter mancher Bäume z. B. von Acer platauoides, den verschiedenen Arten von Juglans u. s. w. wochenlang vollständig ihre grüne Farbe verloren haben können, und dass dennoch das Abfallen derselben nur allmählich von der Basis der Zweige gegen ihre Spitzen hin erfolgt, dass dagegen, wenn in einer hellen Nacht plötzlich Frostkälte eingetreten ist, den andern Morgen die Blätter mit einem INIale massenhaft abfallen. Es trat diese Erscheinung in dem verflossenen Herbst am 23. Okt. ein. In der vorausgegangenen Nacht war das Thermometer zum ersten Male unter den Gefrierpunkt (auf — 2^ R., im Freien wahrscheinlich tiefer) gefallen, es lag des Morgens ein starker Reif und stillstehende Wasser waren ziemlich stark überfroren. Als ich des Morgens, so lange das Thermometer noch unter dem Gefrierpunkte stand und der Reif noch lag in den Garten ging, so war der Boden unter den Wallnuss- bäumen, Maulbeerbäumen u. s. w. bereits dick mit Blättern bedeckt, während sich immer noch weitere Blätter und zwar bei vollkommener Windstille ab- lösten. Die Untersuchung der Bäume zeigte, dass die Kälte stark genug gewesen war, um in den Blättern den Saft zum Gefrieren zu bringen. Als 1) Aehnliche, 2 — 3 cm breite, papierdünne Eislamellen beobachtete ich im Winter 1882 zu 1883 an alten, dicht über dem Erdboden hinliegenden fingerdicken Stämmen von Plumbogo Larpanthae. Zusatz 1892. 14 Krystallbildungen l)ei dem Gefrieren etc. ich die Blattnarben von den abgefallenen, oder gerade in der Ablösung be- griffenen Blättern betrachtete, fand ich sie bei einer Reihe von Pflanzen mit einer dünnen Eisschicht bedeckt. Am auffallendsten war dieses bei Paulow- nia der Fall, wo eine, wenigstens ^/2 Linie dicke Eisscheibe, die sich mit dem Nagel als feste zusammenhängende Masse abdrücken Hess, jede frische Blattnarbe bedeckte, während andere Blätter, welche noch am Zweige sassen, durch eine gleiche Eisscheibe bereits von der Blattnarbe völlig getrennt waren, aber auf der oberen Seite der Eisscheibe angefroren waren und dadurch am Abfallen gehindert wurden. Aehuliche, wenngleich weniger dicke Eiskrusten waren auf den grossen Blattnarben der abgefallenen oder im Abfallen be- griffenen Blätter am Gymnocladus, Ailantus, Juglans leicht zu finden, während sie auf den kleineren Blattnarben, wie bei Asimiua triloba zwar auch vor- handen, aber leichter zu übersehen waren. Es konnte keinem Zweifel unterliegen, dass bei diesen Gewächsen und namentlich bei Paulownia die Blätter auf eine rein mechanische Weise durch den zu einer Eisscheibe er- standen Saft von dem stehenbleibenden Theil des Blattkissens losgerissen waren. Die nähere Untersuchung der nach Hause genommenen Zweige zeigte, dass sich die Eisscheibe in der Trennungsschicht der Blätter gebildet hatte. Es erklärt sich dies wohl zunächst daraus, dass die Zellen dieser Schichte be- sonders mit Saft erfüllt sind. Allein dieser Umstand kann die Bildung einer so dicken Eisscheibe, wie sie bei Paulownia vorkam, nicht erklären, sondern diese kann nur dem Austreten einer beträchtlichen Saftmasse aus der Blattuarbe ihre Entstehung verdanken. Es ist nun nicht leicht zu sagen, auf welche Weise der Frost dieses Austreten von Saft bewirkt, allein es wird kaum zu zweifeln sein, dass dieser Austritt von Saft dadurch bewirkt wird, dass die Kälte, ehe sie den ganzen Zweig durchdringt, und seine Saftmasse zum Erstarren bringt, zunächst eine Kontraktion der äusseren Schichten des Zweiges veranlasst und dass dadurch ein Theil der um diese Zeit in den Zweigen reichlich vorhandenen Saftmasse in die bereits gebildete Spalte der Trennungsschichte ausgepresst wird und hier gefriert. Ich gestehe übrigens, dass mich diese Erklärung nicht ganz befriedigt, indem es zweifelhaft erscheinen kann, ob ein solcher Druck, welchen die sich zusammenziehende Rinde auf die inneren Theile der Pflanze aus- üben würde, die Bildung einer Eisscheibe von der Beschaffenheit, wie sie sich auf den Blattnarben von Paulownia darbot, zur Folge haben kann^). Es war nämlich diese Eisscheibe offenbar nicht auf die Weise entstanden, dass J) Diese Vermuthung von Hugo v. Mohl wird durch folgendes bestätigt. Wenn man Zweige von Rhamuus, Betula, Fagus, '2—3 cm dick und 10—12 cm lang, einige Zeit in Wasser Hegen lässt, dann an den Querschnitten und der Rinde gut abtrocknet und so in eine Kälte von —5° bis 6'' R. legt, so treten an den Querschnitten während des Gefrierens grosse Wassertropfen hervor, welche sogleich zu dicken Eismassen erstarren ; offenbar geschieht dies zum Theil durch Kontraktion des Holzes , das Wasser dringt mit bedeutender Gewalt und Geschwindigkeit hervor; die mikrosko- pische Untersuchung Hess keine deutliche Sonderung der Eismasse in Säulen erkennen. Krystallbildungen bei dem Gefrieren etc. 15 der zu Eis erstarrende Saft rasch und aus einzelnen Gefässmündungen aus- geflossen ist und die Spalte der Trennungsschichte überschwemmt hat, indem sie in diesem Falle aus einer gleichmässigen Eismasse gebildet gewesen wäre." — „Die Eisscheiben waren so gross, als die Blattnarbe selbst, am Rande scharf abgeschnitten und cylindrisch, und es zeigte das Eis in seiner Färbung {wohl in Folge von Einschluss kleiner Luftblasen) Unterschiede, je nachdem dasselbe sich über dem Parenchym der Blattnarbe, oder über den abgerissenen Gefässbündel gebildet hatte, insofern dasselbe an den Stellen, welche den Gefässbündeln entspi'achen, nicht ganz durchsichtig sondern weissgefärbt war." Ich finde bei v. Mohl keine Angabe, ob die Eisscheiben aus Eisfäden oder Säulen bestanden, ihre Bildungsweise stimmt aber so sehr mit den Eis- krusten auf den Rübenscheiben und den Blattstielquerschnitten öberein, dass man wohl die Annahme ohne Weiteres wagen darf. Hugo V. Mohl beobachtete die von Le Conte zuerst beschriebene Bil- dung von Eiskrystallen auf dem Boden; die von ihm beschriebenen Bildungen sind um Tübingen bekannt und führen dort den Namen Kammeis. Er sah sie am 11. Novb. 1859 auf dem Gebirgszug des Schwarzwaldes; Eissäulen standen senkrecht aus dem Boden hervor. „Nach vorausgegangenem Regen- wetter hatte sich der Himmel am 10. Novb. aufgeklärt und es war in der Nacht auf den 11. mit kaltem Nordwind Frost eingetreten. An diesem Tao-e fand sich nun an unzähligen Stellen, an denen der Boden von Vege- tation entblösst war und eine steile Böschung bildete (in Hohlwegen, am Ab- hänge von Gräben) diese auffallende Eisbildung. Dieselbe bestand theils aus isolirten, gewöhnlich aber aus massenweise neben einanderstehenden und theilweise aneinander angefrorenen Eisfäden, von der Dicke einer Nähnadel bis zur Dicke eines Rabenkiels , welche gewöhnlich vollkommen grade, nur selten erekrümmt waren und eine Länge von 1 — 2 Zollen hatten. Der Boden, auf dem sie aufsassen, bestand aus einem mit wenig Thon gemengten Sande und war massig feucht. Bei der ersten Bildung der Eisnadeln war wohl die äusserste Schicht des Bodens gefroren gewesen, denn sie war von den Eis- säulen in die Höhe gehoben worden, während das untere Ende derselben auf nicht gefrorenem Boden aufsass ^). Fassen wir nun das Vorhergehende kurz zusammen, so sind bis jetzt folgende Fälle beobachtet. 1. Einzelne Eissäulen von Stephan Elliot und H. Hoffmann auffrischen Pflanzentheilen beobachtet; ich sah häufig einzelne kleine Säulen auf Rübenquerschnitten, welche unbedeckt gefroren, (siehe ferner: Bounet: Usage des feuilles LXXXII). 1) In der Umgegend von Bonn habe ich diese Kammeisbildungen später viel- fach beobachtet , besonders oft an den Radspuren auf erweichtem Boden der Feld- wege. Zusatz 1892. 16 KrystallbilduDgen bei dem Gefrieren etc. 2. Eisfäden durch seitliche Anlagerung zu Eisflächen vereinigt, von Herschel, Dana, Le Conte, Bouche, Caspary, später von mir be- obachtet. 3. Krystalle durch seitliche Anlagerung zu kompakten Massen von der Dicke einer Krystallhöhe verbunden ; unter der Rinde todter Stämme von Herschel, lebender Stämme von Caspary, auf den frischen Ab- lösungsflächen der Blattkissen von v. Mohl, auf den Schnittflächen frischer Pflanzentheile von mir beobachtet ; ähnliche, aber viel höhere Eissäulen auf feuchtem Boden von Le Conte, v. Mohl und mir beobachtet. 4. Die schorfigen Eisbildungen aus dünnen, meist sechsseitigen Tafeln bestehend auf dem grosszelligen , lockeren Parenchym des inneren Kürbisfleisches von mir beobachtet. Folgendes sind die wichtigsten Punkte, in denen diese Gebilde über- einstimmen : I. Ihre Gestalt weist jederzeit darauf hin , dass sie nach und nach wachsen ; ich habe an den von mir beobachteten dieses Wachsen direkt verfolgt. IL Das Wachsthum erfolgt immer in einer Richtung, welche auf der Unterlage senkrecht steht. HL In allen Fällen lässt sich das Wachsthum nur dadurch erklären, dass während desselben die Unterlage, welche das Material dazu liefert, noch ungefroren bleibt, bei den von mir beobachteten Eis- bildungen und bei denen des Bodens ist dieses beobachtet, bei den anderen weisen die Umstände darauf hin. IV. Die Bildung dieser einseitig wachsenden Krystalle erfolgt jederzeit bei geringer Kälte, und nur auf solchen Unterlagen, welche bis dahin eine höhere Temperatur besassen. V. Das Quantum und die Bildungsweise der Krystalle weist in allen Fällen darauf hin, dass das sie bildende Wasser weder allein durch Zusammenziehung der Unterlage, noch durch Ausdehnung des Wassers austritt. Leider hat keiner der früheren Beobachter die Krystalle mikroskopisch untersucht (und die Erklärungen Le Conte's und Caspary's sind so gänz- lich verfehlt, dass ihre nochmalige Reproduktion am Besten unterbleibt.) Meine oben angegebene Erklärung unterscheidet sich von der v. Mohl's nur durch das Wort „aussickern", welches er braucht und für welches er keine bestimmte Kraft angiebt; wogegen ich eine allgemein bekannte und bestimmte Kraft, die Imbibition sthätigkeit, als Ursache des kontinuirlichen Wasseraustrittes bezeichnet habe. Dass H. v, Mohl keinen wesentlichen Unterschied zwischen der Bildung der Boden-Krystalle und der Eiskrusten auf Pflanzen macht, geht daraus hervor, dass er auf die mitgetheilte Vor- Krystallbilduugen bei dcui Gefrieren etc. 17 Stellung, die er sich von dem Bildungsprozess des letzteren macht, durch die Bildung des Kammeises geleitet wurde. ,,Man kann sich ihre Entstehung (der Bodenkrystalle) kaum anders denken, als dass Avährend der Erstarrung des Wassers in den äussersten Endigungen der den Boden durchziehenden leeren Räume ein beständiges schwaches Xachsickern von Wasser statt- gefunden hat, durch welches das Material zu beständigem Ansatz neuen Eises am Grunde der Nadeln geliefert wurde." Es ist klar, dass die von mir gegebene Erklärungsweise sich ebensogut dem Boden anbequemt, wie den Pflanzengeweben. Ich stimme daher v. Mohl's Ansicht vollkommen bei, wenn er zwischen den Eisbildungen auf dem Boden und auf Pflanzen keinen wesentlichen Unterschied statuirt. Auch hält es v. Mohl für möglich, dass das „Aussickern" durch die Zusamraenziehung der Zweige bei der Abkühlung noch unterstützt werde. Dass Bouche und Caspary die blättrigen und faserig-kompakten Eis- bildungen nur auf Pflanzen des freien Landes beobachteten, möchte ich in Folgendem begründet finden. Wenn es zur Erklärung jener Eisbildungen auch nicht nöthig ist, mit Caspary einen von den Wurzeln ausgehenden be- deutenden >Saftdruck anzunehmen, welcher die Flüssigkeit über die Oberfläche des Holzes hinauspresst, bei so niederer Temperatur aber nicht existirt, so erfordert doch die Quantität des Eises, wie Caspary mit Recht angiebt, einen Zufluss von unten. Bei den Pflanzen in freiem Lande findet dieser Zufluss statt, denn die grosse Masse des Bodens kühlt sich bei den ersten Nachtfrösten nur wenig ab, die Wurzeln stehen in einem noch ziemlich hoch temperirten Medium, nehmen Wasser auf und senden es nach oben. Bei ilen in Töpfen stehenden Pflanzen kühlt dagegen die Erde schon in wenigen Stunden stark aus, wenn die Temperatur unter 0° sinkt, die Wurzeln höreu dann auf Wasser aufzunehmen und hinaufzusenden. Man kann sich durch sehr einfache Versuche von der Sistirung der Wurzelthätigkeit durch Ab- kühlung des Bodens überzeugen. Wenn man Tabak- oder Kürbispflanzeu ^) in gläsernem Gefässen erzogen hat und diese Gefässe einige Stunden lang mit Schnee umgiebt, so fangen die Blätter an stark zu welken; die Luft- temperatur von 4 — lü° R. unterhält nämlich die Ausdünstung während die Wurzeln in dem abgekühlten Boden das Verlorene nicht ersetzen können; erwärmt man dann den Boden auf 10 — 15" R., so werden die Blätter wieder straff", weil die Wurzeln wieder thätig geworden sind. Demnach erklärt sich das Nichterscheinen der Eisbildungen auf den Topfpflanzen daraus, dass bei ihnen der Zufluss von unten nicht stattfindet. Als Resultat der vorstehenden Betrachtungen möchte ich folgende Sätze hinstellen: Wenn imbibirte Körper (Zellhäute, thoniger oder humoser Boden) von hinreichender Masse, um laugsam auszukühlen, über 0° warm sind und an 1) Besonders geeignet sind Begonien. Zusatz 1892. Sachs, Gesammelte Abhandlungen. I. 18 Krystallbildungen bei dem Gefrieren etc. ihren Oberflächen von einer unter 0^ kalten Luft berührt werden, so erstarrt die äussere Schicht des Imbibitionswassers zu Eis und bildet seitlich ver- bundene, mehr oder weniger regelmässig sechseckige Platten ; durch Erneuerung der abgefrorenen Wasserschicht und Erstarren derselben verdicken sich diese Platten und endlich erscheint die zuerst gebildete Platte nur als die oberste Schicht einer mehr oder weniger hohen Eissäule. Jede Kraft, welche sehr langsam und kontinuirlich ein Austreten des Wassers im Sinne der Im- bibition bewirkt, kann die Krystallbildung befördern, solche Kräfte sind die Kontraktion des Gewebes, und der von den Wurzeln aus stattfindende Nachschub. A n li a n g. Ueber die Zusammenziehung saftiger Pflanzentheile bei dem Gefrieren. Herr Prof. H. Hoffmann hat in seinen Grundzügen der Pflanzenklima- tologie 1857 S. 327 — 329 Messungen angegeben, um auf volumetrischera Wege die Zusammenziehung saftiger Pflanzentheile bei dem Gefrieren zu er- kennen. Die Kontraktionen, w'elche er auf diese Weise erhielt, erreichen bei Blättern 21 bis über 30 Proz. des ursprünglichen Volumens. Diese ganz unglaublich grossen Zusammenziehungen veranlassten mich zu neuen Ver- suchen über diesen Gegenstand um so mehr als ich die von Herrn H. Hoff- mann befolgte Methode für unbrauchbar halte^). Die Blätter wurden von ihm in das 7*^ warme Wasser in einem Masscylinder eingetaucht, dann dem Frost ausgesetzt und abermals in das 6^ — 7*^ warme Wasser eingetaucht. Die Differenzen der Wasserböhe bei beiden Messungen wurden als Kontraktionen durch den Frost bezeichnet. Allein gefrorene Blätter, welche man in Wasser von 7'^ taucht sind momentan erfroren, d. h. rasch aufgethaut wie aus dem folgenden Theil meiner Abhandlung erhellen wix'd. Diese rasch aufgethauteu Blätter nehmen nicht nur ein anderes Volumen an als sie im Zustande der Erstarrung hatten, sondern sie zeigen auch ein durchaus verändertes Verhalten gegen Wasser. Die frischen Blätter sind niemals mit Wasser gesättigt, nehmen dasselbe also noch aus dem Masscylinder bei dem Untertauchen auf; bei einem gefrorenen Blatte tritt nicht nur eine ganz andere Wasser- kapacität auf, sondern die Aufnahme und Abgabe von Wasser, die Diffusion findet hier mit ausserordentlich grosser Geschwindigkeit statt, so dass bei dem ersten und bei dem zweiten Messen unter Wasser während der Be- obachtung Volumveränderungen stattfinden, welche mit der Zusannnenziehung 1) Dass ich diese Angaben nicht ganz unterdrücke, geschieht nur, um zu zeigen, wie es 1857 und noch Jahre lang nachher mit der Pflanzenphysiologie be- stellt war. Zusatz 1892. Krystallbildungeu bei dem Gefrieren etc. 19 bei dem Gefrieren nichts zu thun haben, und diese Aenderungen sind um so komplizirter als sie mit Aufnahme des ^Nlasswassers verbunden sind. Aber selbst wenn Alles das nicht stattfände, so wäre der Einwurf nicht zu beseitigen, dass H. HofFmann bei seiner zweiten Messung nicht das gefrorene, sondern das rasch aufgethaute getödtete Blatt mass. Da ich kein Mittel kenne, um überhaupt an Pflanzentheilen so genaue volumetrische Beobachtungen zu machen, wie sie für den gegenwärtigen Zweck allein werthvoll sein können, so beschränkte ich mich darauf, lineare Messungen zu versuchen, aus denen sich doch wenigstens annähernd die Volumänderung abschätzen lässt. ^ Blätter wurden an der Stielbasis abgeschnitten, dann die Lamina beider- seits von der Mittelrippe abgeschnitten. Der verlängerte Blattstiel wurde dann mit seiner konkaven Seite auf eine grade Linie auf weissem Papier aufge- drückt und an beiden Endpunkten mit einem sehr spitzen harten Bleistift Punkte gemacht; dann kam der Pflanzentheil in eine zugestopfte Röhre um Verdunstung zu verhindern und diese in eine Kältemischung, aus Schnee und Schwefelsäure, worin die Stiele binnen 10 — 15 Minuten völlig hart wurden; sodann wurden sie in einem kalten Zimmer wieder auf die Linie gelegt, das eine Ende auf den entsprechenden Bleistiftpunkt, das andere Ende fiel dann innerhalb des früheren Endpunktes und wurde hier mit einem neuen Punkt möglichst genau bezeichnet. Erst dann wurden mit dem Zirkel die Entfernungen gemessen. Blattstiel sammt Mittel- rippe von : frisch. Winter-Raps 88 mm Rothe Lupine 71 ,. Ballota nigra 135 „ Grünkohl 208 „ Ranuuculus repens 52,0 „ Capsella 82,5 „ Tabak 193 „ Länge gefroren. 86 mm 70,3 „ 134 „ 206 „ 50,2 „ 80,5 „ 180 ,. 194 „ Zusamnienziehung in Proz. der ur- sprüngl. Länge. 1,70 Proz. (jf'j'j )> )) 0,73 „ „ 0.96 „ „ 3,46 „ „ 2,42 „ „ 1,64 „ „ ^iOL ,, ,. Blatt von Allium cepa 199 „ Der Blattstiel des Tabaks zog sich bei dem Aufthauen nochmals um 1 mni zusammen. Wie man sieht, habe ich bei den Messungen meist nur die ganzen ]\Iillim. angegeben, diess geschah weil bei dem Auflegen des Stiels auf das Papier eine gewisse Willkürlichkeit nicht zu vermeiden ist, zumal nach dem Gefrieren, so dass die Angabe von Zehntelmillimeter schon zu den illusori- schen Genauigkeiten orehört. Die hier mitgetheilten Zahlen für die linearen Zusammenziehungen dürfen nicht unmittelbar zu Schätzungen über das Volumen benutzt werden 2* 20 Krystallbildungen bei dem Gefrieren etc. denn es ist sehr wahrscheinlich, dass die Zusammenziehung senkrecht gegen die Achse der Stiele viel geringer ist. Jedenfalls zeigen diese Messungen eine ungleich geringere Kontraktion, als Hoffmann erhalten hat. Wenn so grosse Zusammenziehungen stattfänden, wie er sie angiebt, so würde man mit blossen Augen ohne alle Messung das Resultat erkennen, da seine Volum- änderungen den dritten Theil (Dracaena cernua) des Gesammtvolums erreichen. Ich habe ferner aus Rüben und Kürbisfieisch quadratische und pris- matische Stücke möglichst gi'oss ausgeschnitten, auf Papier ihre Dimensionen bezeichnet und dann gegen Verdunstung geschützt gefrieren lassen. Es ist mir aber niemals gelungen eine deutliche Volumänderung zu bemerken ; es ist dies um so merkwürdiger, da diese Theile durch Verdunstung enorme Kontraktionen erfahren. Die Zusammenziehung bei dem Gefrieren ist auf der Unterseite der Blattstiele des Raps viel stärker als auf der Oberseite, denn wenn mau ganze in Töpfen stehende Pflanzen gefrieren lässt, so krümmen sich die Stiele stark und biegen sich abwärts. Setzt man eine gefrorene Rapspflanze an die Sonne, so krümmen sie sich so rasch aufwärts in ihr natürliche Lage, dass man die Bewegung mit den Augen leicht verfolgen kann. Auch die Unterseiten der Blätter ziehen sich bei dem Gefrieren stärker als die Oberseiten zusammen, wodurch sich die Lamina nach unten zusammenrollt. Ich erwähne diese schon von Linne (Amoenit. academ. Vol. IV de somno plant, p. 338) bei Euphorbia Lathyris und von Göppert (Wärme-Entwick- lung 1830. S. 12), ausserdem bei Cheiranthus u. a. gesehene Stellungsänder- ung der Blätter nur um die Bemerkung daran zu knüpfen, dass das Ab- wärtsbeugen der Stiele und die Einrollung der Lamina schon vor dem Erstarren eintreten, dass also die Zusammenziehungen durch Kälte nicht eine alleinige Folge des Gefrierens ist, sondern bei, einem gewissen Grade der Abkühlung dem Gefrieren vorausgeht. Daraus ergiebt sich nun das Faktum, dass starke Temperaturerniedrigungen oder besser Temperaturänder- ungen in der Nähe des Eis-puuktes als Bewegungsursache wirken. • Veränderung der Zellen durch rasches Aufthauen. Wenn man einen Kürbis der Länge nach durchschneidet, so bemerkt man auf dem Schnitt dreierlei Schichten welche, durch den Lauf der Ge- fässbündel und die Festigkeit des Parenchyms charakterisirt sind. Unmittel- bar innerhalb der Schale liegt eine Schicht, worin man nur Querschnitte von Gefässbündel bemerkt, weiter nach innen werden die Bündel zahlreicher und nehmen eine der Peripherie parallele Richtung an, endlich in der Nähe der Samen biegen die peripherischen Läufe in radiale Richtungen ein. Bezeichnen wir daher die beiden organischen Enden der Frucht als Pole, so hat man unter der Schale eine Bündelschicht, deren Lauf dem Aequator parallel Krystallbildungen bei dem Gefrieren etc. 21 geht; die mittlere Schicht besteht aus Bündeln, welche die Richtung der Meridiane haben, die dritte läuft radial. Auf einem frisch gemachten Längsschnitt bemerkt man auf dem Quer- schnitt jedes äquatorial verlaufenden Bündels einen hellen kleinen , kugel- förmigen Tropfen, der sich in Kurzem bedeutend vergrössert; sie erreichen oft 5 — 6mm Durchmesser ohne ihre runde Gestalt zu verlieren; diese aus den Gefässbündeln kommende Flüssigkeit färbt ein rothes Lackmuspapier dunkelblau; das umgebende Parenchym dagegen ist stark sauer wie gewöhn- lich. Wenn man die zuerst hervorquellenden Tropfen mit einem Filtru-- papier abtrocknet, dann einen Streifen neutrales Lackmuspapier auf den Schnitt legt und mit dem Finger ein wenig andrückt, so färbt sich das Papier an allen Stellen, wo es das Parenchym berührte, roth, nur da wo es auf die Querschnitte der äusseren Bündelschicht aufgedrückt wurde, zeigen sich intensiv blaue Punkte. Es ist demnach kein Zweifel, dass in der Kürbisfrueht ein chemischer Gegensatz zwischen den Gefässbündeln und dem Parenchym besteht. Da ich im Dezember, wo ich dies zuerst beobachtete, noch eine Kürbispflanze mit einigen Blättern in einem Topf im Laboratorium stehen hatte, so konnte ich mich überzeugen, dass in den Querschnitten der Blatt- stiele dasselbe zu beobachten ist. Die aus den Bündeln austretende Flüssig- keit ist deutlich alkalisch, das Parenchym der Rinde stark sauer. Drückt man einen Querschnitt des Blattstiels öfter nach einander auf einen neutralen Streifen Reagenzpapier, so erhält man rothe Kreisflächen, in denen die blauen Gefässbündelabdrücke einen Zirkel bilden. Ein Kürbiskeim, dessen Kotyledo- nen noch klein aber schon grün waren und der bereits zwei kleine Blätt- chen besass, gab dieselben Reaktionen, wenn man den Querschnitt des Keimstengels auf Reagenzpapier aufdrückte; zehn blaue Punkte in einem rothen Kreise. Die allerdings verkümmerte Wurzel und die Kotyledonen zeigten keine alkalisehe, sondern allein saure Reaktion-^). Das Vorkommen alkalischer Flüssigkeiten neben den gewöhnlich sauren Säften des Parenchyms wurde zuerst von Payen (Compte rendu Bd. XXVII No. 1—2. 1848; bot. Zeitg. 1848. S. 849) beobachtet. Aus der Gegenwart der Ablagerungen von Ca CO 3 in gewissen Zellen der Urticeen folgerte er, dass diese Zellen schwach alkalisch sind, während das umgebende Ge- webe sauer ist. Die hellen oberflächlichen Drüsen auf dem Mesembrianthemum crystallinum bezeichnet er als mit alkalischer Flüssigkeit gefüllt; das unter- liegende Gewebe ist sauer. Dagegen scheint es bis jetzt nicht bekannt zu sein, dass die Gefässbündel in den vegetativen Theilen und in der Frucht einer Pflanze zu allen Lebenszeiten alkalisch sind und in einem sauren Parenchym verlaufen. 1) Vergl. die spätere Abhandlung über saure, neutrale und alkalische Reaktion. 22 KrystallbikluDgen bei dem Gefrieren etc. Die aus den Querschnitten der Gefässbündel der Kürbisfrucht hervor- quellenden alkalischen Tropfen nehmen nach ^/2 Stunde ein trübes milch- weisses Ansehen an, bei Berührung mit einer Spitze bemerkt man, dass sie sich mit einer festen, elastischen Haut umgeben haben; nach einigen Stunden ist die ganze anfangs flüssige Kugel zu einer festen Masse erstarrt und ist nun elastisch wie Kautschuk. Erhitzt man ein hinreichendes Quantum dieser Substanz auf einem Platinblech, so entwickelt sich ein nach verbranntem Hörn riechender Dampf; es bleibt eine voluminöse Kohle zurück, welche schwer verbrennt. Die Asche ist im Verhältniss zu der Substanz sehr be- deutend; setzt man einen Tropfen Wasser darauf, so wird sie gänzlich auf- gelöst, besteht also aus Alkalisalzen; ein rothes Lackmuspapier in die Lösung getaucht wird dunkelblau. Da Braconnot (Rochleder Phytochemie 91) in den Kürbissen die Gegen- wart eines Ammoniaksalzes angiebt, so kam ich auf die Vermuthung, die alkalische Reaktion der frischen Bündelflüssigkeit könne von einem solchen herrühren. Das scheint aber nicht der Fall zu sein, denn die blauen Flecken, welche sie auf dem Reagenzpapier zurücklässt, bleiben auch nach starkem Austrocknen und Erwärmen desselben , und die bedeutende Quantität der fixen Alkalien in der Asche dieser Flüssigkeit giebt der Annahme Raum, dass die alkalische Reaktion der frischen Flüssigkeit von einem fixen Alkali herrührt. Setzt man auf einen frischen Schnitt einen Tropfen Molybdän- phosphorsäure, so entsteht auf jedem Gefässbündel eine kleine weisse Kruste; wäre Ammoniak zugegen, so würde diese gelb sein. Jenes Reagens auf eine dünne Schicht Kali, welche man auf Glas ausgebreitet hat, gesetzt, giebt eine ebensolche weisse Haut. Die in den Bündeln enthaltene Flüssigkeit reicht nicht hin, um den sauren Saft des umgebenden Parenchyms zu neutralisiren. Wenn man auf einem frischen Schnitt mit dem Messer hin und her schabt, so dass Bündel- flüssigkeit und Zellsaft sich mischen, so ist dann das Gemenge noch immer stark sauer. — Die Thatsache, dass saure und alkalische Flüssigkeiten, nur durch die äusserst dünnen Wände der Zellen getrennt, neben einander vorkommen können, wirft ein eigenthümliches Licht auf die Eigenschaften der Zellhäute^). Diese Zellhäute sind offenbar diosmotisch, man weiss mit welch grosser Kraft saure und alkalische Flüssigkeiten gegen einander diffimdiren, und dennoch findet dies hier nicht statt. Dies weist darauf hin, dass die lebendigen Zell- häute Eigenschaften besitzen, für welche wir bisher keine Analogie kennen. Zu demselben Schluss führt das Vorkommen einzelner Gerbstoff*zellen mitten J) Dass es sich bei diesen hier besprochenen Erscheinungen nicht um die Zellstofflamelle , sondern um die protoplasmatische Auskleidung derselben handelt, wurde schon oben hervorgehoben und ist im Folgenden zu beachten. Zusatz 1892. Krystallbildiingen bei dem Gefrieren etc. 23 in einem Parenchym welches keinen Gerbstoff enthält, ebenso das Vorhanden- sein flüssiger Farbstoffe in einzelnen Zellen mitten in einem ungefärbten Gewebe. Lässt man nun ein Stück Kürbis, von dessen Reaktionen man sich überzeugt hat, bei starker Kälte rasch gefrieren, und durchschneidet man dann das gefrorene Stück mit einem kalten Messer, legt man dann auf den frischen Schnitt ein warmes Reagenzpapier und drückt es mit dem Finger an, so erhält man keine blauen Punkte mehr, die alkalische Reaktion ist plötzlich verschwunden, nur die saure ist geblieben. Diese merkwürdige Veränderung durch ein rasches Gefrieren und rasches Aufthauen brachte mich auf den Gedanken, dass die alkalische Flüssigkeit bei dem Aufthauen sich mit der überwiegend sauren Umgebung mengt und dass so die alkalische Reaktion verschwindet. Andere später zu beschreibende Erfahrungen hatten mich unterdessen belehrt, dass die Zell- wände durch rasches Aufthauen permeabler werden und so fand ich mich zu der Ansicht gedrängt, dass die beiden Flüssigkeiten im Kürbis bei dem Auf- thauen gegen einander diffundiren, dass demnach die Zellhäute, welche vor- her die Fähigkeit besassen, Monate lang zwei chemisch verschiedene Stoffe zu trennen, diese Fähigkeit plötzlich verloren hatten. Diese Meinung wurde gleichzeitig durch ein anderes nicht minder merkwürdiges Phänomen hervorgerufen. Wenn man nämlich eine Scheibe aus einer dunkehothen Rübe in kaltem Wasser abwäscht, um den Farbstoff der zerschnittenen Zellen zu entfernen und diese Scheiben sodann in Wasser von etwa 0° bis 10° R. legt, so wird selbst nach mehreren Tagen das Wasser kaum merklich gefärbt, es nimmt höchstens einen hellrothen Schein an. Lässt man nun dieselbe Scheibe gefrieren und bringt sie im gefrorenen Zu- stande in Wasser, welches die frühere Temperatur zwischen 0° und 10° R. hat, so thauen die äusseren Schichten der Scheibe schnell auf, und in dem Masse als dies geschieht, färbt sich das umgebende Wasser dunkelroth ; bei läncrerem Liefen und öfterem Erneuern des Wassers lässt die Scheibe end- lieh allen Farbstoff austreten. Die frischen Zellvvände halten also den Farb- stoff zurück, die rasch aufgethauten dagegen lassen ihn frei gegen das Wasser diffundiren^). Ein Stück von einem welk gewordenen Kürbis wog 98,8 g; nachdem es eine Stunde in Wasser von 20° R. gelegen hatte, wog es 100,2 g, hatte also 1,4 g aufgenommen. Dieses Stück war an freier Luft binnen drei Stunden 1 ) Herr Prof. "Weber, dein ich diese Beobachtung mitzutheilen die Ehre hatte, sagte mir, dass die Adern gefrorener Leichen den Farbstoff austreten lassen, es scheint also bei dem Erfrieren animalischer Häute etwas Aehnliches stattzufinden wie bei dem der vegetabilischen Zellwände, (wobei es sich im letzten Fall jedoch nicht um die Zellstofflamelle der Wand , sondern um ihre protoplasmatische Auskleidung handelt. Zusatz 1892,). 24 Krystallbildungen bei dem Gefrieren etc. bei — 5^R. gefroren und wog in diesem Zustand 99,3 g, hatte also 0,9 g durch Verdunstung verloren ; nachdem es in Wasser von 20*' R. aufgethaut und eine halbe Stunde darin gelegen hatte, wog es 103,1 g. Demnach hatte es bei dem Aufthauen in Wasser binnen ^/2 Stunde 3,8 g aufgenommen, während es im frischen Zustande in Vs Stunde nur 0,7 g aufnahm. Die Geschwindigkeit womit das welke Stück Wasser aufnahm, hatte sich durch das rasche Aufthauen auf das Fünffache gesteigert. Es ist offenbar, dass dieses Faktum, dem ich unten noch mehrere andere anreihen werde, mit der oben ausgesprochenen Ansicht übereinstimmt, indem es beweist, dass die Permeabilität der Zellwände durch das Aufthauen erhöht wurde. Nicht bloss der Ein- und Austritt von Flüssigkeiten findet durch er- frorene (d. h. schnell aufgethaute) Zellhäute rascher statt, sondern auch die Gase dringen in erfrorene Zellen mit grösserer Geschwindigkeit ein, wie fol- gende Beobachtungen zeigen. Durchschneidet man eine Runkelrübe mit vuigefärbtem Parenchym und lässt sie einige Zeit an der Luft liegen, so färben sich die Querschnitte sämmtlicher Geiässbündel schwarz , jedoch nur an der Oberfläche ; nimmt man dann eine dünne Scheibe ab, so sind die Gefässbündel daselbst noch ungefärbt. Es bedarf keiner Erörterung, dass diese Schwärzung eine Wirkung des Sauerstoti^s der Luft ist. Lässt man nun eine ganze Rübe gefrieren und durchschneidet sie dann, um sie in einem warmen Zimmer aufthauen zu lassen, so schwärzen sich die Gefässbündel viel schneller; nach 24 Stunden, wo bei der ersten die Schwärz- ung nur oberflächlich ist, ist bei der aufgethauten Rübe diese Veränderung durch die ganze Masse gedrungen, das ganze Parenchym der Rübe ist schwarz ge- worden. Demnach niuss hier der Sauerstoff" der Luft sehr rasch eingedrungen sein. Nur die Geschwindigkeit des Aufthauens bringt diese Veränderung in gefrorenen Geweben hervor. Lässt man Stücke von Rüben und Kürbissen bei 4° bis 6*^ Kälte ge- frieren, und bringt sie dann in eine Luft von 2" bis 3° über Null, so nehmen sie nach dem Aufthauen das Ansehen erfrorener Pflanzentheile an, das oj)ake Aussehen ist verschwunden, die Stücke sind jetzt diaphan, es hat offenbar eine Infiltration der luftführenden Intercellularräume stattgefunden. Ganz dasselbe geschieht unter gleichen Bedingungen mit gefrorenen Blättern von Runkelrüben, Raps, Kohl, Phaseolus und Faba. Noch entschiedener und rascher findet das Erfi-ieren (Tödtung) statt, wenn man die gefrorenen Theile in warmes Wasser wirft; selbst in Wasser von 6^ bis 10^ erfrieren die gefrorenen Theile noch^). Legt man die Stücke aber in Wasser von 0° 1) Gefrieren bedeutet Erstarrung (Eisbildung) durch den Frost; „Erfrieren" bedeutet nach deutschem Sprachgebrauch Tödtung von Thieren und Pflanzen durch Kältewirkung; die Tödtung wird jedoch erst nach dem Aufthauen bemerkt. Zu- satz 1892. KiystallbilduDgen bei dem Gefrieren etc. 25 SO überzieheil sie sich sogleich mit einer immer dicker werdenden Eiskruste; steht das Wasser in einer Luft von 0° bis 3*^ R., so thaut dann zuerst das Eis und endlich das Gewebe langsam auf. Unter solchen Umständen be- halten die genannten Blätter, selbst die so höchst empfindlichen Blätter des Tabaks ihre frische Farbe, ihre Opacität, ihre Strafi'heit, sie sind nicht in- filtrirt. Dagegen ist bei diesem Verfahren das Erfrieren der Rüben- und Kürbisstücke kaum zu vermeiden, auch in Wasser von 0° wo sie binnen 12 — 24 Stunden erst aufthauen zeigen sie nachher alle Anzeichen des Er- frorenseins. Legt man sie dagegen vor dem Gefrieren in Wasser, lässt das Ganze zu einem einzigen Eisklumpen erstarren, und bringt diese Masse nun in eine Luft von 4'' bis 5*^ R. so thaut sie langsam von aussen nach innen auf; hatte man z. B. ein Liter Wasser genommen, so dauert es 24 Stunden bis das Ganze aufgethaut ist. Alsdann aber schwimmen die Kürbis- und Rübenstücke völlig unversehrt in dem Wasser, sie haben ihre ganze Frische behalten, sind fest, elastisch, opak, lassen bei Druck kein Wasser fliessen ; Blätter der empfindlichsten Art, wie die von Phaseolus, Faba, Tabak über- stehen die härtesten Kältegrade bei diesem Verfahren^). 1) H. HoflFmaun (Pflanzenklimatologie S. 321) hat ähnliche Versuche gemacht und ist zu einem entgegengesetzten Resultat gekommen. „Wollte man, sagt er, den Schluss ziehen, dass die rasche Temperaturerhöhung an und für sich allein die Ur- sache der erwähnten Vorgänge (der Bräunung der gefrorenen und bei 11 — 12° auf- gethauten Blätter) sei. so würde man selir irren." Ph- schliesst dies daraus, dass gefrorene Blätter von Camphora, Aucuba, Viburnum Tinus. Camellia, Rosmarin u. a. in Wasser von 12" gebracht nach 24 Stunden noch grün waren. Allein trotz der grossen Unempfindlichkeit dieser festen Blätter zweifle ich noch an der Erhaltung derselben , da Hoftmann nur die Farbe als Kriterium ihres Zustandes angiebt ; die Blätter von Faba, Tabak und Phaseolus. welche gefroren in Wasser von 10— 12° R. eingetaucht werden, sind fast momentan getödtet; allein sie behalten ihre grüne Farbe im Wasser tagelang bei , ausserhalb desselben sind sie in einigen Minuten ihrer schönen Farbe beraubt. Auch Hofl'mann giebt an. dass die aus dem Wasser hervor- stehenden Theile sich schwärzten. Alle früheren Schriftsteller haben grosses Ge- wicht auf die Verfärbung erfrorener Blätter gelegt, und Hoffmann geht soweit, darin das Kriterium zur Beurtheilung ihres Zustandes zu sehen. Allein nach meinen Ver- suchen ist die Verfärbung ein sekundäres Phänomen , das einzige ganz allein und unter allen Umständen Entscheidende über die Frage , ob ein Pfianzentheil erfroren sei, ist die Infiltration der Intercellularräume. Wenn ein Blatt oder sonst ein Ge- webetheil nach dem Aufthauen im durchfallenden Licht heller und homogen aussieht, auf schwarzem Hintergrunde dunkler erscheint, also durchsichtig geworden ist, dann ist dies das Zeichen , dass seine Intercellular-Räume sich mit Flüssigkeit gefüllt haben, infiltrirt sind. Bleibt ein solcher Theil an der Luft liegen, so tritt meist (nicht immer z. B. bei den Schnitten von Wasserrüben) eine Farbenänderung ein, ist er unter Wasser aufgethaut und dalj^ei erfroren (getödtet), so tritt selbst bei den ver- änderlichsten Blättern keine Farbenänderung ein. Es ist wahrscheinlich , dass diese Verfärbung auf dem oben genannten raschen Eindringen der Luft in die permeabler gewordenen Gewebe beruht, was unter Wasser nur langsam geschieht. Göppert (Wärme-Entwickelung in den Pfl., deren Gefrieren und Schutzmittel. 26 Krystallbildungen bei dem Gefrieren etc. Durch die erhöhte Permeabilität der Zellwäude, welche bei raschem Aufthauen eintritt, erklärt sich auch die Infiltration der Intercellularräunie des Gewebes. Die Infiltration macht sich hinlänglich durch das veränderte Aussehen geltend, zunächst durch die homogene grüne Färbung, dann durch die Durchsichtigkeit. Ausserdem ist es nicht schwer, sich direkt davon zu überzeugen. Wenn man nicht allzufeiue Schnitte des Gewebes ohne Wasserzusatz auf den Objektträger bringt, so erkennt man die Luft in den Intercellular- Breslau 1830 S. 231—232) kam ebenfalls durch seine Versuche zu einem, dem meinigen entgegengesetzten Resultat. Bei seiner grossen Bekanntschaft mit dem Aussehen erfrorener Pflanzen ist es nicht erlaubt, zu zweifeln, dass seine Beschreibung richtig ist. Indessen finde ich keine Angabe, dass er seine gefrorenen Pflanzentheile un- mittelbar aus der kalten Luft in kaltes Wasser oder in Schnee brachte, und dieses ist bei den Blättern entscheidend. Ich habe im Anfang meiner Untersuchungen oft negative Resultate erhalten, weil ich das rasche Verderben der Blätter nicht kannte. Es genügt, ein gefrorenes Blatt von Faba, Phaseolus oder Tabak 5 — 10 Sekunden lang in eine Luft von 10 — 12° R. zu bringen, um es völlig zu tödten. Die blosse, leise Berührung mit dem Finger tödtet den berührten Theil fast momentan. Ich hatte im Dezember zwischen einem Doppelfenster eine grössere Zahl von Keim- pflanzen von Faba stehen; in der Nacht vom 23. auf 24. gefror die Erde des Topfes sammt den Pflanzen; diese waren völlig spröde. Um mich von ihrem Zustande zu überzeugen, hatte ich bei einigen die Blätter, bei andern die Stengel angegriff'en, ohne sie zu drücken. Darauf blieben die Pflanzen in dem kalten Räume sich selbst überlassen, das Thermometer stieg langsam bis zum 25. auf 0° (in der Erde des Topfes), als ich dann nach 8 Tagen zurückkehrte und die Pflanzen betrachtete, fand ich alle unberührten völlig gesund und weiter gewachsen, sie stehen noch jetzt an meinem Fenster, die berührten Stellen dagegen waren braun geworden , und die be- rührten Stengel, auf einer Seite gebräunt, hatten das Wachsthum der betreffenden Pflanzen aufgehalten. An gefrorenen Blättern in Töpfen stehender Bohnen erzeugte ich durch eine 1 — 2 Sekunden lange Berührung mit dem Finger erfrorene Flecke, während das Uebrige gesund blieb. Dies alles lässt jedoch keine Anwendung auf die Versuche mit Zwiebeln zu, welche Göppert machte. Ich habe diese Versuche nicht wiederholt und habe also kein Urtheil darüber; aber nach Analogie mit den viel empfindlicheren Kürbisstücken zu schliessen, glaube ich, man würde auch Zwiebeln durch ein noch langsameres Aufthauen vor dem Erfrieren schützen können. Um Blätter in kaltem Wasser aufthauen zu lassen, lege ich sie in einen Glascylinder, der in einer Kältemischung steht, welche während 12 Stunden immerfort unter — IS** R. bleibt. Ein Thermometer, dessen Kugel von den Blättern umgeben ist, giebt die Temperatur an, bei welcher sie gefrieren; nachdem das Thermometer einige Stunden lang unter 0° gestanden, und die Blätter bei Berührung mit einem Glasstabe sich als erstarrt bekunden, bleibt der Cylinder noch in der Kältemischung stehen, wird aber mit kaltem Wasser gefüllt; jetzt erst wird er herausgenommen und in eine nicht allzuwarme Luft gestellt. Bei diesem Verfahren haben sich die empfind- lichsten Blätter immer frisch erhalten. Indessen verhalten sich verschiedene Pfianzen gegen Kälte so verschieden, dass man auf Analogien nicht viel bauen darf, und un- möglich ist es nicht, dass Zwiebeln durch das Gefrieren an und für sich getödtet werden ; es scheint, dass die Zellen in den erfrorenen Schuppen von Allium cepa sich lockern und durch leichten Druck von einander ablösen. Krystallbildungeu bei dem Gefrieren etc. 27 Räumen und den Spiralgefässen ; lässt man nun den Schnitt auf dem Ob- jektträger möglichst schnell gefrieren, indem man ihn in einen Cylinder bringt, welcher in einer möglichst kalten Mischung steht, so dass das Gefrieren in einigen Minuten stattfindet, und bringt man ihn dann in einem kalten Zimmer unter das Mikroskop, so erkennt man zwischen den gefrorenen Zellen noch die Lufträume. Dann beginnt ein langsames Thauen und man bemerkt wie sich ein Intercellular-Raum nach dem andern mit Flüssigkeit füllt; ebenso tritt die Luft aus den Gefässen hervor und der ganze Gewebtheil wird nun durch- sichtiger, gewinnt ein Ansehen, als ob man ihn mit Kalilauge behandelt hätte. Die früheren Beobachter scheinen das Infiltrations-Phänomen als eine einfache Farbenänderung betrachtet zu haben, ich finde wenigstens nirgend eine Andeutung, dass irgend Jemand die nach raschem Thauen eintretende Farbenäuderung als eine Infiltration bezeichnet hätte. xVusser der Infiltration der Lufträume und der damit verbundenen Aenderung der Durchsichtigkeit, erklären sich aus der erhöhten Permeabilität der Zellwände noch zwei andere Erscheinungen, welche nach dem raschen Aufthauen eintreten, nämlich die Zerfliesslichkeit und der Mangel an Turgor. Eine frische durchschnittene Rübe, Kartoffel, Kürbis oder Blätter kann mau mit aller Kraft der Hände zusammendrücken, ohne mehr als ein Feucht- werden der Schnittflächen zu erzielen ; dieselben Stücke gefroren und dann rasch aufgethaut, lassen schon bei sehr geringem Druck Flüssigkeit in Masse auslaufen, und durch kräftiges Pressen mit den Händen ist es möglich die Flüssig- keit in dem Grade auszutreiben, dass man zuletzt nur eine lederartige, zähe, ziemlich trockene Masse übrig behält. Wenn Göppert nicht schon den Beweis geführt hätte, dass bei dem Erfrieren keine Zerreissung der Zellen stattfindet, wie die älteren Physiologen glaubten, so könnte man diesen Beweis durch das Auspressen der Kartoffeln liefern. Wenn die Zellen erfrorener Kartoffeln zerrissen wären, so müsste der ausfliessende Saft eine grosse Menge Stärke- körner enthalten ; es treten aber nur einzelne wenige derselben aus, offenbar in Folge der Risse, welche bei dem Zusammendrücken entstehen. Die er- höhte Permeabilität der Wände hindert sie, turgid zu sein. Ein erfrorenes, d. h. rasch aufgethautes Blatt ist weich, unelastisch wie ein nasser Lappen; wenn man es in Wasser legt, oder sogleich in Wasser aufthauen Hess, so wird es dadurch nicht straft', nicht elastisch. Dieser Zustand ist keine Folge der Infiltration, sondern gleich dieser eine Folge der hohen Permeabilität der Zellwände. Wenn man frische Blätter unter der Luftpumpe oder durch langes Liegen unter Wasser infiltrirt, so behalten sie dabei ihre Turgescenz, ihre Straffheit und Elasticität bei, demnach kann die durch das rasche Auf- thauen erzeugte Schlaffheit keine Folge der Infiltration sein. Dagegen er- klärt sich der Mangel an Turgor leicht aus der erhöhten Durchgängigkeit der Zellhäute. Die Turgescenz frischer Gewebe beruht darauf, dass sie so- 28 Kiystallbilduugen bei dem Gefrieren etc. viel Wasser aufnehmen als der höchsten Ausdehnung der Zellhäute ent- spricht. Die Aufnahme geschieht vermöge der endosmotischen Eigenschaften der Zellhäute und dauert so lange bis der durch Ueberfüllung erzeugte Druck den endosmotischen Kräften das Gleichgewicht hält. Die durch das eingedrungene Wasser ausgespannte Haut hat das Bestreben vermöge ihrer Elasticität sich zusammenzuziehen und übt ihrerseits auf die Inhaltsflüssigkeit einen entsprechenden Druck aus. Wird nun die Zellwand durch irgend eine Veränderung fähig, Wasser auf andere als diosmotische Weise austreten zu lassen, so wird vermöge ihrer Zusanunenziehung ein Theil des Wassers her- ausgepresst; dabei fällt sie zusammen und die durch den gegenseitigen Druck der Zellen erzeugte Steifheit geht verloren. Ist die Zellhaut einmal fähig geworden, Wasser austreten zu lassen bloss durch Druck, so ist sie auch nicht mehr fähig turgid zu sein. Angenommen eine solche Zelle liege in Wasser, so wird sie allerdings solches durch Endosmose aufnehmen, aber sobald sich die innere Flüssigkeit vermehrt, übt sie einen Druck auf die Zell wand und da diese jetzt nicht mehr im Stande ist, diesem Drucke zu widerstehen, so tritt ein Theil der Flüssigkeit aus. Die Turgescenz beruht auf der ausserordentlich geringen Filtrationsfähigkeit, bei grossem endosmoti- schen Vermögen ; tritt Filtrationsfähigkeit ein, so wird der Turgor unmöglich. Denken wir uns nun einen Gewebetheil im Zustande höchster Turges- cenz, z. B. eine Scheibe aus einer Rübe, welche tagelang in kaltem Wasser gelegen hat; dann üben säramtliche Zellinhalte auf ihre Wände einen gewissen Druck aus, die gespannten Häute streben, sich zusammenzuziehen. Nun denken wir uns diese Scheibe gefroren und in warmes Wasser gelegt; sie erfriert hier, wird getödtet, die Zellwände werden filtrationsfähig, jede Zellwand übt auf ihre Inhaltsflüssigkeit einen Druck und diese sucht zu entweichen, sie entweicht in der That und mengt sich mit dem die Scheibe umgebenden Wasser; das Resultat ist nun, dass die ganze Scheibe innerhalb des Wassers leichter wird. Bei der Beschreibung der unten folgenden Diffiisionsversuche werden zahlreiche Angaben diese Ausstossung der Zellinhalte nach dem Auf- thauen beweisen. Da die Zellhäute durch das Aufthauen permeabler werden, so war zu vermuthen, dass auch die endosmotischen Eigenschaften derselben sich ändern; dies ist in der That in einem überraschenden Grade der Fall. Ich wollte anfangs dünne Scheiben als Häute auf Endosmometer spannen, allein es erwies sich dies in jeder Hinsicht als unthunlich und ich entschloss mich daher die Veränderungen der Gewebeniassen selbst zu unter- suchen. Grosse Scheiben wurden in Bezug auf ihre Gewichtsänderungen unter- sucht, die sie in verschiedenen Flüssigkeiten vor und nach dem Gefrieren erleiden; der grösste Fehler, an welchem diese Methode leidet, besteht in dem Abtrocknen der erfrorenen Stücke, da diese so leicht bei geringem Krj'stallbildungen bei dem Gefrieren etc. 29 Drucke Flüssigkeit austreten lassen; jedoch habe ich diesen Uebelstand da- durch ausser Kraft zu setzen gesucht, dass ich sehr grosse Gewichts Ver- änderungen herbeizuführen suchte. Die Fehler, welche aus dem Abtrocknen der erfrorenen Stücke entsteheu liegen in den Decigrammen, bei den frischen in den Ceutigramnien ; die Aenderungen selbst l)etragen bei den als gültig betrachteten Versuchen immer mehrere Gramme. Die Scheiben wurden auf Filtrirpapier gelegt und allseitig mit Stücken desselben so lange betupft, bis diese (immer erneuert) nicht mehr nass wurden. Ich lasse im Folgenden die ersten mangelhaften Versuche, welche ich anstellte, weg und führe die anderen in einer Ordnung auf, welche mir für die Deutlichkeit geeignet scheint, sie sind aber in anderer Ordnung angestellt worden. Versuch I. Aus einer frischen rothen Runkelrübe wurden zwei möglichst^) gleiche Querscheiben genommen, jede 1 cm dick; am Umfang blieb che Rinde. Um sie in einen Zustand hoher Turgescenz zu bringen, und um diejenigen Stoffe, welche durch kaltes Wasser ausziehbar sind, möglichst zu entfernen, blieben die Scheiben fünf Tage lang in Wasser von nahe O" liegen; das Wasser- Quantum von fünf Liter wurde mehrmals erneuert. Das Gewicht der beiden Scheiben stimmte in diesem Zustande bis auf einige Decigramme überein. No. 1 wurde über Nacht vor das Fenster gelegt, wo es bei — 6°R. durch und durch gefror; No. II blieb unterdessen in dem Wasser. Am Morgen wurde No. I, welches auf der Unterseite eine Krystallkrustc hatte, von dieser mit einem warmen Handtuch befreit, No. II abgetrocknet. No. I (gefroren) wog 85,4 g. No. II. (frisch) „ 90,3 „ Der Verlust von beinahe 5 Gramm bei I kommt auf Rechnung der Verdunstung und der abgeschmolzenen Krystalle. Dann wurden beide in Wasser von 24 "R. eine Stunde lang liegen gelassen, abgetrocknet und gewogen. No. I (aufgethaut) wog 82,6 g. No. II (frisch) „ 90,2 „ Xo. 1 hatte also nach dem Aufthauen unter Wasser 2,8 g verloren; dieses Quantum war durch die Zellhäute herausgepresst worden. Da nun No. I frisch über 90 g wog so hatte sich die Wasserkapacität um mehr als 7 e: vermindert. No. II hatte sein Gewicht nicht merklich verändert bei dem Liegen im warmen Wasser, demnach kann auch bei No. I der Gewichts- verlust nicht auf Rechnung der Temperaturerhöhung kommen. Das Wasser, 1) Es musste hier immer neben der Uebereinstimmung des Gewichts auf möglichste Gleichheit der Oberflächen gesehen werden, beides ist nur unvollständig zu erzielen. 30 Krystallbildungen bei dem Gefrieren etc. in welchem die gefrorene Scheibe aufthaute, wurde dunkelroth, das der frischen blieb beinahe ungefärbt. Hierauf wurden beide in eine Lösung von 10 g NaCl in 100 com Wasser (T'^R.) gelegt, beide in dasselbe Gefäss, welches 1 1 der Lösung enthielt. Nach dreistündigem Liegen wurden sie abgetrocknet gewogen. No. I (erfroren) wog 79,5 g. No. II (frisch) „ 84,7 „ Es war natürlich Salz aufgenommen und Wasser abgegeben worden. Um beides zu bestimmen, wurden die Scheiben in möglichst kleine Stücke zerschnitten, diese abwechselnd mit warmem und kaltem Wasser ausgelaugt, bis das Wasser keine Spur Cl mehr enthielt. No. I gab 1044 ccm Auszug. No. II „ 900 ccm Ausser dem aufgenommenen NaCl enthielt dieser Auszug noch eine kleine Quantität von Chloriden, welche in den Rüben vorkommen, indessen ist ihre Menge so gering, dass bei den angegebenen Fehlerquellen keine Rücksicht auf sie genommen zu werden braucht, um so mehr, da beide Scheiben gleich viel enthalten mussten. Von jedem Auszug wurden nun 200 ccm in einer Porzellanschale eingeengt und dann in Platinschalen zur Trockene abgedampft, sodann bei leichter Rothgluth verkohlt um die geringe Menge organischer Substanz zu zerstören. Das verkohlte Extrakt wurde mit viel heissem Wasser avisgezogen ; das Eiltrat mit HNOg angesäuert, erwärmt, mit AgNOg im Ueberschuss versetzt; das gefällte AgCl in gewogenen Eiltern bei 100° getrocknet. 200 ccm von No. I gab 1,190 AgCl = 0,2937 Cl — - 0,4862 NaCl. 200 ccm „ No .II „ 0,590 „ -= 0,1457 „ = 0,2409 Demnach hatte aufgenommen : Scheibe No. I 2,537 g NaCl. „ No. II 1,084 „ „ No. I wog vor dem Einlegen in die NaCl-Lösuug 82,6 g, es hätte nach dem Herausnehmen also 82,6 -{- 2,537 = 85,137 g wiegen müssen, wenn kein Wasser ausgetreten wäre; es wog aber nur 79,5 g, demnach mussten 85,137 — 79,5 ^ 5,637 g Wasser ausgetreten sein. Es waren also für 2,537 g NaCl, welche eintraten, 5,637 „ HgO ausgetreten. Demnach war der Wasserstrom bei der Diffusion 2,2 mal stärker, als der Salzstrom. No. II wog vor dem Einlegen in die Lösung 90,2 g; da es 1,084 g NaCl aufnahm, so hätte es nachher 91,284 g wiegen müssen, wenn nichts ausgetreten wäre, es wog aber nur 84,7 g, demnach mussten 91,284 — 84,7 = 6,584 g Wasser ausgetreten sein. Kiystallbildungeu bei dem Gefrieren etc. 31 Es waren also für 1,084 NaCl, welche eintraten, 5,584 Wasser ausgetreten. Demnach war der Wasserstrom 6,07 mal stäi'ker als der Salzstrom. Die Salzlösung hatte dem gefrorenen Stücke nur 5,6, dem frischen 6,5 g Wasser entzogen; dagegen waren in das erfrorene 2,5 g Salz, in das frische nur 1,08 g Salz eingetreten. Es hatten sich also sowohl die al)soluten Geschwindigkeiten als auch das Verhältniss der Ditfusionsströme geändert. Versuch II. Auf ganz dieselbe Art wurden zwei Querscheiben einer Wasserrübe behandelt; ich führe nur die wesentlichen Zahlen an: Xo. I (gefroren) wog 75,0 g. No. 11 (frisch) „ 78,9 „ Nach einer Stunde in Wasser von 24 ^ R. wog No. I (erfroren) 70,8 g. No. II (frisch) 78,9 „ No. I hatte also bei dem Aufthauen 4,2 g Wasser ausgestossen. Nach dreistündigem Liegen in ein Litre NaCl-Lösung (1 : 10) wog No. I (erfroren) 70,1 g No. II (frisch) 69,3 „ Das aufgenommene NaCl betrug bei No. I (erfroren) 2,973 g. No. II (frisch) 0,3005 „ Das dafür ausgetretene AVasser betrug bei No. I (erfroren) 3,673 g. No. II (frisch) 9,005 „ Der Wasserstrom war bei No. I (erfroren) 1,23 mal so stark, No. II (frisch) 32,94 mal so stark als der Salzstrora. Versuch III. Eine Querscheibe aus rother Runkelrübe war gefroren rasch augethaut und hatte dann in Wasser von nahe 0°R. 24 Stunden lang gelegen. Um sie auf die Temperatur der anzuwendenden Salzlösung zu erwärmen, lag sie dann noch V2 Stunde in Wasser von 30 °R.; sie wog dann 79,8 g. Nachdem die Scheibe 24 Stunden lang in einer bei 30° gesättigten NaCl-Lösung gelegen hatte, wog sie 81,9 g. Sie hatte während dieser Zeit aufgenommen 9,534 NaCl und 7,434 Wasser abgegeben. 32 Krystallbildungeu bei dem Gefrieren etc. Bei der Natur dieser Untersuchung kommt es nicht auf streng richtige Zahlen an, und ich halte es für völlig unmöglich, solche zu erhalten; es genügt aber zu zeigen, dass die erfrorenen Zellwände sich bei der Diffusion anders verhalten als die frischen, dass zumal die endosmotischeu Aequivalente kleiner werden. Und selbst wenn die Beobachtungfehler noch grösser wären, als sie meiner Ueberzeugung nach sind, so würden doch die gemachten Ver- suche diese Forderung bestätigen. Die Thatsache allein, dass bei dem Liegen in Salzlösungen die erfrorenen Schnitte schwerer werden, während die frischen an Gewicht verlieren, wobei die angegebenen Beobachtungsfehler ihre Be- deutung verlieren, beweist einerseits den enormen Unterschied in der Diffu- sion erfrorener und frischer Häute und zeigt, dass bei den erfrorenen Schnitten mehr Salz eindringt, als Wasser herausgeht. Der folgende Versuch be- stätigt dies. 'to' Versuch IV. Zwei Querscheiben einer weissen Runkelrübe, etwas abgcAvelkt, wogen No. I. (gefroren) 44,8 g. No. II. (frisch) 45,0 g. Beide in eine Lösung von KNO3 gelegt, Avelche bei 5° gesättigt, und bis 20'' erwärmt war; nach 16 Stunden wog No. L (erfroren) 55,2 g. No. II (frisch) 42,8 g. Bei dem erfrorenen Stück überwog also die eingedrungene Salzlösung, bei dem frischen überwog dagegen das ausgetretene Wasser. Das erfrorene hatte durch das aufgenommene Quantum sein Volum bedeutend vergrössert, das frische dagegen durch den Verlust an Flüssigkeit ein sehr welkes Aussehen angenommen. Versuch V. Zwei Querscheibeu derselben Runkelrübe (roth) 24 Stunden in kaltem Wasser, dann eine Stunde in Wasser von 20^ wogen No. I (frisch) 111,8 g. No. II (frisch) 111,9 g. No. I zum Gefrieren hinausgelegt, dann beide in Wasser von 20^ und nach ^/2 Stunde gewogen : No. I (erfroren) 10,99 g. No. II (frisch) 111,8 g. Nach 16 stündigem Liegen in Wasser von 2,5° R. wog No. I (erfroren) 108,7 g. No. II (frisch) 113,9 g. Während das erfrorene über ein Gramm Wasser ausstiess, nahm das frische im kalten Wasser 2 g auf (diese letztere Erscheinung gehört nicht zu dem gegenwärtigen Thema, ich werde sie in einer folgenden Abhandlung genauer besprechen). Dann lagen beide Stücke ^ji Stunden lang in Wasser von 50° R. ; es wog No. I (erfroren) 105,0 g. No. II (frisch) 105,3 g. Krystallbikluugcu bei dem Gefrieren etc. 33 Beide Stücke ^/2 Stunde lang in Wasser von 2^ R. gelegt wogen dann No. I (erfroren) 105,5 g. No. II (frisch) 106,5 g. Nun wurden beide Stück(> in eine gesättigte Lösung von NaCI bei 30 ^ R. 3 Stunden lajig liegen gelassen ; sie wogen dann No. I (erfroren) 109,3 g. No. II (frisch) 103,0 g. Es hatte also wieder bei dero erfrorenen Stück das Eindringen, bei dem frischen das Austreten überwogen. Der folgende Versuch mag noch einen weiteren Beleg dazu liefern, dass turgescente Gewebe, wenn sie rasch aufgethaut sind, Wasser ausstossen. Versuch VI. Eine Rübenscheibe wog nachdem sie 48 Stunden in Wasser von 1 ** R. gelegen hatte 92,4 g; binnen fünf Stunden gefror sie im Freien und wog dann 89,2 g; hatte also durch Verdunstung 3,2 g verloren ; in warmes Wasser getaucht und dann in Wasser von 1 ° R. gelegt wog sie nach einer Stunde 81,5 g, hatte also innerhalb des Wassers beinahe 8 g ausgestossen ; nach weiteren 17 Stunden hatte sie unter Wasser nochmals 2,5 g verloren. Die Ausstossung von Flüssigkeit nach dem Aufthauen lässt sich nur durch die Kontraktion der filtrationsfähig gewordenen Wände erklären, durch dieselbe Veränderung, welche die Infiltration der Lufträume bestimmt. Um die erhöhte Permeabilität erfrorener Gewebe anschaulich zu macheu, braucht man nur zwei gleichdicke Scheiben einer weissen Rübe, von denen die eine erfroren ist, in eine Auflösung von Purpurschwefelsäure zu legen. Nach 24 Stunden findet man auf einem Durchschnitt, dass die Färbung in den frischen Schnitt kaum 1 mm tief eingedrungen ist, dagegen 4 — 5 mm tief in den erfrorenen. Wie sich nun auf Grundlage der erhöhten Permeabilität der Zellwände die Phänomene des Erfrierens an einander anschliessen, will ich in folgenden Sätzen darzustellen versuchen. 1. Wenn ein gefrorenes Gewebe langsam aufthaut, so erleidet es keine Veränderung; die hierzu nöthige Dauer des Aufthauens ist je nach den Pflanzen sehr verschieden. 2. Wenn ein gefrorenes Gewebe zu rasch aufthaut, so erleiden die Zell- wände desselben eine sehr wesentliche Veränderung, sie werden filtra- tionsfähig ^). 1) Es wurde schon in einer vorausgehenden Anmerkung gesagt, dass die fragliche Veränderung, wie Nägeli gezeigt, nicht die ZellstofFIamelle der Wand, sondern ihre Protoplasmaauskleidung betrifft. Zusatz 1892. Sachs, ijesammelte Abhandlungen. I. 3 34 Krystallbildungen bei dem Gefrieren etc. 3. Die üächste immer eintretende Folge dieser Veränderung ist die Infiltration der Intercellularräume mit Flüssigkeit. 4. Die Filtrationsfähigkeit der Zellwände gestattet den Inhaltsflüssig- keiten bei geringem Druck ein Austreten. 5. Das leichte Austreten der Flüssigkeit, welches zu dem allgemeinen Irrthum führte, dass erfrorene Gewebe wasserreicher seien, bewirkt eine starke Gewichtsabnahme des Gewebes, wenn es unter Wasser liegt, 6. Die Fähigkeit erfrorener Zellwände, das Wasser bei sehr geringem Drucke durchfiltriren zu lassen, macht es unmöglich, dass erfrorene Gewebe selbst unter Wasser turgid werden, sie sind immer schlaff. 7. Die Permeabilität der Zellwände erlaubt den verschiedenen Inhalts- stoffen sich zu mengen und so werden chemische Prozesse herbei- geführt, welche eine Zersetzung der Gewebsstoffe erzeugen können, 8. Wenn rasch aufgethaute Gewebe mit der Luft in Berührung bleiben, so dringt diese in die Flüssigkeiten ein und es beginnt eine rasche Zersetzung, welche meist mit Farbenveränderung verbunden ist; unter Wasser geschieht dieses langsamer, 9. Die erhöhte Permeabilität erfrorener Zellwände bedingt eine rasche Verdunstung der Flüssigkeiten, da die Häute ihre zurückhaltende Kraft verloren haben. Durch diese Sätze sind die Erscheinungen des Erfrierens noch nicht erschöpft. Es ist möglich dass unter Umständen die Kälte an sich eine Zerstörung herbeiführt, welche tödtlich werden kann. Ich möchte dreierlei Arten des Kälte-Todes unterscheiden 1. Tödtuug durch niedere Temperaturen über Null, herbeigeführt durch Sistirung der Saftbewegung; 2. Tödtung durch rasches Aufthauen gefrorener Gewebe; 3. Tödtung durch Beschädigungen im Momente des Erstarrens selbst. In Bezug auf die Aenderung der Zellwände durch das rasche Auf- thauen ist mir nur eine einzige Notiz bekannt, sie findet sich bei Göppert (Wärmeentwickelung in d. Pflanz. S. 25); er sagt: „Die Zellen sind unver- letzt, die Wände derselben nicht zerrissen, sondern nur etwas erschlafl't," Ich weiss nicht, ob Göppert unter dem Ausdruck „erschlafft" etwas Aehn- liches verstand, wie ich ihn hier gebraucht habe; jedenfalls hat er im Laufe seiner Untersuchungen kein besonderes Gewicht darauf gelegt. Göppert spricht seine Ansicht über das Erfrieren folgendermassen aus (S. 44). „Dass die Kälte zunächst das Leben vernichtet und unmittelbar nach dem erfolgten Tode als nächste Wirkung desselben Veränderungen und Zersetzungen der vegetabilischen Substanz entstehen, die rücksichtlich ihres Ursprungs und der Qualität der neugebildeten Mischungsverhältnisse die grösste Aehnlich- keit mit den durch Gährungsprozess hervorgerufenen Produktionen besitzen"; er fügt jedoch bei, dass diese Sätze einstweilen als hypothetisch anzusehen sind. Krystallbildungeu bei dem Gefrieren etc. 35 Meine Ansicht von dem Erfrieren im gewöhnlichen Sinne des Worts unterscheidet sich also von der Göppert's dadurch, dass er den ersten Moment der Tödtung in das Gefrieren selbst verlegt, ich dagegen das Gefrieren als unschädlich betrachte und nur in der Art und Weise des Aufthauens die Ursache des Todes finde. Das Gefrieren ist also für mich nur insofern die Bedingung des Erfrierens, als es ein Aufthauen nach sich zieht (vergl. jedoch oben 6ub. 3). Von neueren Erklärungsversuchen über den Hergang des Erfrierens ist mu- nur H. HofFmann's schon citirte Skizze bekannt (Pflanzenklimatologic S. 322 — 327). Kurz zusammengefasst lautet seine Ansicht so: „Bei dem Erstarren der Zellflüssigkeiten stossen diese einen Theil ihrer absorbirten Luft aus, welche neben dem Eiskörper innerhalb der Zellhaut bleibt" ; nach dem Aufthauen der Flüssigkeit werde diese Luft nicht sogleich wieder ab- sorbirt, sie wirke „alsbald zersetzend auf das Blattgrün (!) sie tödtet das Blatt". Da diese auf bekannte physikalische Erscheinungen basirte Hypothese einen Schein von Wahrheit zulässt, so versuchte ich diejenige Prüfung der- selben, welche mir die einzig entscheidende zu sein scheint. Es kommt darauf an die Luft zu entfernen, welche sich bei dem Gefrieren der Zellenflüssigkeiten absondert, um sie unschädlich zu machen. Ich brachte Blätter von Raps, Rüben, Kohl, Bohnen, Tabak in einen kleinen Recipienten, der mit der Luft- pumpe durch ein beugsames Röhreusystem verbunden war. Der Recipient wurde bis auf 5 Linien Quecksilberdruck entleert und in diesem Zustande in eine Kälte- mischung gestellt. Während die Blätter sich abkühlten und endlich gefroren, wm-de das Vakuum beständig auf 3 Linien erhalten. Bekanntlich können ganze Pflanzen nicht nur Stunden, sondern Tage lang im luftl(>eren Räume ohne sichtbaren Schaden zu leiden zubringen ; denuiach konnten auch in diesem Falle die Blätter durch das Auspumpen nicht getödtet werden, besonders da es nur eine halbe Stunde dauerte, und selbst wenn es ihnen schadet so würde doch der EflTekt nicht mit dem des Erfrierens übereinstimmen. Die in den Zwischenräumen und den Zellflüssigkeiten enthaltene Luft musste bei meinem Versuch offenbar schon vor dem Gefrieren zum grossen Theil entwichen sein, und wenn w'ähreud des Gefrierens in der That eine Ausstossung von Luft stattfindet, so musste diese eben ausgeschiedene Luft durch die Zellhäute hindurch diflundiren, und in das Vakuum eintreten ; es konnte also bei dem folgenden Aufthauen der von Hoffniann vermuthete EflTekt nicht eintreten. Nachdem die Blätter sichtlich erstarrt waren, nahm ich den Recipienten aus der Mischung und stellte ihn in die 10 — 12*^ warme Zimmerluft; während des Aufthauens, was nicht einmal sehr rasch erfolgte, wurde das Vakuum sorgfältig auf seinem früheren Stande erhalten. Als das Aufthauen vollendet war hatten die noch immer im luftleeren Räume befindlichen Blätter alle Kennzeichen der erfrorenen, sie waren bei der Bewegung des Recipienten 3* 36 Krystallbildungeu bei dem Gefrieren etc. schlaff, durchsichtig, infiltrirt; endlich wurde Luft eingelassen, die Blätter erwiesen sich bei der näheren Besichtigung als vollständig erfroren und änderten in Kurzem ihre Farbe. Ich glaube, dass Hoßmann's Vermuthung durch dieses Experiment widerlegt wird. Einen direkten Beweis für seine Ansicht führt Hoffmann nicht an, die Analogien aus denen er sie herleitet, würden sich auch mit anderen Hypothesen in Uebereinstimmung bringen lassen; ich lasse daher die Sache auf sich beruhen. N a c li t r a g. Ich habe es versucht, die von Le Conte und v. Mohl beschriebenen Eis-Krystalle, welche aus feuchtem Boden emporwachsen, entstehen zu lassen, und ein nicht ganz ungenügendes Resultat erhalten. Buchenerde (schwarzer Mulm aus dem Inneren ausgefaulter Stöcke) wurde in ein mit Abfluss versehenes Gefäss, von ungefähr einem Liter Raum, ziendich fest mit der Hand eingediückt und dann mit kaltem Wasser ge- sättigt; nachdem das überflüssige Wasser unten abgelaufen war, wurde das eiserne Gefäss mit seinem gut, doch nicht luftdicht passenden Deckel ver- schlossen ; es blieb ungefähr ein Zoll Raum zwischen der Oberfläche des Humus und dem Deckel. Am 7. Februar Abends wurde das Gefäss in's Freie gestellt. Die Temperatur war bei plötzlich erheitertem Himmel etwas unter Null gesunken, und gegen Morgen stand das Quecksilber auf 2''R. Als ich am Morgen den Deckel abnahm fand sich die Erde ziemlich fest gefroren ; auf der Oberfläche, die nicht sehr eben war, fand sich ein Ueber- zug von Eiskrystallen , welcher mit den Beschreibungen Le Conte's und V. Mohl's recht wohl übereinstimmte, nur waren die Gebilde bei Weitem kleiner. Die dicksten Kry stalle waren kaum 1 mm dick, dagegen viele 3 — 4 mm lang, meist viele neben einander zu kompakten Massen vereinigt; sie standen auf der jedesmaligen Unterlage senkrecht, an den Rändern einer Spalte in dem Boden horizontal; manche Avaren stark gekrümmt, besonders die ganz einzeln stehenden. Sie bestanden aus einem ganz klaren, wie es schien, von Luftblasen freien Eise. Da die Lufttemperatur nicht niedrig genug war, so gelang es mir nicht, eine mikroskopische Untersuchung zu machen; die Anwendung einer starken Lupe ist wegen der Annäherung des Gesichts an die kleinen, so leicht schmelzenden Massen unthuulich. Ich glaube, wenn das Quantum der Erde grösser und in einem irdenen, schlecht leitenden Gefäss gewesen wäre, so hätten die Krystalle grössere Dimensionen erreicht. Der stark verweste Buchenhumus zeigt bei dem Aufthauen eine Er- scheinung, welche den erfrorenen Zellgeweben eigen ist. Wenn man einen grossen Trichter damit anfüllt, dann die Erde öfter mit Wasser begiesst und Krystallbildungea bei dem Gefriereu etc. 37 endlich vollständig abtropfen lässt, so dass nach mehreren Stunden kein Tropfen mehr fällt, wenn man dann den Trichter über Nacht in's Freie stellt, so dass der feuchte Boden gefriert, und man bringt nun den Trichter in ein Zimmer, wo der Humurf langsam aufthaut, so beginnt bei dem Auf- thauen abermals ein Ablaufen von Wasser und hält so lange an als das Thauen. Ich habe den ^"ersuch öfter mit demselben Erfolg wiederholt. Statt des Trichters wandte ich zuletzt ein Gefäss aus Eisenblech an: es be- steht aus einem etwa 4 Zoll hohen und ebenso breiten Cylinder, der sich unten trichterförmig schliesst und eine kleine Oeffnung lässt; oben ist der Cylinder durch einen gut passenden Deckel geschlossen. Humus (ungefähr 400 ccm festgedrückt) der seit 24 Stunden nicht mehr gi^tropft hatte, fing bei dem Aufthauen von Neuem zu tropfen an, und lieferte binnen 6 Stunden ungefähr 30 ccm Wasser; dieses Wasser wieder oben aufgegossen wird nicht zurückgehalten, es läuft rasch durch. Es tritt also in dem Humus bei dem Aufthauen eine Verminderung der Wasserkapacität ein, er kann nicht mehr soviel Wasser enthalten, als vor dem Gefrieren. Ich habe mich überzeugt, dass diese Aenderuug nicht etwa mit der Temperatur des Wassers zusammen- hängt. Gleich bei den ersten beiden Versuchen nahm ich Erde, welche im Keller die Temperatur 0,5° R. angenonmien hatte und übergoss si6 so lange auf dem Trichter mit Wasser von 0° bis das Thermometer, dessen Kugel mitten in der Erde steckte, ebenfalls 0" zeigte. Während des Abtropfens hielt sich die Temperatur nahe bei O*^. Demnach hatte das vor dem Ge- frieren absorbirtc und festgehaltene Wasser die Temperatur des bei dem Auf- thauen auslaufenden. Das ebenbeschriebene Gefäss wurde mit Filtrirpapicr (in kleine Stücke zerrissen) angefüllt und dieses mit Wasser von 0° gesättigt. Nachdem das Abtropfen aufgehört hatte, liess ich das imbibirte Papier über Nacht gefrieren; am Morgen zeigten sich auf der Oberfläche der Papierstücke Krystalle, ziemlich dick und kurz, meist Krusten bildend, jedoch ohne die zierliche Form der Bodenkrystalle oder derer auf den Kürbisstücken; als das Papier in dem Gefäss zu thauen anfing, begann unten Wasser auszulaufen und es tropfte so lange als das Thauen anhielt. Sowie also gefrorene saftige Pflanzentheile bei dem Aufthauen Wasser ausstossen, so thun dies auch imbibirte Körper vegetabilischen Ursprungs. Ich glaube, das bekannte merkwürdige Verhalten des erfrorenen Stärke- kleisters lässt sich unter demselben Gesichtspunkt auffassen. Wenn man Stärke- kleister von beliebiger Konsistenz hart gefrieren und dann langsam oder rasch aufthauen lässt, so verliert er dabei seinen kleisterigen Zustand. Der aufge- thaute Kleister bildet eine feste, elastische, zähe zusammenhängende Masse von porösem Gefüge; er lässt sich zwischen den Händen zerreiben; drückt man ihn, so quillt aus den Poren klares Wasser hervor. Der aufgethaute 38 Krystallbilduugeu bei dem Gefrieren etc. Stärkekleister hält also weniger Wasser fest als der frische, gekochte. Bei dem Erfrieren scheinen die Stärketheilchen sich fester an einander zu hängen und dabei einen Theil ihres adhärirenden Wassers fahren zu lassen. Es ist nicht ganz unwahrscheinlich, dass in den Zellwänden erfrorener Pflanzentheile etwas Aehnliches stattfindet, wie bei dem Stärkekleister^). Es scheint, dass nur Zellwände von bestimmter Konstitution fähig sind, zu erfrieren, d. h. durch zu rasches Aufthauen permeabler, filtrations- fähig zu werden. Die sehr jugendlichen Gewebe scheinen des Erfrierens unfähig zu sein; ob die Moose, Flechten und Algen erfrieren können, ist mir unbekannt und scheint noch niemals untersucht worden zu sein^). Das Erfrieren der zarten, noch lebensthätigen Wurzeln scheint den- selben Bedingungen zu unterliegen, wie das der Stengel und Blätter. Nach dem lang anhaltenden Barfrost des Novembers 1859 trat plötzlich warmer Sonnenschein ein; die Erde in den Tharandter Thälern war überall tief ge- froren; an den besonnten Stellen thaute sie in einigen Stunden soweit auf, dass ich verschiedene Wurzelstöcke von Wald- und Wiesenpflanzen ausgraben konnte; ich fand zahlreiche junge Wurzeln, welche erst unmittelbar vor dem Frost entstanden sein konnten; sie waren viele Tage hindurch gefroren ge- wesen und doch jetzt nach dem Aufthauen so frisch, als ob sie in der besten Vegetation begriffen wären. Oflfenbar wirkt hier der umgebende Boden als schlechter Wärmeleiter schützend gegen zu rasches Aufthauen. Die Wurzeln des Raps werden durch rasches Aufthauen ebenso getödtet, wie die grünen Theile. Wiuterraps (mit 4 — 5 grossen Blättern) stand in mit Erde gefüllten Glasgefässen, an deren Wänden AVurzeln herabliefen. Als die Erde gefroren war und dann im geheizten Zinnner aufthaute, gingen die Wurzeln ein, sie schrumpften zu.sammen. Das Gefrieren und Aufthauen unter Wasser scheint jugendliche dünne Wurzeln nicht so zu schützen wie die Umgebung des Bodens. Eine junge Pflanze von Vicia Faba hatte ihr AVurzelsystem in Wasser vollständig ent- wickelt. Das Gefäss wurde solange in eine Kältemischung gestellt, bis die untere Hälfte des Wassers sammt den hineinragenden Wurzeln gefroren war. Binnen 24 Stunden thaute das Eis auf; sämmtliche Wurzeln waren, soweit sie im Eis gesteckt hatten, infiltrirt, durchsichtig, schlaff"; nach einigen Tagen wurden sie braun ; die oberen Theile derselben Wurzeln, welche nicht ge- 1) Im Original folgt hier eine theoretische Erörterung, die ich jedoch nicht für hinreichend gestützt halte. Zusatz 1892. ^) Dass die meisten Moose und Flechten nicht erfrieren (durch Kälte nicht getödtet werden), zeigt ihre Lebensweise; viele Algen können mit dem Wasser zu- sammen gefrieren, ohne nach dem Aufthauen getödtet zu sein; manche Florideen entlassen bei Letzterem ihre Schwärmsporen. Zusatz 1892. Krystallbilduugeu bei dem Gefrieren etc. 39 froren waren, behielten ihre Frische und die Pflanze ist seitdem, ohne eine einzige Wurzebi^itze zu besitzen normal weiter gewachsen^). Die Wurzeln von Myosotis palustris sind viel empfindlicher als die Stengel und Blätter. Eine Anzahl bewurzelter Stengel dieser Pflanze nahm ich im Dezember aus einem Bach, wo sie unter Wasser standen und ganz frisch aussahen. In einem grossen Glase unter Wasser getaucht, wuchsen sie im Zimmer weiter und entwickelten nebst neuen Blättern viele Neben- wurzeln. Einmal gefror das ganze Wasser und thaute dann ziemlich rasch bei direktem Sonnenlicht auf; sämmtliche Wurzeln waren getödtet und wurden später schwarz, die Stiele vuid Blätter waren dagegen völlig erhalten und bald kamen neue Wurzeln zum Vorschein. Ich glaube, dass in diesen beiden Fällen die Wurzeln obgleich sie von dickem Eis umgeben waren zu rasch aufgethaut sind und darum zu Grunde gingen; denn in beiden Fällen gingen Licht- und Wärmestrahlen durch das Eis hindurch und mussten die gefrorenen AVurz(^ln rasch erwärmen und zum Thauen bringen, während das umgebende Eis durch die geleitete Wärme nur langsam aufthaute. Das Erfrieren bei Temperaturen über Null scheint je nach den Pflanzen- arten und den äusseren Umständen verschiedene Ursachen zu haben. Cl. Bierkander (Bemerkungen über einige Gewächse und Bäume, die bei grösserer oder geringerer Kälte um Abo beschädigt oder getödtet werden ; königl. Schwedische Abband, für d, J. 1778; bei Göppert Wärmeentwicke- lung S. 124) giebt an, dass Cucumis sativus, Melo, Cucurbita Pepo, Im- patiens Balsamina, Mirabilis longiflora, Ocymum basilicum, Portulacca oleracea, Solanum tuberosum bei 1^ bis 2° Wärme in den Nächten des Septembers und Oktobers getödtet wurden. Da die Temperatur von dünnen Pflanzentheilen nicht nur von der Lufttemi:)eratur, sondern auch von ihrer Verdunstung und noch mehr von ihrem Strahlungsvennögen abhängt, so ist die Annahme erlaubt, dass Pflanzen selbst bei niederen Wärmegraden im eigentlichen Sinne erfrieren können. Bei heiterem Himmel im Freien und zumal bei trockener Luft kann d'e Temperatur der Blätter bei -{- 2" Luftwärme selbst auf 2^ — 3^ unter den Eispunkt sinken. Im November und Dezember 1859 und im Januar und Februar 1860 hatte ich eine grössere Anzahl von Tabakpflanzen, zwei Kürbispflanzen, Schminkbohnen, Kohl und Raps in Gefässen an den Fenstern des Labora- toriums stehen. Die Pflanzen waren sämmtlich gesund und kräftig und in langsamer Vegetation begriffen. Jedesmal, wenn ich nach einer kalten Nacht in das Laboratorium kam, wo dann die Lufttemperatur neben den Pflanzen 1) Dass krautige Pflanzen mit abgestorbenen Wurzeln im Boden noch lange fortleben, habe ich später vielfach beobachtet. Zusatz 1892. 40 Krystallbildungen bei dem Gefrieren etc. gewöhnlich auf -f 4*^ bis + 2" R. hinabgesunken war, fand ich die Blätter des Tabaks, der Bohnen, der Kürbisse im Zustande höchster Erschlaffung, sie hingen herab und waren zum Theil eingerollt. Wenn ich über Nacht die Fenster mit den Vorhängen verdeckte so waren am Morgen die Blätter trotz derselben Lufttemperatur frisch; es konnte nicht zweifelhaft sein, dass die Wärmestrahlung im ersten Falle durch die unverdeckten Fensterscheiben den Pflanzen geschadet hatte. Wenn dagegen das Lokal mehrere Tage nicht geheizt wurde und die Luft längere Zeit auf -f- 4° bis -|- 2°R. blieb, so trat jener Zustand von Schlaffheit auch bei verhangenen Fenstern ein. Dieser Zustand verdiente umsomehr Beachtung, als er alle Symptome eines weit fortgeschrittenen Welkens zeigte und doch w^ar die Erde in den Töpfen beinahe mit Wasser gesättigt. Ich kam auf den Gedanken, dass diese Schlaffheit in der That weiter Nichts als ein starkes Welken sei, dann musste offenbar trotz der feuchten Erde die Wasseraufnahme durch die AVurzeln aufgehört haben. Viele von den Pflanzen standen in gläserneu Gefässen; einige derselben wurden in Wasser (20° — 30" R.) gesetzt und durch halbirte grosse Holzdeckel der Wasserdampf von den Blättern abgehalten ; die Erde in den Glasgefässen wurde nicht befeuchtet; ein darin steckendes Thermo- meter zeigte die Erwärmung der Wurzeln an; als diese auf 10'^ — 15°R. ge- stiegen war, begannen die Blätter wieder turgid und steif zu werden und in 1 — 2 Stunden war die ganze Pflanze vollkommen frisch. Offenbar war die Thätigkeit der Wurzeln durch die erhöhte Temperatur so gesteigert worden, dass Wasser in die welken Theile hinaufgetrieben wurde. Mit den Kürbispflanzen machte ich wiederholt folgenden Versuch: der Glastopf wurde mit Schnee umgeben; als die Erde in demselben auf -|- 3*^' bis -{- 4^R. abgekühlt war, fingen die Blätter an zu welken; nach 2 — 3 Stunden hingen sie schlaff herab. Alsdann wurde das Glasgefäss wie oben in warmes Wasser gesetzt und in 1 — 2 Stunden war die Pflanze wieder völlig frisch. Bohnenpflanzen mit einigen grossen Blättern versehen und in irdenen Gefässen stehend wurden in einen mit 30*^ R. warmen Sand ange- füllten grösseren Blumentopf gestellt ; dieser selbst allseitig mit dicken Lagen von Watte umwickelt; oben mit halbirten Holzdeckeln bedeckt um die Blätter vor der aufsteigenden warmen Luft zu schützen. Ein zwischen den Wurzeln der Bohne steckendes Thermometer gab die Bodentemperatur, ein anderes dicht an den Blättern befestigtes die dort herrsehende Lufttemperatur an. Der ganze Apparat wurde nun um 10 Uhr früh in's Freie gesetzt; es war am 19. November 1859. Bis um 11 Uhr früh hatte sich die Erde durch den warmen Sand auf 27,4° R. erwärmt; das Thermometer neben den Blättern zeigte 0°; bis Nachmittag um 5 Uhr kühlte die Erde bis auf 7,5° R. aus und die Luft um die Blätter blieb beständig auf 0° stehen. Die Blätter hatten ihre ganze Frische behalten, obgleich sie 7 Stunden lang in eine)' Luft von 0° sich befanden ; wäre die Erde nicht erwärmt und die Wurzelthätig- Krystallbilduügeu bei dem Gefrieren etc. 41 keit so hoch gesteigert worden, so wären die Blätter unfehlbar erfroren. Merkwürdiger "Weise zeigten die Blätter bei eintretender Nacht eine ent- schiedene Tagstellung; jedoch hatte die Pflanze nicht im geringsten gelitten ; noch jetzt im Februar also nach beinahe 3 Monaten ist sie völlig gesund. An den Tagen, wo jene Beobachtungen gemacht wurden bestimmte ich mit einem Regnault'schen Hygrometer öfter die Luftfeuchtigkeit. Der Thau- punkt lag immer mehrere Grade unter O'^; die Luft war also ziemlich trocken und die Verdunstung musste energisch genug stattfinden. Demnach kann ich jene heftige Affektion der Pflanzen durch Temperaturen von -\- 2^ bis -|- 4*^ R. nur als eine Folge der Verdunstung betrachten, welche bei sistirter Wurzel thätigkeit ein starkes Welken bedingt; sind die Wurzeln durch höhere Temperatur zur Wasseraufnahme befähigt, so schadet jene niedere Luftwärme den Blättern nicht. Die von Hardy (Oservations sur quelques esp^ces ligneuses des pays chauds exposes a des temperatures de -f- 1" u -{- ö^; Auszug in der bot. Zeitg. 1854. S. 202) gemachten Beobachtungen lassen sich, wie es scheint, nicht auf die angegebene Art erklären. Die tropischen Holzgewächse standen im freien Lande und wurden durch Schilfdecken geschützt. Eine tiefe Erkältung der Blätter konnte also nicht stattfinden, da weder Strahlung noch Transspiration bedeutend genug sein konnten. Die meisten dieser Pflanzen waren aber erst 1 Jahr alt und wurden von den niederen Temperaturen (-f- bis 5*^ -f- 1*^ wahrscheinlich Celsius) bei stattfindender Vegetation über- rascht. Das Temperaturminimum, Ijei welchem die Vegetation dieser Ge- wächse stattfindet, wo Assimilation und Organbildung möglich sind, dürfte kaum unter lö^ R. liegen, denn schon bei den Schminkbohnen und Kürbissen findet keine Vegetation unter 12° R. statt. Wenn nun diejenigen chemischen Prozesse, welche nur bei höheren Temperaturen möglich sind, mitten in ihrem Verlaufe von Temperaturen überkommen werden, bei denen sie nicht mehr stattfinden können, so ist es wohl möglich, dass plötzliche Störungen eintreten, welche die normalen Prozesse unterbrechen und so die Pflanzen tödten. Diese schon von A. De Candolle ausgesprochene Ansicht scheint indessen nichts weniger als befriedigend ; denn die Bohnen und Kürbisse können mitten in ihrer Vegetation von niederen Wärmegraden überrascht Averden, welche jedes weitere Wachsthum sistiren, ohne dadurch getödtet zu werden. Leider sind die hierher gehörigen Thatsachen noch viel zu wenig in ihren Bedingungen gekannt; sie verdienen aber nicht bloss von physiologischer Seite die grösste Beachtung, sondern sind auch, wie A. De Candolle wieder- holt bemerkt, für die Pflanzengeographie und die Geschichte der Arten von entschiedener Bedeutung. Die Pflanzen unseres Klimas scheinen von niederen Temperaturen über dem Eispunkt nicht in der Weise affizirt zu werden, wie Kürbis, Bohne und Tabak. Im Herbst und Winter, wo die Luft anhaltend zwischen 0° und 42 Krystallbildungen bei dem Gefrieren etc. 5° R. temperirt war, konnte ich im Freien keine wildwachsenden Pflanzen finden, welche jenen Zustand von Erschlaffung gezeigt hätten. Die in Vege- tation begriffenen Pflanzen von Grünkohl und Raps, welche neben den anderen im Laboratorium standen, zeigten niemals eine ähnliche Affektion. Ich Hess die Erde von Rapspflanzen einige Stunden lang gefriei'en, während die Blätter in einer Luft von 8° — 10° R. sich befanden, ohne dass ein "Welken eintrat; der Glastopf, in welchem eine grosse Kohlstaude seit drei Monaten vegetirte, wurde 17 Stunden lang in eine Kältemischung gesetzt, welche An- fangs — 8° hatte und sich am Ende auf -[- l'^R. erwärmte; die Erde war sehr feucht; es trat aber kein Welken der Blätter ein, die sich in einer Luft von 8°— 5OR. befanden. Diese und die oben beschriebenen Versuche scheinen demnach zu be- Aveisen, dass die Wurzelthätigkeit nur bei denjenigen Pflanzen durch niedere Wärmegrade sistirt wird, welche wärmeren Klimaten angehören, dass dies aber bei denen unseres Klimas nicht stattfindet. Dass bei niederen Wärmegraden auch in den bei uns einheimischen Pflanzen Veränderungen stattfinden, welche während der eigentlichen Vege- tation nicht eintreten, zeigt die von v. Mohl beschriebene winterliche Färbung der Blätter (Vermischte Schriften von v. Mohl). Die Reihe von Erscheinungen, welche durch Temperaturerniedrigung herbeigeführt werden zeigt eine grosse Anzahl sehr verschiedener Wirkungen die in jeder Beziehung als qualitativ verschieden betrachtet werden müssen, nicht aber in quantitativer Art den Temperaturen irgendwie proportional sind. Ich habe schon in meinen „physich Unters, üb. die Keimung der Schmink- bohne" (Sitzungsber. der k. k. Akademie der W. XXXVIL 1859) darauf hingewiesen, dass man die verschiedenen Wärmegrade in ihren Wirkungen auf die Vegetation vielmehr als qualitativ verschiedene Kräfte, denn als quantitativ verschiedene Intensitäten einer Kraft auffassen muss. Die ausser- ordentliche Komplikation des vegetativen Organismus bringt es mit sich, dass verschiedene Intensitäten derselben Kraft qualitativ verschiedene Wirkungen hervorrufen. Wenn die Temperatur unter einen bestimmten Grad hinab- sinkt, so hört zuerst die Neubildung von Organen auf; sinkt sie noch tiefer ohne den Eispunkt zu erreichen, so treten Störungen in der Saftleitung ein ; hält diese niedere Temperatur längere Zeit an und ist das Licht thätig, so treten eigenthümliche Prozesse auf, welche mit einer Farbenänderung des Laubes verknüpft sind ; sinkt sie unter den Eispunkt so tritt Erstarrung der Säfte ein, die entweder an und für sich schädlich wirkt oder insofern tödtet, als ein rasches Aufthauen darauf erfolgt. Tharandt, den 9. Februar 1860. Krystallbilchiugen bei dem Gefrieren etc. 43 Zusatz (1892). Die auf den letzten Seiten des vorstehenden Aufsatzes besprochene Wirkung von niederen Temperaturen über 0" habe ich ausführlicher behandelt in der botanischen Zeitung von 1860, Nr. 14. Eine zusammenfassende Darstellung Alles dessen, was man damals über das seit 30 Jahren vernachlässigte Thema des Erfrierens der Pflanzen überhaupt wusste, gab ich in mehr populärer Form in der Zeitschrift: „Die landwirthschaftlichen Versuchsstatione]i", Dresden 1860 im 5. Heft. Die hier folgende Darstellung entnehme ich der 4. Aufl. (p. 702) meines „Lehrbuches der Botanik" (1874). Das Erfrieren oder die Tödtung der Zellen durch Erstarrung ihres Saftwassers zu Eis und durch nachheriges Aufthauen des letzteren hängt ebenfalls in erster Linie vom "NVasserreichthum der Zellen ab. Lufttrockene Samen scheinen jeden Kältegrad ohne Beschädigung ihrer Keimkraft zu über- dauern; die Winterknospeu der Holzpflanzeo, deren Zellen .sehr reich an assimilirten Stofl^en, aber wasserarm sind, überdauern die AVinterkälte und oft wiederholtes rasches Aufthauen, während die jungen, in der Entfaltung begriffenen Blätter im Frühjahr einem leichten Nachtfrost erliegen. — Ein mindestens ebenso wichtiges Moment aber liegt in der spezifischen Organi- sation der Pflanze; manche Varietäten derselben Pflanzenart unterscheiden sich nur durch den Grad ihrer Resistenz gegen die Kälte und das Aufthauen. Manche Pflanzen, wie die Flechten, Laub- und Lebermoose, manche Pilze von lederartiger Konsistenz, die Mistel u. a. scheinen überhaupt niemals zu erfrieren, die Naviculeen können nach Pfitzer bei 10 — 20 ''R. gefrieren und nach dem Aufthauen wieder fortleben, während manche Phanerogamen aus südlicher Heiraath schon durch rasche Temperaturschwankungen um den Eispunkt getödtet werden. Schmitz (Linnaea 1843, p. 445) sah Agaricus fascicularis steif gefroren, nach dem Aufthauen weiterwachsen. Ob ein Pflauzengewebe durch die blosse Thatsache, dass sein Zellsaft- wasser zu Eiskrystallen erstarrt, schon getödtet werden könne, ist ungewiss; sicher dagegen ist es, dass bei sehr vielen Pflanzen die Tödtung erst durch die Art des Aufthauens bewirkt wird; dasselbe Gewebe, \Yelches nach dem Gefrieren des Saftwassers bei langsamem Aufthauen lebensfrisch bleibt, wird desorganisirt, wenn es, bei gleicher Kälte gefroren, rasch aufthaut: demnach erfolgt bei solchen Pflanzen die Tödtung nicht beim Gefrieren, sondern erst beim Aufthauen. Bei der Eisbildung in einem Pflanzengewebe kommen zweierlei Ver- hältnisse zuerst in Betracht : Das Wasser, welches gefrieren soll, ist einerseits in einem Lösungsgemenge, dem Zellsafte enthalten, andererseits wird es von 44: KrystallbilduDgen bei dem Gefrieren etc. den Adhäsionskräften in den Molekularporen der Zellhaut und der Proto- plasmagebilde als Imbibitionswasser festgehalten. — Nun ist es eine in der Physik festgestellte Thatsache, dass eine gefrierende Lösung sich scheidet in reines Wasser, welches zu Eis erstarrt, und in eine konzentrirtere Lösung, deren Gefrierpunkt tieferliegt (Rüdorf f in Pogg. Ann. 1861, Bd. 114, p. 52 und 1862, Bd. 116, p. 55). Es wird also durch das Gefrieren eines Theils des Zellsaftwassers der noch nicht gefrorene Theil des Saftes konzentrirter, es können dadurch möglicherweise chemische Veränderungen eingeleitet werden, da RüdorfF nachweist, dass in einer gefrierenden Lösung wirklich neue Ver- bindungen auftreten. In wie weit dieses Moment bei der Tödtung der Zellen durch Gefrieren und Aufthauen in Betracht kommt, lässt sich jetzt noch nicht entscheiden. Etwas Aehnliches wie bei einer gefrierenden Lösung macht sich nun auch bei dem Gefrieren eines imbibirten, quellungsfähigen, organisirten Körpers geltend ; auch hier gefriert bei einem bestimmen Kältegrade nur ein Theil des imbibirten Wassers, der andere bleibt als Imbibitionswasser zwischen den Molekülen des Körpers, der dementsprechend sein Volumen vermindert, sich zusammenzieht, während der gefrierende Theil des Imbibitionswassers von den Molekülen des imbibirten Körpers sich trennt, die Wassermoleküle werden losgerissen, um sich zu Eiskrystallen zu gruppiren. — Bei dem gefrorenen Stärkekleister tritt dies auffallend hervor; vor dem Gefrieren eine homogene Masse, erscheint er nach dem Aufthauen als ein schwammiges, grobporöses Gebilde, aus dessen groben Hohlräumen das aufthauende Wasser klar ab- läuft; ähnlich verhält sich geronnenes Eiweiss bei dem Aufthauen; in diesen Fällen wird offenbar eine dauernde Veränderung durch das Gefrieren eines Theils des imbibirten Wassers hervorgerufen; die bei der Eisbildung im Kleister und im geronnenen Eiweiss zu einem wasserarmen Netzwerk sich gruppirenden Moleküle der Substanz ordnen sich bei dem Aufthauen nicht mehr mit dem bei dem Gefrieren von ihnen abgetrennten Wassertheilen zu einem homogenen Ganzen zusammen ; der aufgethaute Kleister ist eben kein Kleister mehr. Auch bei dem Gefrieren lebender saftiger Gewebe trennt sich ein Theil des imbibirten Wassers ab und gefriert als reines Wasser zu Eis, ein Rest bleibt als Imbibitionswasser im Protoplasma und in den Zellhäuten zurück, wenigstens so lange die Temperatur nicht sehr tief sinkt. Blätter und saftige Stengel bei 5 bis 10 "C. gefroren, lassen leicht erkennen, dass nur ein Theil des Wassers in Form von Eiskrystallen vorhanden ist; ein anderer Theil desselben durchtränkt die noch geschmeidigen Zellhäute, die nicht starr sind. Findet das Gefrieren langsam statt, so tritt das gefrierende Wasser in Form von Eiskrusten, die aus dichtgedrängten kleinen Eiskrystallen bestehen, auf der Oberfläche der saftigen Gewebe hervor. Diese Krystalle stehen recht- winkelig auf der Gewebeoberfiäche und verlängern sich durch Zuwachs an Krvstallbildungen bei dem Gefrieren etc. 45 ihrer Basis. Auf diese Weise kann ein sehr grosser Theil des Gewebewassers in Form von Eiskrusten hervortreten, während das an Wasser ärmer werdende Gewebe sich entsprechend zusammenzieht^) und seinen Turgor verliert. Ausserordentlich schön tritt diese Erscheinung an den mäch- tigen Blattstielen der Artischocken auf, wenn sie langsam gefrieren; das saftige Parenchym trennt sich dabei von der Epidermis ab, die jenes wie ein locker aufliegender Sack um- giebt; das Parenchym selbst zerreisst im Innern, so dass jeder Fibrovasalstrang von einer Parenchymhülle umschlossen bleibt; die Fig. 2 zeigt, wie die Eiskrusten aus den Parenchymmassen hervorgetreten sind. Ich habe von Blattstielstücken, die 396 g wogen, 99 g reines Eis gesammelt, welches nach dem Fig. 2. Querschnitt eines langsam gefroreneu Blattstiels von Cynara Scolymns ; f die abgelöste Epidermis; g das Parenchym , in welchem die weiss- gelasseneu (^uersclinitte der Fibro- rr« I vasalstrüDge liegen; es bildet eine Schmelzen zur Trockene abgedampft, nur zähe geschmeidige :Masse und ist geringe Spuren fester Substanz (etwa 1 pro ^^^^hrend des Gefrierens zerrissen, Mille) hinterliess. Aehnliche Verhältnisse habe ich vielfach bei anderen Pflanzen be- obachtet; oft ist aber die Eisbildung nicht so regelmässig wie bei den Artischocken ; man findet dann in den Lücken des inner- es liat sich eine j)eripherische Schicht abgesondert von mehreren inneren Partieen, welche die Stränge nni- hüllen. .Jede freie Oberfläche der Parenchymtheile ist mit Eiskrusten KK überzogen, diese bestehen aus dicht gedrängten Prismen. Die Hohlräume des zerrissenen Gewebes lieh zerrissenen Gewebes (z. B. in saftigen s^°** ^" ^'^'' ^'g""" 8^°^ schwarz ge- . ' ^ " halten (aus Lehrb. II. Aufl. 1870). Stämmen von Brassica oleracea) kleine un- regelmässige Eisschollen; zuweilen tritt auch das Eis in Form von Käm- men, die Epidermis zerreissend , über die Oberfläche saftiger Stengel her- vor (Caspary). Ich habe schon früher gezeigt-), dass man auf durch- schnittenen saftigen Pflanzentheileu. z. B. Runkelrüben, wenn man sie vor Verdunstung geschützt langsam gefrieren lässt, kontinuirliche, die Schnitt- fläche bedeckende Eiskrusten bekommt, die aus an der Basis wachsenden Eisprismen bestehen. — Die Entstehung und das Wachsthum dieser Eis- krystalle lässt sich so auflassen, dass zunächst bei Eintritt eines bestimmten 1) Geschieht dies auf verschiedenen Seiten eines Blattes oder Astes in ver- schiedenem Grade, so treten selbstverständlich Krümmungen ein, die man auch wirklich häufig beobachtet. Die Frostspalten der Bäume beruhen wahrscheinlich auch nur auf derartigen Veränderungen. ■^) Sachs: Krystallbildungen bei dem Gefrieren und Veränderung der Zellhäute bei dem Aufthauen saftiger Pflanzentheile (Bericht der k. säcbs. Ges. d. Wiss. 1860). — Die oben beschriebenen Krystallbildungen im Inneren gefrorener Pflanzen habe icli schon in der ersten Aufl. dieses Lehrbuchs 1868 erw-ähnt und zur Erklärung des Erfriereus benutzt; später 1869 hat auch Prillieux (Ann. des sc. nat. T. XII, p. 128) dieselben Erscheinungen an verschiedenen Pflanzen beschrieben. 1 46 Krystallbilduageu bei dem Gefrieren etc. Kältegrades im Gewebe eine äusserst feine Wasserschicht gefriert, welche die unverletzten Zellhäute äusserlich überzieht; es tritt dann sofort aus der Zellhaut eine neue sehr dünne Wasserschicht an die Oberfläche und gefriert ebenfalls, die schon vorhandene Eisschicht verdickend, und so geht es fort; die Zellhaut nimmt von Innen her immerfort Zellsaftwasser in sich auf, durch- tränkt sich damit und lässt die äusserste Molekularschicht ihres Imbibitions- wassers gefrieren; die ersten dünnen Eisschichten auf der Aussenseite der unverletzten Zellen bilden polygonale, aneinander grenzende Tafeln; jede Tafel wird durch Zuwachs an ihrer Unterseite zu einem Eisprisma; die dicht oedräno;ten Prismen bilden eine leicht zu zerbröckelnde Eiskruste. Bei diesem Vorgange wird der Zellsaft eine immer konzentrirtere Lösung, die Zellhaut und das Protoplasma immer wasserärmer, — Es lässt sich nun auch einiger- massen verstehen, warum ein rasches Aufthauen die Zellen tödtet, langsames nicht; findet nämlich das Aufthauen langsam statt, so schmelzen die Eis- krystalle an ihrer Basis, wo sie die Zelle berühren, das flüssig werdende Wasser wird sofort in die Zelle eingesogen, die ursprünglichen Verhältnisse der Zellsaftlösung und der Imbibition der Zellhaut und des Protoplasma können sich wieder herstellen, wenn sie nicht während des Gefrierens schon beschädigt worden sind. Thaut dagegen die Eiskruste oder Eisscholle sehr schnell auf, so läuft ein Theil des sich bildenden Wassers in die Zwischen- räume des Gewebes , bevor es aufgesogen werden kann ; die ursprünglichen normalen Konzentrationsverhältnisse und Imbibitionszustände können sich in den Zellen nicht wieder herstellen, was unter Umständen tödtlich wirken kann, je nach der chemischen Natur der im Zellsaft gelösten Stoffe und nach der Molekularstruktur des Protoplasma und der Zellhaut. Es erklärt sich aus der hier geltend gemachten Anschauung auch, warum der grössere Wassergehalt die Gefahr des Erfrierens steigert; denn je wasserärmer das Gewebe ist, desto konzentrirter sind die Zellsäfte, ein desto grösserer Theil des Wassers ist dann auch von den Imbibitionskräften festgehalten ; demnach kann dann nur ein kleiner Theil des Wassers Eiskrystalle bilden, und bei dem Aufthauen derselben werden die genannten Störungen geringere Werthe haben. Endlich ist es auch erklärlich, warum manche Pflanzen dann durch^zu rasches Aufthauen getödtet werden, wenn sie bei sehr tiefen Kältegraden gefroren waren, während das Gefrieren bei geringer Kälte unschädlich ist; denn je tiefer die Temperatur sinkt, ein desto grösserer Theil des Zellsaft- und Imbibitionswassers wird in Eis verwandelt, die Störung der Saftkonzen- tration und der Imbibitionszustände wird mit zunehmender Kälte immer grösser, die Wiederherstellung des normalen Zustandes bei dem Aufthauen also immer schwieriger. Dass die oben genannten Zerreissungen ganzer Gewebe- schichten während des Gefrierens für das Fortleben des Organs nach dem Aufthauen eine sehr geringe Bedeutung haben, zeigt die Thatsache, dass Krystallbildungea bei dem Gefrieren etc. 47 selbst die Blattstiele der Artischocken, deren gefrorener Zustand durch Fig. 2 dargestellt ist, nach langsamem Aufthauen bis in den folgenden Sommer hin- ein unbeschädigt blieben. Diese inneren Zerreissungen haben mit dem plötz- lichen Kältetod der Zellen ebenso wenig zu thun, wie Frostspalten der Bäume, die bei stark sinkender Temperatur durch peripherische Zusammenziehung der Rinde und äusseren Holzschichten entstehen und sich bei steigender Tempe- ratur wieder schliessen. Die Yerrauthung, dass vegetirende Pflanzen, zumal solche, welche zu ihrer Vegetation hoher Temperaturen bedürfen, schon durch Abkühlung ihres Gewebes bis nahe an den Eispunkt während kurzer Zeitdauer direkt getödtet werden könnten, wurde durch Versuche H. de Vries' widerlegt. Trotzdem können die alten Beobachtungen, Bierkander's und Hardy's, dass manche derartige Pflanzen (z. B. Cucurbitaceen, Impatiens, Solanum tub., Byxa Orelleana, Crescentia Cujete u. a.) bei niederen Temperaturen über ■den Eispunkt in freier Luft erfrieren, erklärlich gefunden werden, wenn mau beachtet, dass durch die Ausstrahlung die Temperatur ihrer Gewebe sich unter den Eispunkt abkühlen kann, wenn auch die Lufttemperatur noch 2 — 3, selbst 5^ C. beträgt. — Aber noch auf eine andere Art können niedere Temperaturen über Null den Pflanzen aus südlicher Heimath ge- fährlich werden; nämlich dann, wenn der die Wurzel umgebende Boden längere Zeit eine so niedere Temperatur behält, während die Blätter fort- fahren zu transpiriren ; in diesem Falle ist nämlich die Wasseraufnahme durch die Wurzeln so verlangsamt, dass sie nicht mehr im Stande sind, den Transpirationsverlust der Blätter zu ersetzen, die nun welken (und endlich wohl auch vertrocknen), Erwärmung des die Wurzeln umgebenden Bodens genügt, die welken Blätter wieder turgescent zu machen. So fand ich es bei in Töpfen erwachsenen Pflanzen von Nicotiana, Cucurbita, Phaseolus '). In England welkten im Winter die Zweige eines in das Warmhaus geleiteten Weinstocks, dessen Wurzeln ausserhalb iiu Boden standen, offenbar nur Avegen der zu niederen Temperatur des Letzteren; denn als man ihn mit ■warmem Wasser begoss, erholten sich auch die Zweige im Warmhaus. Da die Zellsäfte als wässerige, oft recht konzentrüle Lösungen bei 0° noch nicht zu gefrieren brauchen, so ist es immerhin denkbar, dass einzelne Wachsthumsvorgänge bei dieser Temperatur der Umgebung stattfinden können, obwohl die Thatsachen selbst noch nicht hinreichend festgestellt sind. Vergl, Dodel Ulotrix jon. Sep.-Abdr. p. 70. Dr. Uloth (Flora 1871 Nr. 12) be- obachtete die merkwürdige Thatsache, dass Samen von Acer platanoides und Triticum zwischen die Eisstücke eines Eiskellers gefallen, daselbst gekeimt und ihre Wurzeln zahlreich und mehrere Zoll tief in spaltenfreie Eisstücke hineingetrieben hatten. Aus dieser Wahrnehmung folgert Uloth, dass die 1) Sachs in „Landw. Vers.-Stationen". 1865. Heft V, p. 195. 48 Krystallbilcluugeu bei dem Gefrieren etc. genannten Samen schon bei 0^ oder selbst unter 0*^ keimen, und dass das Eindringen der Wurzeln in Eis durch die Wärmeentwickelung im Samen und durch den Druck der wachsenden Wurzeln vermittelt werde. Indessen Hesse sicli die Thatsache auch anders erklären; das Eis war offenbar von wärmeren Körpern (den Wänden des Kellers u. dgl.) umgeben, die ihm Wärme strahlen zusenden. Nun ist es eine bekannte Thatsache, dass Wärmestrahlen, wenn sie im Innern eines Eisstückes auf Luftblasen oder auf feste eingefrorene Körper treffen, diese erwärmen und das umliegende Eis im Innern zum Schmelzen bringen. Auf diese Weise konnten die Samen nicht nur, sondern auch die Wurzeln durch Wärmestrahlung, die das Eis durchsetzt, erwärmt werden und so das sie berührende Eis schmelzen; über die wahre Temperatur der Keimpflanzen bei dieser Gelegenheit ist also nichts Sicheres bekannt. Schliesslich sei hier noch auf eine sehr ausführliche Untersuchung „Ueber das Gefrieren und Erfrieren der Pflanzen" von Dr. Hermann Müller- Thurgau in den Landwirthschaftlichen Jahrbüchern, Berlin 1880 und 188G, hingewiesen. IL Physiologische Untersuchungen über die Abhängigkeit der Keimung von der Temperatur. 1860. (Aus: Jahrbücher für wissenschaftliche Botanik. Ed. II. Berlin 1860.) Die Bestinunung der niedrigsten und höchsten Temperaturen, bei welchen Samen verschiedener Arten noch keimen können, ferner die Ge- schwindigkeit bei dem Durchhiufen bestimmter Entwickelungsphasen einzelner Organe als abhängig betrachtet von verschiedenen aber konstanten Temperatur- gradeii, endlich die Wirkung einer bestimmten Temperatur auf die verschiedenen Entwickelungszustände einer Keimpflanze, sind der Gegenstand der vorliegen- den Untersuchungen. Die Versuche wurden zum grössten Theil in den beiden Wintern 1857—1858 und 1858 — 1859 gemacht. Ich wählte den Winter, um gleich- zeitig sehr verschiedene Temperaturen bei gleicher Beleuchtung anwenden zu können. Die Zimmer meiner Wohnung in Prag boten den grossen Vortheil, vermöge der dicken Wände bei gleichmässiger Heizung lange Zeit hindurch beinahe konstante Temperaturen anzunehmen, ein Umstand, von dem das ganze Gelingen der unternommenen Arbeit abhing. Die Samen wurden im- mer trocken in die gehörig vorbereitete Erde gelegt. Die Erde befand sich in grossen, acht- bis zehnzöiligen Töpfen ; diese Grösse reicht hin, um an einem Orte, dessen Temperatur wenig und langsam schwankt, die Schwankungen in der eingefüllten Erde so langsam zu machen , dass sie einer genauen Ueberwachung zugänglich werden ^). Die Töpfe bestanden aus einem schwarz- braun gebrannten , sehr porösen Thon von grosser Festigkeit, w^as bei Ver- 1) Thermostaten und andere Einrichtungen für derartige Zwecke, die man gegenwärtig in den verschiedensten Formen kaufen kann, gab es damals noch nicht. Zusatz 1892. Sachs, Gesammelte Aldiandluneen. I. 4 50 lieber Abhängigkeit der Keimung von der Temperatur. suchen dieser Art sehr in Anschlag zu bringen ist ; denn da die Erde immer gleichmässig feucht erhalten werden rauss, so wird durch eine hinreichende Porosität der Topfwände der Versumpfung des Bodens vorgebeugt. Wenn mau grössere Reihen vergleichender Versuche macht, so muss man auf die Erhaltung des Bodens besonders im Winter grosse Sorgfalt verwenden, um ihm einen möglichst gleichen Grad von Lockerheit, Frische und Feuchtig- keit zu geben; diese drei von einander abhängigen Eigenschaften bestimmen zum Theil die Möglichkeit der Keimung und haben jederzeit einen merk- lichen Einfluss auf die Geschwindigkeit derselben. Ich hatte mir eine sehr lockere, schwarze, durchaus gleichmässige Gartenerde zu den Versuchen ge- wählt. Die zur Füllung eines Topfes bestimmte Erde wurde jedesmal einer besonderen Bearbeitung mit den Händen unterzogen; zwischen den locker übereinander hinlaufenden Handflächen wurde sie im feuchten Zustande so lange zerrieben, bis die ganze Masse ein sehr lockeres und völlig gleich- förmiges Ansehen angenommen hatte. Dieser Bearbeitung wurde die Erde jedesmal von neuem unterworfen, wenn nach Beendigung eines Versuches dieselbe zur Keimung neuer Samen dienen sollte. In diesem aufgelockerten Zustande wurde die Erde in die Töpfe eingefüllt und dann stark eingerüttelt, aber niemals festgedrückt. Auch das Unterbringen der Samen muss sorgfältig geschehen, be- sonders wenn man Längenmessungen an den Keimtheilen vornehmen will. Die grösseren Samen wurden immer so gelegt, dass die Keimwurzel ohne bedeutende Biegung sogleich senkrecht hinabwachsen konnte und dann einen Zoll hoch mit lockerer Erde bestreut. Für die kleinen Samen wurden dagegen in die frisch eingefüllte seichte Erde Furchen gemacht, und dann die Samen einen halben Zoll, die kleinsten einen Viertelzoll hoch bedeckt. Wenn man die Absicht hat, die Keimpflanzen zur vollständigen Entfaltung aller Keim- theile oder noch weiter wachsen zu lassen, so müssen die Samen hinreichend weit auseinander gelegt werden, um den später auftretenden Blättern den nöthigen Raum zu geben; bei Versuchen über die Entwickeluug der ersten Keimwurzeln können sie dagegen sehr dicht liegen, doch immer so, dass noch ein Raum zwischen je zwei Samen bleibt, der die Ausdehnung bei der Quellung gestattet, und dass jeder Same rings mit Erde umhüllt ist; grosse Bohnen und Mais legte ich immer einen Zoll weit aus einander. Um die Erde neben den Samen gleichmässig feucht zu erhalten, ist es am besten, sich nach dem Aussehen der Oberfläche zu richten ; es ist durch- aus unthunlich, bestimmte, festgesetzte Wassermengen anzuwenden, da man die Verdunstung nicht reguliren kann; durch zahlreiche Versuche habe ich mich auf das Entschiedenste davon überzeugt, dass man an dem Aussehen der Oberfläche das sicherste Mittel hat, um die Feuchtigkeit zu reguliren. Das Aufgiessen des Wassers geschah immer durch das weitere Rohr einer Spritzflasche, der Strahl wurde langsam hin- und hergeführt, und die Oeffiiung Ueber Abhängigkeit der Keimung von der Temperatur. 51 des Rohres nur einen bis zwei Zoll über die Fläche gehalten, um ein starkes Aufschlagen des Wassers zu verhindern. Während der Versuchsdauer wurden die Töpfe mit Glasglocken bedeckt, wobei für freien Zutritt der Luft Sorge getragen war. Die Kugel des Thermometers steckte immer in gleicher Tiefe mit den Samen; bei solchen Versuchen, wo hohe Temperaturen angewendet wurden, und eine ungleichförmige Erwärmung der verschiedenen Schichten nicht ganz zu vermeiden war, wurden zwei bis drei Thermometer in verschiedene Tiefen gesteckt; es ist dies besonders dann nöthig, wenn man die Keimung weit fortschreiten lässt und die Wurzeln tiefer gehen. In allen Fällen, wo die Keime bis zur Entfaltung der Blätter getrieben wurden, ward auch die Luft- temperatur in ihrer unmittelbaren Nähe bestimmt. In meinen Zimmern fanden sich vier Orte, deren Temperatur sehr konstant blieb; für die unterste Grenze der Keimungstemperatur fand sich leider keine so günstige Gelegenheit; es ist mir nicht gelungen, einen Ort, der für mich zugänglich gewesen wäre, aufzufinden, dessen Temperatur binnen sechs bis acht Wochen sich zwischen, 2 — 4° R. über Null konstant erhalten hätte, und gerade diese Temperaturen schliessen den unteren Nullpunkt unserer nordischen Kulturpflanzen ein; ich musste mich daher begnügen, durch öfter wiederholte, sehr langwierige Versuche den unteren Nullpunkt annähernd zu bestimmen. Da die Töpfe mit den Keimen an Orten standen, deren Temperaturen während mehrerer Wochen nur um 2 — 3° R. schwankten, so wurde die Temperatur der Erde an jedem Ort täglich nur zweimal, zur Zeit seines Minimums und seines Maximums, notirt. Ich halte die von mir miten an- gegebenen Mitteltemperaturen für gute Mittelzahlen, da sie von den Extremen nur wenig abweichen, und vor allem darum, weil es der Gang der Schwank- ungen mit sich brachte, dass jedes Extrem nur sehr kurze Zeit anhielt. Für die hier zu untersuchenden Fragen sind Mitteltemperaturen völlig unbrauch- bar, deren Extreme weiter auseinander liegen, und bei denen einzelne Extreme längere Zeit anhalten ; denn die Mittel sollen hier einen angenäherten Ausdruck für diejenige konstante Temperatur angeben, welche sie in ihrer Ziffer repräsentiren. Für die Beobachtungen bei 20 — 40° R. habe ich einen Apparat ange- wendet, in welchem man die Temperatur mit einiger Sorgfalt ziemlich konstant erhalten kann ^). A A ist ein wasserdicht angefertigtes Gefäss von Eisenblech, welches am oberen Rande drei Haken trägt, von denen zwei (B B) in der Abbildung 1) Trotz der später erfundenen Keimungsapparate lege ich auch jetzt noch Werth auf meinen alten Apparat, der den Lebensbedingungen der jungen Pflanzen besser als jene Rechnung trägt. Zusatz 1892. 4* 52 lieber Abhängigkeit rler Keimung von der Temperatur. angegeben sind; diese Haken sind nach oben konkav und dienen dazu, den gläsernen Helm F zu tragen, der etwas grösser ist, als das Gefäss A A ; der Helm hält die Luft über der Erde feucht, und indem er die ausstrahlende Wärme zum Theil zurückwirft, erhöht er die Temperatur im Inneren des Apparates um mehrere Grade; auf der inneren Seite des Helmes schlägt sich Wasser nieder, welches ausserhalb des Apparates abtropft, da der Helm übergreift; zugleich wird die Luft unter dem Helm noch dadurch erwärmt, dass die um A A befind- liche aufsteigende warme Luft sich unter F ansammelt. Ein zweites eisernes Gefäss (C C), von der Gestalt des vorigen, aber kleiner, trägt oben einen ausgebogenen Rand, welcher auf den Rand von A A so übergreift, dass CG in A A hängt; der Boden von C C bleibt auf diese Weise etwa einen Zoll über dem Boden von A A und ungefähr ebenso weit stehen die Seitenwandungen beider Ge- fässe ab. Der freie Raum zwischen A A und C C wird mit Wasser gefüllt. Auf dem Boden von C C ragen drei Füsse aufwärts (D D), auf welche der Blumentopf E E ge- stellt wird; dieser ist auf die oben beschriebene Art hergerichtet und muss zwischen sich und dem Gefässe C C einen freien Raum lassen, so dass die Luft um den Topf ungehindert cirkuliren kann. Der ganze Apparat steht auf einem starken eisernen Dreifuss (G G), unter den die Lampe ge- stellt wird. Zur anfänglichen Erwärmung kann man eine Spiritusflamme benutzen, um dann aber längere Zeit hindurch eine möglichst konstante Temperatur zu erhalten, muss man diese durch eine Oellampe ersetzen. Ich habe mich durch viele Versuche davon überzeugt, dass es besser ist, mehrere kleine Flammen zu unterhalten, als eine grosse. Ein Glasgefäss, so breit, als der Raum unter dem Dreifuss gestattet, halb mit Wasser, oben mit Gel gefüllt, enthält zwei bis vier Schwimmer mit den kleinen käuflichen Nacht- dochten ; so kann man nicht nur die Grösse jeder Flamme reguliren, sondern auch ihre Zahl vermehren und vermindei'n. Je breiter das Oelgefäss ist, desto konstanter erhält sich die Temperatur, da bei einer breiteren Fläche das Sinken der Schwimmer langsamer stattfindet. Fig. 3. Es ist kaum nöthig zu bemerken, dass bei Versuchen über die Ent- wickelungsgeschwindigkeit einzelner Keimtheile, besonders bei sehr hohen Temperaturen, wo einige Stunden schon wesentliche Unterschiede herbeiführen, Ueber Abhängigkeit der Keimung von der Temperatur. 53 die Samen erst dann in die Erde innerhalb des Apparates gesteckt werden dürfen, wenn sie bereits die zu untersuchende Temperatur angenommen hat. Das Wasser zwischen den beiden Eisengefässen hat den Zweck, die grösste Wärme zum oberen Rande des Topfes hinzuführen, denn da der untere Theil des Blumentopfes durch Ausstrahlung weniger verliert und dem Luftwechsel weniger ausgesetzt ist, so würde er sich viel stärker erwärmen, als der obere Theil. Auch in der Richtung der Radien des Blumentopfes findet ein kaum zu vermeidender Unterschied in der Temperatur der einge- füllten Erde statt; die Wärme nimmt von der Wand des Topfes gegen das Ceutrum hin ab; um nun mehrere Samen bei gleicher Temperatur längere Zeit zu erhalten, inuss man sie in gleiche Entfernungen vom Mittelpunkt stecken, ein Thermometer muss in einem Punkte dieses Kreises stecken, denn nur so erfährt man die wahre Temperatur, der die Samen ausgesetzt sind. So schwer es immerhin ist, eine Temperatur zwischen 30 bis 40° R. zwei bis drei Tage hindurch so konstant zu erhalten, dass die Schwankungen höchstens 3 — 4*^ betragen, weil ausser den Aenderungen, die in der Heizung des Apparates begründest sind, auch noch die Temperaturwechsel der um- gebenden Luft mitwirken , so bieten doch die Beobachtungen bei so hohen Graden der Skala nicht diejenigen Schwierigkeiten, mit denen man zu kämpfen hat, wenn man in der Nähe des Eispunktes Keimungen herbeiführen will. IL Wachsthumsgeschwindigkeiten der Keimtheile bei ver- schiedenen und gleichen Temperaturen. Wenn es darauf ankommt, die Geschwindigkeiten einzelner Vegetations- prozesse als Funktionen der Temperatur zu behandeln, so bieten die Keim- wurzeln für die Untersuchung Vortheile, die man bei den anderen Organen leider entbehren muss. Die Keimwurzeln wachsen während der ersten Keim- ungsperiode nur durch Streckung; Zellenbildungen und Anlage neuer Wurzeln treten erst auf, wenn diese erste Verlängerung sich ihrem Ende nähert. Bei der einfachen Gestalt der Wurzeln und dem gleichmässigen Bau ihrer über- einander liegenden Querschnitte ist es erlaubt, anzunehmen, dass auch die organische Thätigkeit selbst, \velche die Verlängerung der Wurzel bewirkt, eine gleichförmige sei. Es ist daher möglich, die Intensitäten jener Kraft zu messen durch die Geschwindigkeit der Verlängerung, und da die einzelnen Theile der Keimwurzeln bis zu dem Zeitpunkt, wo Neubildungen auftreten, untereinander homogen sind, da sich die Wurzel z. B. in einzelne cylindrische Stücke zerlegen lässt, die untereinander gleich sind, so kann man die Wachsthumsgeschwindigkeit der Wurzeln ihrer Längenausdehnung proportional setzen; es ist demnach möglich, die in gleichen Zeiten bei verschiedenen 54 Ueber Abhängigkeit der KeiniuDg von der Temperatur. Temperaturen erreichten Wnrzellängen gleicher Samen als das Maass der AVachsthumsgeschwindigkeit selbst, für die angegebene Zeit, zu betrachten. Bei solchen Organen, welche während ihres Längenwachsthums ihre anderen Dimensionen in ungleichförmiger Weise ändern, wie es die meisten Blätter thun, kann man einfache Läugenniessungen niemals als den Ausdruck der Wachsthumsgeschwindigkeit (des ganzen Organs) betrachten. Wenn endlich mit der Vergrösserung eines Organs Neubildung von Zellen im Inneren desselben verbunden ist, so kann die Grössenänderung des Organes noch viel weniger als Ausdruck der Wachsthumsgeschwindigkeit gelten, denn die Neubildungen sind Thätigkeiten, welche mit der Streckung schon gebildeter Theile niemals proportional sein können, da diese beiden Vorgänge qualitativ verschieden sind. Um die Geschwindigkeit der inneren Neubildungen zu messen, müsste man die in gleichen Zeiten gebildeten Zellen zählen können, und auch das würde noch ein sehr unvollkommenes Verfahren sein, da die gebildeten Zellen unter einander qualitativ verschieden sind und somit ihre Entstehungsge- schwindigkeiten der Ausdruck qualitativ verschiedener Kräfte sind. Bei der ersten Verlängerung der Keimwurzeln fällt, wie gesagt, diese Schwierigkeit hinweg, es tritt aber auch hier ein Umstand auf, der leicht zu Irrthümern führen kann. Es zeigt sich nämlich in der Wachsthumsgeschwindig- keit bei gleichbleibender Temperatur eine Aenderung, die also nicht von der Temperatur, sondern von inneren Ursachen abhängt. Die Geschwindigkeit des Wachsthums nimmt eine Zeit lang zu und dann wieder ab, ohne dass sich dafür ein äusserer Grund auffinden liesse. Wenn man nun die Absicht hat, die Wachsthumsgeschwindigkeiten als Funktionen der Temperaturen dar- zustellen, so darf mau nicht vergessen, dass auch unabhängig von diesen Gescbwindigkeitsänderungen eintreten. Es ist das übrigens eine Eigenthüm- lichkeit aller Organe der Pflanze, auch die Internodien und Blätter unter- liegen einem Wechsel der Streckungsgeschwindigkeit, indem diese bei gleich- bleibender Temperatur erst zunimmt und um so langsamer wird, je mehr sich das Organ seiner definitiven, specifisch bestimmten Grösse nähert. Bevor ich daher dazu übergehe, die AVachsthumsgesch windigkeit als eine Funktion der Temperatur darzustellen, will ich eine Reihe von Beob- achtungen mittheilen, welche zeigen , dass und wie sich die Geschwindigkeit des Wurzelwachsthums bei gleichbleibender Temperatur nach und nach ändert. Aenderung der Streckungsgeschwindigkeit der Keimwurzeln bei gleichbleibender Temperatur. Die hier mitgetheilten Zahlen sind allerdings nicht bei völlig gleichen Temperaturen gewonnen, wenn man aber dergleichen zur Bedingung machen wollte, so müsste man auf die ganze Untersuchung verzichten. Auch sind die Temperaturunterschiede der Mittel in der That sehr gering, und die Ueber Abhängigkeit der Keimung von der Temperatur. 55 Mittel selbst als wahre Repräsentanten der herrschenden Temperaturen zu betrachten, da die Extreme nur höchstens 3^ R. auseinanderliegen und nur während kurzer Zeiten eintraten. Zeit seit dem Stecken des trockenen Samens. 2 mal 48 Stunden 3 mal 48 4 mal 48 5 mal 48 „ 6 mal 48 „ Zea Mais. R. Temperatur während dieser Zeit. 11,8 (11—13) Grad 11,6 (10—12,8),, 11.6 (10—13) „ 11,5 (11—12) „ 11.7 (10—13) „ Erreichte W u r z e 1 1 ä n g e n ') während dieser Zeit. 2 mm 5,6 „ 15,2 „ 30,0 „ 89,0 „ Die Länge der Keimwurzel im ungekeimten, gequollenen Samen betrug 2 mm; mithin fand in den ersten vier Tagen keine Verlängerung statt. Die Längenzunahme, d. h. die Wachsthumsgeschwindigkeit für je zwei Tage erhalten wir, wenn wir in der vierten Kolumme die vorhergehende Zifier von der folgenden abziehen. Es war demnach während gleicher Zeiten die Verlängerung 3,6 mm 9,6 „ 14,8 „ 59,0 „ Die Wachsthumsgeschwindigkeit war also eine ungleichförmig be- schleunigte, und zwar hängt diese Beschleunigung nicht von einer Tempe- raturzunahme ab, ist also in der organischen Entwickelung selbst begründet. am 1. bis 4. Tage » 5. und 6. „ „ 7. und 8. „ „ 9. und 10. „ „ 11. und 12. „ Zeit seit dem Stecken des trockenen Samens. 2 mal 48 Stunden 3 mal 48 „ 4 mal 48 5 mal 48 „ 6 mal 48 Phaseolus raultiflorus R. Temperatur. 11,8 (11—13) Grad 11,6 (10—12,8) „ 11.6 (1<— 13) „ 11,5 (10—12) „ 11.7 (10—13) „ Wurzellänge -), welche während dieser Zeit erreicht wurde. 5,0 mm 11,5 „ 17,0 „ 54,0 „ 100,0 „ 1) Diese Zahlen sind hier und bei den folgenden Arten immer Mittel aus mehreren Exemplaren. 2) Die Wurzellänge wurde von der Wurzelspitze bis zum Kotyledonen- Ansatz gemessen, sie enthält also auch das hypokotyle Glied. 56 Ueber Abhängigkeit der Keimung von der Tenoperatur. Die Länge der Keimwurzel im gequollenem Samen ist 3 mm, demnach war die Verlängerung in gleichen Zeiten folgende: am 1. bis 4. Tage 2 mm 5. und 6. „ 6,5 „ „ 7. und 8. „ 5,5 „ „ 9. und 10. ., 37,0 „ • „11. und 12. „ 46,0 „ Pisum sativum. Wurzellänge. 2 mal 48 Stunden 11,8 (11 — 13) Grad 19 mm 3 mal 48 „ 11,6 (10—19,8) „ 29 „ 4 mal 48 „ 11,6 (10—13) „ 55,6 „ 5 mal 48 ,, 11,5(10—12,7) „ 114,7,, 6 mal 48 „ 11,7 (10—13) „ 150 „ Die ursprüngliche Wurzellänge war 3 mm. Die Verlängerung in gleichen Zeiten betrug also: am 1. bis 4. Tage 16 mm (in 2 Tagen ungefähr 8 mm) ,, 5. und 6. „ 10 „ „ 7. und 8. „ 26,6 „ „ 9. und 10. „ 59,1 „ „ 11. und 12. „ 35,3 „ Demnach hatte die Geschwindigkeit bis zum zehnten Tage zugenommen, dann aber fing sie an, wieder abzunehmen; die Wurzel hatte am zehnten Tage bereits 11 cm Länge, näherte sich also dem definitiven Maasse ihrer Länge und dies macht sich durch ein Abnehmen der Geschwindigkeit geltend. Wäre die Temperatur höher, so würde das Maximum der Geschwindigkeit an einem früheren Tage eingetreten sein. Wi n terwe izen. Wurzellänge l). 2 mal 48 Stunden 11,8 (11—13) Grad 37 mm 3 mal 48 „ 11,6 (10—12,8) „ 79 „ 4 mal 48 „ 11,6 (10—13) „ 118 „ 5 mal 48 „ 11,5(10—12,7) „ 275 „ 6 mal 48 „ 11,7(10—13) „ 343 „ Am ersten und zweiten Tage beträgt die Verlängerung aller drei Wurzeln zusammen bei 11 — 12*^ höchstens 3 mm, daher haben wir folgende Längenzunahmen : 1) Es wurde hier und bei der Gerste die Gesammtlänge der gleichzeitig aus- tretenden Nebenwurzeln genommen, auch hier sind die Zahlen Mittel aus mehreren Exemplaren. Ueber Abhängigkeit der Keimung von der Temperatur. 57 Am 1. und 2. Tage 3 mm 5J 3. und 4. „ 31 mm ') 5. 7. und 6. „ und 8. „ 42 „ 39 „ J> 9. und 10. „ 157 „ )) 11. und 12. „ Sommergerste. 68 „ Wurzellängen 2 mal 48 Stunden 11,8 (11—13) Grad 35,5 3 mal 48 >» 11,6 (10—12,8) >) 150,2 4 mal 48 )) 11,6 (10—13) )) 243,3 5 mal 48 >) 11,5 (10—12,7) )) 315,3 Cmal 48 )) 11,7 (10—13) }) 616,3 Die zweitägigen L ingenzunahmen sind also (wie oben): Am 1. und 2. Tage 3 1 tnni >) 3. und 4. „ 29,5 j) 5. und 6. „ 114,7 j> 7. und 8. „ 93,1 ») 9. und 10. „ 72,0 » 11. und 12. „ 301,3 Bei Weizen und Gerste scheint es also, als ob die Geschwindigkeiten dem oben gefundenen Gesetz der Beschleunigung und dann folgenden Retar- dation nicht gehorchten; das ist aber nur scheinbar; jede einzelne Wurzel folgt diesem Gesetze auch hier; nur wird das Gesammtresultat dadurch gestört, dass einzelne neue Wurzeln auftreten, wenn die früheren anfangen, im Wachs- thum nachzulassen. V i c i a F a b a. 2 mal 48 Stunden 3 mal 48 4 mal 48 „ 5 mal 48 „ 6 mal 48 11 (10 — 12) Grad (Wurzel noch nicht ausgetreten) 11,6 (10—12,8) „ Wurzellänge 10 mm 11.6 (10—13) „ „ 25 „ 11.7 (10—12,8) „ „ 53,5 „ 11,7 (10—13) „ „ 83 „ Die urspüngliche Wurzellänge des Keimes zu 4 mm angenommen, sind die Zuwachse in je zwei Tagen : Am 1. und 2. Tage unmerklich 3. und 5. und 4. 6. 6 mm 1) Die Länge der Keimwurzeln im gequollenen Samen zusammen = 3 mm, die erste Zunahme = 3 mm, folglich 37 mm — (3 + 3) = 31 mm. 58 Ueber Abhängigkeit der Keimung von der Temperatur. Am 7. und 8. Tage 15 mm „ 9. und 10. „ 28,5 „ „ 11. und 12. „ 29,5 „ Die Zunahme der Geschwindigkeit ist hier sehr deutlich, und da vom 9. bis 12. Tage keine wesentliche Aenderung in der Längenzunahme statt- findet, so kann man annehmen, dass ungefähr am 11. Tage die Geschwindig- keit ihr Maximum erreicht hat, dass sie in den nächsten Tagen wieder ab- nehmen würde. Aenderung der Streckungsgeschwindigkeit der aufwärts wachsen- den Keimtheile bei gleicher Temperatur. Auch die Keimstengel und die Primordialblätter zeigen eine Accele- ration in ihrer Entfaltung, auf welche später eine Retardation eintritt, beides unabhängig von der Temperatur, wie bei den Wurzeln. Da jedoch die Ent- faltung der aufwärts strebenden Keimtheile anfangs viel langsamer geschieht^ als die der Wurzeln, so tritt die Zeit der grössten Geschwindigkeit auch später ein als bei diesen. Die folgenden Zahlen beziehen sich auf die be- treffenden Theile derselben Individuen, an denen die Wurzeln gemessen wurden, sie lassen also eine unmittelbare Vergleichung mit jenen zu, und es ist unnöthig, die Temperaturangaben nochmals zu wiederholen. Z e a Mais. Ursprüngliche Länge der Plunuila = 4 mm. 3.48 Stunden: Länge der Pluraula: 4,0 mm, Zunahme =, mm 4. 48 „ „ „ „ 5,6 „ „ = 1,6 „ 5.48 „ „ „ „ 10,0 „ „ --= 4,4 „ 6.48 „ „ „ „ 26,0 „ „ = 16,0 „ Phaseolus in ul tiflor us. Ursprüngliche Länge der Plumula = 6 mm. 2,48 Stunden: Länge der Plumula: 7 mm, Zunahme = 1 mm o. 48 „ „ „ ,, ö „ „ =^ i 'I 4. 48 ,, ,, „ ,, 9 1, )j =^= 1 )5 5. 48 „ „ „ „ 14,5 „ „ = 5,5 „ 6.48 „ „ „ „ 30,0 „ „ = 15,5 „ Pisum sativum. Ursprüngliche Länge der Plumula = 2 mm. 2.48 Stunden: Länge der Plumula: 5,7 mm, Zunahme = 3,7 mm 3.48 „ ,, „ „ 11,5 „ „ =^ o,8 „ Ueber Abhängigkeit der KeimuDg von der Temperatur. 59 4.48 Stunden: Länge der Plumula: 17,0 mm, Zunahme = 5,5 mm o. 48 ), ,, ,1 ), dl, 7 ,, „ = 14, ( „ 6.48 „ „ „ „ 46,0 „ „ = 14,3 „ Bei den beiden folgenden Arten kann man die Längenmessungen längere Zeit fortsetzen, weil die Blätter derselben sich hauptsächlich in die Länge ausbilden, und somit die Längenmessungen den Wachsthumsgeschwindig- keiten einigermassen proportional sind, was bei den Bohnen und Erbsen nicht gilt. Winter Weizen. Ursprüngliche Länge der Plumula z= 1 mm. 2.48 Stunden: Länge der Plumula: 4,8 mm, Zunahme = 3,8 mm 3. 48 ,, I, 1, ,» lO,C ,, ,, = 0,4: ,, 4.48 „ „ „ „ 31,2 „ „ = 18,0 „ 5.48 „ „ „ „ 81, 30 Wahrscheinlich liegt die Temperatur der geschwindesten Entwickelung der Wurzel noch unter 27". Pisum sativum. In 48 Stunden erreichte die Wurzel folgende Längen : bei 30,6 Grad 12,2 mm „ 26,6 „ 17 „ ,, od,o „ 41 „ V 14,1 „ 4 Wahrscheinlich liegt die Temperatur der raschesten Keimung noch unterhalb 22 o. Winterweizen. Auch hier sind die Längen der drei Wurzeln eines Keimes summirt, die angegebene Zahl ist das Mittel von mehreren Keimen, In 48 Stunden wurden folgende Längen erreicht: 30,6 Grad R. 22 ram 26,6 „ „ 50 „ 22,8 „ ,, 88,3 „ 14,1 „ „ o,o „ Sommergerste. In 48 Stunden: 34 Grad, Wurzellänge: 3 mm 26,6 „ „ 77 „ 22,8 „ „ 140 „ 14,1 „ „ 2 „ Die aufwärts wachsenden Keimtheile folgen demselben Gesetz wie die Wiu-zeln, auch bei diesen liegt die Temperatur der raschesten Entwickelung tief unter der höchsten Keimungsteraperatui*. Die hier mitgetheilten Messungen beziehen sich auf dieselben Individuen, bei denen die Wurzeln beobachtet wurden. Hier wie dort beziehen sich die Messungen nur auf die ersten Regungen des Keimes, fallen also sämmt- lich in die gleiche Entwickelungsphase, daher hat die Geschwindigkeits- änderung, welche in der Entwickelung selbst begründet ist, keinen merk- lichen Einfluss. 64 Ueber Abhängigkeit der Keimung von der Temperatur. Zeit. R. Temp. Länge der Plumula in Millimetern. Mais. P h a s. m 11 1 1. Pisu 48 Stunden 34 Grad 4,6 nun 7,5 ?> >; 30,6 „ 9,1 „ 10,2 5,5 )) J» 27,2 „ 13,0 „ 15,0 5,0 )> )J 26,6 „ 11,0 „ 10,5 5,7 5) >) 21,0 „ 5,6 „ 11,0 10,0 48 13,7 „ 4,6 „ 7,4 3,0 Für Winterweizen und Sommergerste treten die Unterschiede nicht so deutlich hervor, zum Theil hängt dies davon ab, weil diese Samen seicht liegen müssen, um sicher zu keimen, und weil in den obersten Bodenschichten die Temperatur weniger konstant ist. In 48 Stunden erreichte die Plumula folgende Längen: Weizen und Gerste haben ihre Wurzeln sehr oft in einem Boden, der sich im Sommer um mehrere Grade über 30*' R. erwärmt, ohne dass die Pflanzen darunter leiden. Die vorstehenden Zahlen zeigen aber ganz ent- schieden, dass 30,6^ für die Keimung von Weizen und Gerste sehr ungünstige Temperaturen sind, jedenfalls findet ihre Keimung bei 22,8° besser statt. Der Einfluss der günstigen Temperaturen macht sich nicht nur durch die grosse Geschwindigkeit geltend, Avomit die Wurzeln austreten und sich verlängern, sondern noch mehr durch die Gleichförmigkeit der Keimung bei verschiedenen Samen gleicher Art. In der Nähe der höchsten und niedrigsten Keimungstemperatur verdirbt jedesmal eine grosse Zahl der angewendeten Samen ; es fällt dies besonders dann auf, wenn man sich daran gewöhnt hat, bei günstigen Temperaturen sämmtliche Samen ohne Ausnahme keimen zu sehen. Es ist in der That eine auffallende Erscheinung, dass unter den zahlreichen Samen eine so grosse Gleichförmigkeit in dieser Hinsicht herrscht. Ich habe seit drei Jahren von Weizen, Gerste, Roggen, Mais, Bohnen, Sau- bohnen, Erbsen, Kürbissen Hunderte und Tausende von Samen keimen lassen, und wenn dabei die Temperatur zwischen 15 — 25° R. liegt, be- sonders wenn sie geringe Schwankungen zeigt, so kann man immer darauf rechnen, sämmtliche Samen, ohne Ausnahme, zur Ent Wickelung kommen zu sehen. Es gilt dieses natürlich nur von vollkommen reifen Samen. Dagegen ist die Geschwindigkeit und Kraft, womit die Keime sich entwickeln, so verschieden selbst bei den Samen einer und derselben Pflanze, ja sogar Weizen. Gerste. 30,6 Grad 4,5 mm 3 (nicht gekeimt) 27,2 „ 10,5 „ 13,0 mm 26,6 „ 5,0 „ 7,0 „ 22,8 „ 9,0 „ 12,0 „ 14,0 „ 2,0 „ 2,0 „ Ueber Abhängigkeit der Keimung Yon der Temperatur. 65 dann, wenn man unter vielen die gleichartigsten aussuclit, dass es kaum möglich ist, einige vollständig gleich aussehende Keimpflanzen für vergleichende Versuche zu erhalten. Es hat mir immer geschienen, dass der grösste Theil dieser Unterschiede von dem hindernden Einfluss herrührt, den die Samen- schale dem Austritt der Wurzel und später dem Aufstreben des Keimstengels entgegensetzt, Verbiegungen und Quetschungen sind hierbei fast unver- meidlich, und es ist auffallend, wie in der ersten Jugend auch die kleinsten Beschädigungen die ganze Kraft der Pflanze beeinträchtigen; dieselben Pflanzen im erwachsenen Zustande ertragen zahlreiche Verwundungen, die Beraubung ihrer meisten Organe. Die gegenseitige physiologische Verbindung der Keim- theile scheint eine viel innigere zu sein, als bei der erwachsenen Pflanze. Die Kenntniss der Geschwindigkeiten, womit die Keimung bei ver- schiedenen Temperaturen eintritt und verläuft, giebt uns die Mittel an die Hand, die Maxima und Minima der Keimungstemperaturen genauer zu be- stimmen, als es ohne diese Hilfe möglich wäre. Der Umstand, dass die Keimungsgeschwindigkeit sowohl in der Nähe des oberen, als des unteren Extrems rasch abninunt, ist bei der grossen Schwierigkeit der Bestimmung der beiden Nullpunkte als ein Erkennungszeichen zu betrachten, wonach man entscheiden kann, ob und wie weit man sich dem Maximum oder Mi- nimum genähert habe. Es bedarf natürlich keines besonderen Beweises, dass es für jede Art von Samen einen bestimmten niedrigsten und höchsten Tem- peraturgrad geben muss, bei welchem für ihn die Möglichkeit der Keimung aufhört. Dagegen ist es sehr schwierig, den Beweis herzustellen, welcher Grad die obere oder die untere Grenze bilde. Wenn wir uns in der Lage befänden, einen bestimmten Temperaturgrad an einem der Luft zugänglichen Orte Wochen lang festzuhalten, dann hätte die vorliegende Frage nicht die geringsten Hindernisse. Aber gerade diejenigen Temperaturen, bei denen die Maxima und Minima liegen, sind die, welche sich am schwierigsten längere Zeit hindurch festhalten lassen. Wenn es darauf ankommt, einen bestimmten Grad als denjenigen bezeichnen zu dürfen, unterhalb oder oberhalb dessen keine Keimung eines bestimmten Samens mehr möglich ist, so würde man durch folgendes Ver- fahren dazu gelangen können, wenn es in unserer Macht stände, konstante Temperaturen lange Zeit hindurch zu erhalten. Man würde die in Erde liegenden Samen einmal so lange bei -}- 1° R. liegen lassen, bis sie ent- weder sämmtlich verdorben sind, oder bis einige gekeimt haben; bei einem anderen Versuche würde man gleiche aber neue Samen bei -\- 2° R. so lange liegen lassen, bis sich einer der beiden Effekte zeigt; und so würde man fortfahren, bis man denjenigen Temperaturgrad findet, bei welchem zu- erst Keinuing eintritt. Zur Bestimmung des oberen Nullpunktes würde der- selbe Weg einzuschlagen sein ; man müsste Samen derselben Art einmal bei 40° R., dann andere bei 39", andere bei 38° konstanter Temperatur liegen Sachs, Gesammelte Abhandlungen. I. 5 66 lieber Abhängigkeit der Keimung von der Temperatur. lassen und so lange fortfahren, bis man denjenigen Grad erreicht, wo Keim- ung eintritt; oder man könnte in beiden Fällen die Reihe umkehren und die Temperatur im ersten so lange fallen lassen, bis man den Punkt findet, wo die Keimung unmöglich -wird ; im zweiten müsste man so oft höhere Grade anwenden, bis man einen findet der die Keimung hindert. Bei der Unmöglichkeit, ein solches Verfahren einzuleiten, giebt es noch einen Weg, der beinahe eben so sicher zum Ziele führen kann, und dem nicht so viele Hindernisse entgegenstehen. Angenommen, man befände sich in der Lage, längere Zeit die Temperatur eines Blumentopfes so schwanken zu lassen, dass das Thermometer einmal über einen gewissen Grad hin aufsteigt, oder in einem andern Falle einmal unter einen gewissen Grad sinkt, so ist dadurch die Möglichkeit gegeben, den unteren und den oberen Nullpunkt der Keimung zu bestimmen. Hätte man z. B. Gelegenheit, die Temperatur der Erde in einem Blumentopf einmal mehrere Wochen lang zwischen -f~ ^ '^ ^^^ ^ °' dann zwischen -|~ ^ ° ^^^ ~\~ 3°» dann zwischen -(-1'^ und -[~ ^'^ R. schwanken zu lassen, und würde es sich zeigen, dass im zweiten Falle (-[- 1° bis -f 3°) nach sehr langer Zeit Keimung eintritt, dass dies dagegen im ersten Falle niemals geschieht, dass ferner im dritten Falle die Samen ebenfalls, aber schneller als im zweiten, keimen, so hat man volle Gewiss- heit, dass die niedrigste Keimungstemperatur zwischen -|- 2 " und -{- 3 ' liegt. Zur Bestimmung des oberen Nullpunktes würde ein ähnliches Ver- fahren zu benutzen sein. Der obere Nullpunkt ist von dem unteren aber physiologisch verschieden. Die Temperatur unterhalb des unteren Nullpunktes wirkt nicht unmittelbar schädlich, sondern sie ist zunächst indiff'erent, man kann also nicht sagen, dass die Grade unter dem unteren Nullpunkte die Keimung hindern, sondern nur, dass sie dieselbe nicht einleiten, nicht an- regen. Ganz anders ist es bei der höchsten Keimungstemperatur; dieser Grad bezeichnet den Punkt, über welchen hinaus jede Temperatur schädlich, hindernd wirkt; die über dem oberen Nullpunkt liegenden Grade sind nicht indifferent, sondern negativ. Darauf muss bei der Aufsuchung der Maximum- teraperatur grosse Rücksicht genommen werden. Wenn der obere Nullpunkt z. B. bei 35 ° liegt, und man Hesse die Temperatur zwischen 33 und 36 ° schwanken, so würde der Same nicht keimen, weil er bei 36" getödtet wird; man weiss dann aber auch nicht, da man jenen Nullpunkt noch nicht kennt, ob die Grade 33 — 35 '^ nicht auch schädlich waren; man muss also einen neuen Versuch machen und die Temperatur nicht über 35° schwanken lassen; zeigt sich jetzt, dass der Same keimt, so liegt der Nullpunkt zwischen 35 und 36 °. Es ist natürlich in kleinen Apparaten sehr schwer, die Schankungen so zu leiten, dass nicht einmal binnen 2 bis 3 Tagen die Temperatur um einen Grad höher steigt, als gewünscht wurde. Die Angabe der Temperaturmittel hat für die Bestimmung der beiden Nullpunkte nur unter sehr beschränkenden Bedingungen einiges Interesse. Nur Ueber Abhängigkeit der Keimung von der Temperatur. 67 dann, wenn die berechnete Mitteltemperatur eines Versuchs auch that- sächlich während des Versuchs längere Zeit hindurch herrscht, darf man den Effekt ihr zuschreiben. Wenn z. B. bei einem Versuch die Temperatur der Erde täglich einmal auf 1 '^ R. sinkt und einmal auf 5*^ R. steigt, so kann die Mitteltemperatur nicht zur Bestimmung des Nullpunktes be- nutzt werden ; denn liegt dieser unbekannte Punkt z. B. bei 4 ° R., so sind alle Temperaturen unter 4° unthätig, die über 4° (also Temperatur 4 — 5°) thätig. Nun kann bei jenen Versuchen das Mittel 3° sein; natürlich wäre es nun falsch, 3 ° als eine Keimungstemperatur zu bezeichnen. Nehmen wir an, die Mitteltemperatur eines anderen Versuches sei auch 3° R., auch hier schwankte die Temperatur zwischen 1 und 5 ", aber fügen wir noch eine Bedingung hinzu, nämüch die, dass die tägliche Schwankung zwischen -j- 2 und -|- 3,5° stattfindet, dass während der ganzen Dauer nur gelegentlich die Temperatur auf -(-5° steigt, so wird dann keine Keimung stattfinden; obwohl Maximum, Minimum und Mittel den obigen gleich sind. Als Alphons de CandoUe darauf drang, die Temperaturmittel von den indifferenten Graden unter dem specifischen Nullpunkt frei zu machen ^), übersah er diesen wichtigen Punkt, der allen bisher gelieferten Mitteltemperaturen anhängt und als Fehler zu betrachten ist, wenn dieselben auf die Vegetation bezogen werden sollen. Jede Temperatur wirkt auf die Vegetationsprozesse, ob sie in die Zeit der Keimung oder später fallen, nur dann, wenn sie eine be- stimmte Zeit hindurch anhält. Wenn bei einem Keimungsversuch Wochen lang die Temperatur zwischen -f- 1 und 4° schwankt und vielleicht ein- oder zweimal auf eine oder zwei Stunden bis auf 6 oder 8 ° steigt , um rasch wieder auf 4° zu sinken, so hat das auf das Resultat gar keinen Einfluss; berechnet man aber das Tetnperaturmittel nach gewohnter Weise, so macht sich jene Schwankung in der Zahl geltend, während sie sich in physiologischer Hinsicht durchaus nicht geltend machte. Anders ist das natürlich bei sehr hohen Temperaturen, wo eine plötzliche Erhebung über den oberen Null- punkt auch bei kurzer Dauer Schaden bringt; alsdann ist diese Wirkung der Gradzahl nicht proportional und darf ebenfalls nicht in gewohnter Weise berücksichtigt werden ; vielmehr muss man sie als eine unberechenbare Störung betrachten. Man sieht, wie bei genauerer Betrachtung der Verhältnisse die schönen Illusionen schwinden, welche man sich in Bezug auf die Propor- tionalität zwischen Wachsthumsgeschwindigkeit und Temperatur gemacht hat. Ich habe mich sorgfältig mit der Aufsuchung einiger unterer Nullpunkte beschäftigt, ohne indessen die gewünschte Genauigkeit erreichen zu können; die Keimung in der Nähe der unteren Nullpunkte ist so langsam, dass jeder Versuch Wochen in Anspruch nimmt, und es ist schwer, in so langer Zeit die obere Bodenschicht eines Blumentopfes beständig unter einer bestimmten 1) Alphons de Candolle, Geographie botanique. Tome I. 5* 68 Ueber Abhängigkeit der Keimung von der Temperatur. Temperatur zu erhalten. Bei Versuchen im Kleinen oder im Zimmer ist es nicht sehr schwierig, die täglichen Schwankungen zu vermindern, aber es war mir immer unmöglich, das langsame Steigen oder Fallen zu verhindern, welches von den grossen Schwankungen im Freien abhängt und sich im Zimmer geltend macht. Bei solchen Samen, deren Minimum nahe bei 0° liegt, tritt noch eine neue Schwierigkeit hinzu; man muss sich nämlich vor dem Sinken unter 0*^ hüten, tritt dieses auch nur einmal vor der Keimung ein, so weiss man niemals gewiss, ob das Ausbleiben derselben nicht durch Erfrieren bedingt war. Die Resultate, die ich nun in kürzester Form folgen lasse, sollen mehr dazu dienen, auf die Methode derartiger Untersuchungen aufmerksam zu machen, und sie an einigen Beispielen zu erläutern. III. Aufsuchung der Minima und Maxima der Keimungs- Temperaturen. Zea Mai's. Es wurden hier wie bei den früheren Versuchen nur Körner eines Kolbens angewendet und aus der Mitte der Kolbenreihen genommen. Es wurde hier dieselbe Varietät wie bei den früheren Versuchen benutzt, näm- lich Cinquantino. I. 34 Tage : Mittel 5,4, Max. 6, Min. 2,3 Gr. R. : sämmtliche Körner sind verdorben. II. 18 Tage: „ 5,5, „ 6, „ 5 Gr. R. : haben nicht gekeimt. III. 8 Tage : ,, 6,9, ,, 8, ,, 5 Gr. R. : haben nicht gekeimt. IV. 19 Tage: „ 7,3, „ 8,5, „ 5,8 Gr. R. : von 10 Samen haben 5 gekeimt, die anderen sind verdorben ; die längste Wurzel hatte 1,5 cm erreicht, die Plumula war noch nicht ausgetreten. Die niedrigste Keimungstemperatur liegt nach diesen Beobachtungen sicher oberhalb von 6^ R., denn bei der langen Dauer von Versuch I trat 6*^ öfter auf, und wenn sechs Grad eine Keimungstemperatur für Mais wäre, so hätte sich ein Zeichen der Keimung zeigen müssen. Dasselbe wird durch Versuch II bestätigt; denn wenn bei 6 ^ Keimung stattfände, so hätte dies hier wenigstens durch die erste Regung der Keimwurzel sich zeigen müssen, da während 18 Tagen die Temperatur täglich mehrere Stunden bei 6° und sonst niemals tief unter 6 '^ stand. Versuch iIII stimmt damit ebenfalls überein, denn hier tritt 6,9*^ sogar als Mittel auf und das Maximum steigt auf 8^; wenn nun 6^ eine Keimungstemperatur wäre, so würde bei 6^ die Anregung stattgefunden haben, und der gelegentliche Eintritt von 8 ^ hätte beschleunigend gewirkt. Endlich würde Versuch IV allein hinreichen, zu zeigen, dass der untere Nullpunkt für den Mais oberhalb 6° liegen muss; denn hier war das Minimum der Temperatur 6 ^, die Zeit beinahe 3 Wochen; lieber Abhängigkeit der Keimung von der Temperatur. 69 wäre 6 ^ eine Keimungstemperatur, so hätten die Grade 6, 7 und 8 ° binnen drei Wochen beschleunigend wirken müssen ; der höchste Effekt bestand aber in einer Verlängerung einer einzigen Wurzel auf 1,5 cm; endlich zeigt das Verderben der Hälfte aller angewandten Samen, dass zwischen 6 und 8^ die Keimung höchst unsicher ist, dass also nicht nur 6, sondern auch 7 und 8*^ sehr ungünstige Keimungstemperaturen sind. Demnach wird zwischen 6 und 8,5 ° der Nullpunkt liegen. Wenn man die Temperaturangaben der folgenden Tabelle betrachtet, so wird es sogar höchst wahrscheinlich, dass die niedrigste Keimungstemperatur, die bei Versuch IV offenbar gewirkt hat, noch oberhalb von 7 ° liegt. Februar. Zeit der gewöhnlichen Zeit der Maxima ge- Minima 8 h. a. m. wohnlich 4 h. p. m. 7,30 R. 7,30 „ 7,30 „ 7,2" „ 7,8° „ 7,8 •• „ 8,0 „ 7,2« „ 6,8« „ 6,3« „ 6,50 „ 7,0" „ 8,0" „ 8,50 „ 8,5 „ 8,0 ,, März: 1 7,8« 7,8« „ 7 0« 7,8« „ 8,50 „ Die Tabelle zeigt, dass der grösste Theil der Versuchsdauer zwischen 7 und 8« stattfand; die Temperaturen unter 7« nehmen einen sehr kurzen Zeitraum ein und können um so weniger in Betracht kommen, als die Tem- peraturen über 8« eben so oft auftreten. Es ist demnach sehr wahrschein- lich, dass die Minimumtemperatur zwischen 7 und 8« R. liegt, und wir können sie, um einen bestimmten Auscbuck zu haben, als 7,5« R. bezeichnen. P h a s e o 1 u s m u 1 1 i f 1 r u s. Es wurden Samen derselben Varietät und Grösse wie bei den früheren Versuchen angewendet. 13 14 7,2« 15 7,2« 16 7,2« 17 7,4« 18 8,1« 19 7,0« 20 7,2« 21 6,0« 22 5,8« 23 6,0« 24 6,8« 25 7,4" 26 8,0« 27 8,0« 28 8,2« 1 7,8« 2 7,5« 3 7,8« 4 8,0« 70 Ueber Abhängigkeit der Keimung von der Temperatur. I. 34 Tage: Mittel 5,4, Maximum 6, Minimum 2,3° R.; die Samen waren, ohne dass einer im Geringsten gekeimt hatte, verschimmelt, IL 19 Tage: Mittel 5,9, Maximum 6,5, Minimum 5,0, nur einmal auf kurze Zeit 7 und einmal 3 ° R. ; die Samen waren verfault. III. 18 Tage: Mittel 5,5, Maximum 6, Minimum 5" R. ; nicht ver- dorben, aber auch nicht gekeimt. IV. 8 Tage: Mittel 6,9, Maximum 8, Minimum 5° R. ; ebenso. V. 6 Tage: Mittel 7,5, Maximum 8, Minimum 6,2" R.; die Wurzel war eben ausgetreten ; dieselben Samen, wieder an ihren Ort gebracht, trieben in den nächsten 6 Tagen (bei 7,7°) 4 cm lange Wurzeln; es war kein Samen verdorben. Nach diesen Versuchen liegt das Minimvim der Keimungstemperatur der Schminkbohne jedenfalls über 6 ° R. ; denn wäre 6 ° eine aktive Tempe- ratur, so hätte bei Versuch II und III ein Zeichen von Keimung auftreten müssen , denn in beiden Fällen erreichte die Temperatur öfter 6 ° und hielt sich während langer Zeit immer in der Nähe dieses Grades. Die Ver- gleichung der Versuche IV und V berechtigt sogar zu der Annahme, dass die niedrigste Keimungstemperatur sehr nahe bei 7 ° liegt, dass sie wahr- scheinlich höher als 7° ist; denn als sechs Tage lang die Temperatur zwischen 7 — 8° schwankte, wobei sie sich fast immer über 7° hielt, trat die Keimung mit grosser Entschiedendenheit auf, als dagegen bei etwas längerer Dauer die Temperatur dasselbe Maximum erreichte, aber gewöhnlich um 0,5° R. niedriger stand als im Versuch IV, so trat kein Zeichen von Keimung ein. Würde nun der in Versuch V als thätige Keimungstemperatur angenommene Grad 7,5 ° über dem Minimum liegen, so hätte sich auch in IV ein Zeichen der Keimung zeigen müssen, was nicht -erfolgte ; demnach können wir 7,5° als diejenige Temperatur ansehen, welche nur wenig oberhalb des Null- punktes liegt, Cucurbita Pepo. (Eine grosssamige Varietät.) I. 18 Tage: Mittel 5,5, Maximum 6, Minimum 5° R.; verdorben. IL 8 Tage: Mittel 6,9, Maxhnum 8, Miniraum 5° R.; verdorben. III. 15 Tage: Mittel 8,5, Maximum 11,4, Minimum 6° R. Bei dem Versuch III betrug das Mittel der täglichen Maxima ungefähr 10°, demnach hatten die Samen 15 Tage lang täglich mehrere Stunden nahe 10° Temperatur; schon hieraus lässt sich vermuthen, dass die niedrigste Keimungstemperatur entweder sehr nahe unter oder noch über 10° R. liegt. IV. 15 Tage: Mittel 10,1, Maximum 11,4, Minimum 8,7°; es keimten einige Samen; jedoch wurde die längste Wurzel nur 2,5 cm laug, Ueber Abhängigkeit der Keimung von der Temperatur. 71 die Kotyledonen hatten sich noch nicht merklich vergrössert und steckten noch unter der Erde in der Samenschale. Vergleicht man diesen Versuch mit dem vorigen, so bestätigt sich die Ansicht, dass das Minimum der Keimungstemperatur nahe bei 10° liegt. Denn während im vorigen Versuch keine Keimung eintrat, obgleich die Temperatur 15 Tage hindurch mehrere Stunde lang nahe bei 10° blieb, so finden wir im Versuch IV eine sehr geringe "Wirkung eintreten, indem sich die Dauer derjenigen Zeit vermehrt, wo 10° Temperatur stattfindet, wie mau aus der Erhöhung der Mitteltemperatur ersieht. V. 12 Tage: Mittel 11,8, Maximum 13, Minimum 11 °R. Hier fand keine Regung der Keime statt; es beweist dies, dass selbst die zwischen 11 und 13° liegenden Temperaturen entweder gar nicht, oder erst nach längerer Zeit wirken. Dadurch wird aber die Annahme bestätigt, dass im vorigen Versuche die Keimung nicht durch die Mitteltemperatur 10,1 °, sondern durch die Maxima 11,4° bewirkt wurde, und dass ferner 11,4° eine noch sehr un- günstige Temperatur sein muss, da im Versuch V dieselbe Temperatur ohne Wirkung blieb, obwohl sie durch öftere Erhöhung unterstützt wurde. Ich glaube daher, die niedrigste Keimuugstemperatur des Kürbis auf höchstens 11° R. setzen zu dürfen. Nach ähnlichen Betrachtungen glaube ich mit ziemlicher "Wahrschein- lichkeit den unteren Nullpunkt für unsere Eicheln auf mindestens 8° R. setzen zu dürfen ; diesjährige Versuche machen es mir ebenso glaublich, dass die Wallnuss nicht unter 10° R. keimt. Die Keimung dieser Samen ist bei Temperaturen unter 12° so ausserordentlich langsam, dass es unmöglich scheint, ihren unteren Nullpunkt genau zu bestimmen. Für die Samen von Trifolium pratense, Medicago sativa, Ervum Lens.; Raphanus sativus, Brassica Napus oleifera, Brassica Rapa, Winter- und Sommervarietäten von Weizen, Gerste und Roggen habe ich mir durch öfter wiederholte Versuche nur die Ueberzeugung verschaffen können, dass sie bei 4° R. noch sicher keimen, dass also ihr Nullpunkt unterhalb 4° liegt. Für Vicia Faba und Pisum sativum liegt die niedrigste Keimungs- teraperatur nahe bei 5°, denn als die Temperatur im Mittel 5,4° betrug und zwischen 6 und 2,3° schwankte, trat die Keimung ausserordentlich langsam ein ; sie brauchten über einen Monat, um 4 cm "W^urzellänge zu erreichen. Das Minimum für Tropaeolum Majus und Helianthus annuus scheint nahe bei 6 ^ zu liegen, denn erst nach drei bis vier "Wochen zeigten sich die ersten Anzeichen von Keimung, als die Mitteltemperatur nahe bei 6 ° lag und täglich bis gegen 7 ° stieg. Anethum graveolens und Daucus Carota keimen wahrschein- lich noch unter 4 ° R., denn sie keimten noch ziemlich rasch bei Mittel 4,8 und Maximum 7, Minimum 2,3 °. 72 lieber Abhängigkeit der Keimung von der Temperatur. Maxima der Keimungstemperatur, Zea Mais, Phaseolus multiflorus und Cucurbita Pepo keimten binnen 48 Stunden, als die Mitteltemperatur 34^ R. betrug, das Maximum einige Stunden auf 37*^ R. verweilte und das Minimum nicht unter 31° fiel. Demnach liegt für diese Samen der obere Nullpunkt sicher über 34 '^ R., und wahrscheinlich können sie noch bei 37'^ R. keimen, Weizen (Wintervarietät) keimte nicht, wenn die Temperatur bis 37 '^ stieg, er keimte aber bei einer Mitteltemperatur von 30,6 '-, wenn das Maxi- mum nicht über 34,5° stieg; demnach liegt das Maximum der Keimungs- temperatur noch über 34°. Die Gerste verträgt keine so hohe Wärme. Wenn die mittlere Tem- peratur 26,6° war und das Maximum bis 31,5° stieg, verdarben die Körner, ohne zu keimen; wenn aber die Mitteltemperatur 27° R. betrug und das Maximum nur 28,5° war, so keimten sie; der Nullpunkt liegt also zwischen 29 und 30°. Die Erbsen keimten noch sehr kräftig, als die mittlere Temperatur 30,6° war und das Maximum 34° erreichte; demnach liegt der Nullpunkt über 34°, Ebenso verhielten sich die Samen der Sonnenrose, In der folgenden Uebersicht stelle ich für einige hier untersuchte Samen die drei fixen Punkte, nämlich das Minimum, das Maximum und das Optimum der Keimungstemperaturen zusammen, aber mit dem ausdrücklichen Zusätze, dass es nur Näherungswerthe sind. Selbst wenn wir bei allen diesen Zahlen einen Irrthum von einigen Graden zugeben, so lässt sich dennoch eine gewisse Gesetzmässigkeit in ihnen nicht verkennen: es zeigt sich, dass wenn der untere Nullpunkt hoch liegt, so liegt auch das Optimum und das Maximum hoch; wenn der untere Nullpunkt tief liegt, so rückt auch jeder der beiden anderen fixen Punkte tiefer. Ferner liegen zwischen dem Minimum und dem Optimum ungetähr doppelt so viel Grade, als zwischen diesem und dem Maxiraum; endlich ge- hören die hohen Nullpunkte und Optima den südlichen Arten der kleinen Tabelle, die niederen den nördlichen Species an. Mii aimum. Optimum. Ma. ^imum. Zea Mais . , , . 7,5 Gr, R. 27 Gr. R. 37 Gr. R. Phaseolus multiflorus 7,5 )> 27 ?j 37 )) Cucurbita Pepo . . 11 )> 27 >) 37 '> Weizen 4 n 23 )> 34 >? Gerste 4 )) 23 )) 30 )> Ueber Abhäugigkeit der Keimung von der Temperatur. 73 IV. Abhängigkeit der weiteren Entwickelung von der Temperatur. In Bezug auf die weitere Entwickelung der Keimpflanze, namentlich was die Entfaltung der oberirdischen Keimtheile betrifft, verhalten sich die Temperaturen in der Nähe des unteren Nullpunktes wesentlich anders als in der Nähe des Maximums. Um diese Unterschiede jedoch richtig aufzu- fassen, ist es nöthig, zwischen den Keimpflanzen selbst zu unterscheiden. Wenn kleine Samen, wie die unserer Cruciferen und Cerealien, in der Nähe ihres unteren Nullpunktes angefangen haben zu keimen, so sind sie auch im Stande, bei diesen niederen Temperaturen (4 — 6 ^ R.) sämmtliche Keimtheile zur vollständigen Entfaltung zu bringen; ist dieses aber erreicht, so wachsen sie bei jener niederen Temperatur nicht weiter. Wenn dagegen grosse Samen, wie Mais, Bohne, Kürbis, Saubohne, bei Temperaturen angefangen haben zu keimen, welche ihrem Minimum sehr nahe sind (bei 8 bis 11"), so entfalten sich die Keimtheile nur unvollständig- es entwickelt sich das primordiale^) Wurzelsystem, dagegen entfalten sich die Primordialblätter nicht, oder sie bleiben in abnormer Weise klein und nehmen ihre normalen Richtungen nicht an. Wenn dagegen die Temperatur um 4 — 5° über das Minimum steigt, so findet die Entfaltung der genannten Theile in einigen Tagen statt; dann tritt jedoch ein Stillstand ein, der an und für sich in der Entwickelung begründet ist, nämlich die Pause zwischen beendeter Keimung und beginnender Vegetation. Diese Pause, welche unter günstigen Umständen (15 — 20°) nur einige Tage dauert, verlängert sich aber gewissermassen in's Unendliche, wenn die Temperatur nicht abermals um mehrere 1) So möchte ich dasjenige Wurzelsystem nennen, welches sich auf Kosten der Samenstoffe entwickelt und schon vollständig vorhanden ist, bevor irgend eine Bildung neuer, nicht zur Keimpflanze gehöriger Theile eintritt. Wenn die merk- würdige Pause zwischen dem Ende der Keimung und dem Beginn der Vegetation eintritt, so ist das primordiale Wurzelsystem bereits ganz fertig: es ist dadurch aus- gezeichnet, dass die einzelnen Wurzeln sehr regelmässige Stellungen zeigen. Nach dem Beginn der Vegetation bilden sich dann neue Wurzeln , welche in ziemlich un- regelmässiger Folge oft an beliebigen Stellen der früheren hervorkommen. Bei dem Mais ist das primordiale Wurzelsystem sehr scharf von dem der Vegetationszeit an- gehörenden Systeme geschieden; die vollendete Keimpflanze besitzt an der langen, starken Keimwurzel I. Ordnung eine sehr grosse Zahl Nebenwurzeln (in 6 Reihen?) von begrenztem Wachsthum. Bei beginnender Vegetation entwickeln sich starke und zahlreiche Nebenwurzeln an den ersten Knoten; bei überhand nehmender Ent- wickelung dieser verliert das primordiale System seine Bedeutung, mit dem Schildchen und dem ersten Internodium zusammen erscheint es später als ein unthätiges kleines Anhängsel der mächtig gewordenen Pflanze. 74 TJeber Abhängigkeit der Keimung von der Temperatur. Grade steigt. Der Mais keimt, wie wir oben mit ziemlicher Genauigkeit bestimmten, bei 7,5"; bleibt diese Temperatur stationär, so entwickelt sich das primordiale Wurzelsystem sehr langsam, aber das erste Primordialblatt (das erste Laubblatt des Keims) entfaltet sich nicht, wenn die Pflanze auch "Wochen lang steht; erhöht sich die Wärme auf 7,5 + 4 ^ 11,5 "; so kommen die beiden ersten Laubblätter zur vollständigen Ausbildung, jedoch sehr langsam; dann tritt abermals ein Stillstand ein, den man beliebig lange festhalten kann, wenn die Temperatur nicht erhöht wird; tritt nun abermals eine Erhöhung um etwa 4" ein, d. h. steigt die Temperatur auf 15", so beginnt die Entfaltung neuer Blättier und neuer Wurzeln, welche nicht mehr zur Keimperiode gehören. Ganz ähnliche Verhältnisse beobachtet man bei dem Kürbis, der Bohne und Saubohne; ich hatte diesen Winter von Neuem Gelegenheit, mich davon zu überzeugen, dass der Eintritt der Vegetations- periode niemals erfolgt, wenn nicht eine Erhöhung der Temperatur eintritt. Im November 1859 hatte ich Phaseolus und Faba keimen lassen; die Tem- peratur des Zimmers, worin sie standen, stieg niemals über 12° R. Die Bohnen entfalteten ihre Primordialblätter vollständig, entwickelten aber binnen vier Monaten nicht ein einziges neues Blatt; die Keimpflanzen waren in einem stationären Zustande; die Saubohnen dagegen, deren unterer Nullpunkt ungefähr bei 4" liegt, entfalteten ihre sämmtlichen Keimtheile, d. h. vier zwei- fiedrige Laubblätter, dann hörten sie ebenfalls auf zu wachsen. Eine Er- höhung der Temperatur um 3 — 4" R. hätte beide Pflanzen in kurzer Zeit zur Bildung neuer Blätter gebracht, es wäre nach beendigter Keimung die Vegetation eingetreten. Diese Thatsachen, die man unter gewöhnlichen Verhältnissen nicht leicht verfolgen kann, liefern den Beweis, dass die folgenden Entwickelungs- stadien höhere Temperaturen brauchen, d. h. jede folgende Phase hat ihr besonderes Temperaturminimum oder ihren eigenen Nullpunkt, und zwar mit der Eigenthümlichkeit, dass der Nullpunkt für jede folgende Phase um einige Grade höher liegt. Ganz anders verhält sich der Gang der weiteren Entwickelung in der Nähe des oberen Nullpunktes. Die Entfaltung sämmtlicher Keimtheile findet in rascher Folge statt, die Pause vor Eintritt der Vegetation geht bald vor- über, die Entwickelung neuer, nicht mehr zur Keimung gehöriger Theile, schliesst sich an die Ausbildung der letzten Keimgebilde an. Hier bedarf es also keiner beständigen Erhöhung um einige Grade oder etwa einer be- ständigen Verminderung, um den Fortgang der Entwickelung zu sichern ; die Ursache dafür liegt einfach in dem Umstände, dass die Temperaturen in der Nähe des oberen Nullpunktes der Keimung auch zugleich dem Temperatur- maximum, welches bei Entfaltung der späteren Theile einen zweiten oberen Nullpunkt vorstellt, nahe liegen. Bei den grossen Samen wird die Pause bei raschem Verlauf der Entwickelung fast unmerklich, weil hier während Ueber AbhäDgigkeit der Keimung von der Temperatur. 75 der Entfaltung der Primordialtheile die Anlage der ersten Neubildungen soweit fortschreitet, dass, wenn jene fertig sind, diese sogleich in die Reihe der sich." entfaltenden Theile mit; eintreten. Bei den kleinen Samen bleibt dagegen auch in der Nähe des oberen Nullpunktes die Pause zwischen Keimung und Vegetation sehr merklich, denn bei den meisten kleinen Samen liegt zwischen den Kotyledonen eine nackte Termiualknospe oder eine solche mit sehr kleinen Anlagen von Blättern ; da nun die Streckung des Keini- stengels, die Entfaltung der Kotyledonen (besonders da, wo sie blattartig werden) in rascher Folge verläuft, so fällt es um so mehr auf, wenn nun längere Zeit vergeht, bis ein neues Blatt zur Entfaltung gelangt. Der Kürbis nähert sich in dieser Hinsicht den kleinen Samen ^). Die Betrachtung der Vorgänge nahe bei dem Temperaturminimura der Keimung hatte gezeigt, dass die Entwickelung nur dann fortschreitet, wenn von dem unteren Nullpunkt ausgehend, die Temperatur beständig und ziem- lich rasch zunimmt, mit anderen Worten, es zeigte sich, dass es nicht nur für die Keimung einen untern Nullpunkt giebt, sondern auch für den Ein- tritt der Vegetation, und dass der Vegetationsnullpunkt um mehrere Grade höher liegt als der erstere. Für den Eintritt der Blüthenperiode scheint dagegen eine Verminderung des Temperaturmaximums der Vegetation nöthig zu sein. Man weiss, dass unsere Getreidearten in heissen, feuchten Gegenden nicht zur Blütlie kommen, sondern fortfahren, zu vegetiren, dass sich in den tro- pischen Gegenden die Kultur derselben auf die kühleren Hochebenen be- schränkt. Es zeigt dies, dass der Eintritt der Blüthe und Fruchtbildung nicht erfolgt, wenn die Temperatur ein Maximum übersteigt; merkwürdig ist hierbei der Umstand, dass das Maximum für die eigentlichen Vegetations- prozesse, für Stamm- und Blattbildung höher liegt als für die Ausbildung der Blüthe. Es wäre interessant zu untersuchen, ob der Eintritt der Blüthe- zeit bei manchen unserer einheimischen Pflanzen im Herbst von der Tempe- raturabnahme bedingt wird; die blosse Thatsache an sich gestattet nicht, diesen Zusannnenhang ohne Weiteres zu statuiren ; man müsste durch besondere Versuche sich überzeugen, ob z. B. die Herbstzeitlose dadurch am Blühen ver- hindert würde, dass man sie vor Eintritt ihrer Blüthenperiode einer Tempe- ratur aussetzte, welche der höchsten Sommertemperatur wenigstens gleich wäre. Das Erscheinen der Blüthen von Galanthus, Crocus, Cornus mascula u, s. w. während der ersten Frühlingstage, wo die Temperaturmaxima noch sehr gering sind, beweist ebenfalls noch nicht, dass höhere Temperaturen diesen Prozess verhindern würden ; es beweist aber, dass der untere Nullpunkt für diese Blüthenentfaltungen sehr tief liegt. 1) Meine späteren Untersuchungen über Keimung und Assimilation lassen keinen Zweifel, dass die erwähnte Pause von dem Mangel an Baustoffen herrührt: die Reservestoffe sind während der Keimung verbraucht, neue Baustoffe durch Assi- milation aber noch nicht gebildet. Zusatz 1892. 76 lieber Abhängigkeit der Keimung von der Temperatur. Wenn wir den Keimungsprozess, die Bildung der Blätter, das Blühen und das Reifen der Früchte in Bezug auf die Temperatur derjenigen Zeiten, wo diese Prozesse im Freien gewöhnlich eintreten, betrachten, so kommt man zu einer physiologisch merkwürdigen Folgerung. Es zeigt sich, dass das Keimen und die Blüthenentfaltung sehr häufig bei niederen Temperatm-en eintreten, die völlige Ausbildung der Blätter und der Früchte aber fast immer an höhere Tempei-aturen gebunden erscheint. Dieser Unterschied fällt freilich ganz hinweg bei solchen Pflanzen, wo die Blüthen einzeln und nach und nach neben der Blattbildung auftreten. Wo dagegen ein abgeschlossener Blüthenstand nach vollendeter Blattbildung sich rasch entfaltet, da lässt sich im gewöhnlichen Lauf der Dinge eine gewisse Beziehung zu der Temperatur kaum verkennen. Die Entfaltung der Blüthen während der ersten noch kalten Frühjahrs- tage, selbst da, wo durch den Mangel an Insolation die täglichen Maxima nicht über 8 bis 10*^ R. gehen (z. B. Hepatica, Galanthus, Daphne), findet nur bei solchen statt, w^o die Blüthentheile, schon im vorhergehenden Jahre ausge- bildet, im Knospenzustande überwintern, wo zugleich im vorhergehenden Jahre assimilirte Nahrungsstoff^e angehäuft wurden. Dadurch wird die Ent- faltung jener Blüthen der Entfaltung der Keimtheile ähnlich, in beiden Fällen sind es nicht Neubildungen, sondern schon vorhandene Organe', in beiden Fällen brauchen die nöthigen Stoflfe nicht erst gebildet zu werden, sie finden sich bereits im assimilirten Zustande vor. Ganz anders ist es bei der Ausbildung der Blätter und Früchte derselben Pflanzen. Obwohl die ersteren schon in der Knospe angelegt sind, so ist ihre vollständige Aus- bildung doch immer mit Neubildung einzelner Theile verknüpft. Es liegt daher die Annahme sehr nahe, dass bei niederen Temperaturen im Allge- meinen nur Entfaltungen schon gebildeter Theile möglich sind, dass dagegen die Neubildung von Organen und noch mehr die Assimilation neuer Nahrungs- stoffe ^) nur bei höheren Temperaturen möglich ist. Die Keimung und die Entfaltung der in den ersten Frühlingstagen auftretenden Blüthen stimmen auch darin überein, dass beide Prozesse nicht wesentlich vom Licht abhängen, sie können im Dunkeln eintreten, beide Prozesse sind mit Aufnahme von Sauerstoff" und Aushauchung von Kohlensäure verbunden. So sehen wir, dass die Ausbildung der Blätter und ihre assimilirende Thätigkeit an die höheren Temperaturen und die Zeiten der stärksten Beleuchtung gebunden sind, während die Keimung und Blüthenentfaltung, welche auf Kosten jener assi- milirten Stoffe stattfinden, beides mehr oder weniger entbehren können^). 1) Spätere Untersuchungen haben jedoch gezeigt, dass die Zersetzung der Kohlensäure auch bei niederen Temperaturen über 0° noch ziemh'ch kräftig ist. Zusatz 1892. 2) Die Betrachlungen auf den drei letzten Seiten habe ich hier nur deshalb mit aufgenommen, weil sie biologische Fragen anregen; bei dem jetzt fortgeschrittenen lieber Abhängigkeit der Keimung von der Temperatur. 77 Historisches. Der erste, welcher es versuchte, eine gesetzmässige Beziehung zwischen der Temperatur und der Entwickelungsgeschwindigkeit der Pflanzen auf numerischem Wege auszudrücken, scheint Adanson gewesen zu sein. „Er hatte angenommen, die Zeit des Ausschiagens der Knospen werde durch die Gesammtzahl der Grade mittlerer Tageswärme bestimmt, welche, vom Jahresanfang an gerechnet, zusammenkommen" (Pyrame De Candolle, Pflanzen- Physiologie, von Röper übersetzt, S. 432); dieser Gedanke hat sich mit ge- ringen Modifikationen bis auf die neueste Zeit erhalten, während jede neue Untersuchung des Gegenstandes ihn als haltlos und unrichtig darstellen rausste. Bereits Senebier, der Adanson ebenfalls citirt, erklärte sich dagegen; de Candolle, auf eine ausgezeichnete Reihe von Versuchen an Kastanien- bäumen, von Rigaud Martin und Theodor Paul, gestützt, unterzog mit Hilfe der ihm vorliegenden Zahlen das Adanson'sche Gesetz einer eingehenden und geschickten Diskussion, kam aber zu dem Resultat, „er glaube, dass Adanson's Hypothese, mag man sie nun auffassen, von welchem Gesichts- punkt man wolle, nicht mit den Thatsachen übereinstimmt" (S, 432). Eine gewichtige Bestätigung und eine überraschende Verallgemeinerung schien später die Adanson'sche Ansicht zu finden, als Boussingault (Landwirth- schaft in ihrer Beziehung zur Chemie, Physiologie und Meteorologie, 1845. H. Band. S. 436. Uebers. von Gräger) bei Vergleichung der Mitteltempera- turen luid Erntezeiten der Cerealien in nördlichen und südlichen, hohen und niederen Gegenden, die Bemerkung machte, dass die Produkte aus den Vege- tationszeiten in die Mitteltemperaturen derselben für jede Species eine bei- nahe konstante Grösse sind, wie verschieden auch die Temperaturen an und für sich sein mögen. Aus dieser jedenfalls sehr merkwürdigen Thatsache ging unmittelbar der Schluss hervor, den Boussingault auch zog, dass nämlich die Vegetations-Geschwindigkeit den mittleren Temperaturen propor- tional sei, oder mit anderen Worten, dass die Vegetationsdauer einer Species der heiTschenden Mitteltemperatur dieser Zeit umgekehrt proportional sei. Indessen zeigten schon die von Boussingault selbst angegebenen Zahlen so bedeutende Abweichungen für eine Species, dass man, selbst wenn den un- vermeidlichen Ungenauigkeiten Rechnung getragen wurde, daran hätte zweifeln müssen, ob es rathsam sei, ein so höchst wichtiges, man darf sagen, ein so wunderbares Naturgesetz aus Zahlen abzuleiten, welche auf ungenauen Daten beruhen. Es scheint weder bei der Adanson'schen, noch bei der Boussingault'- schen Fassung des Gesetzes Jemandem aufgefallen zu sein, wie viel Wunder- Zustande der Pflanzenphysiologie müssen neue, sehr ausgedehnte Untersuchungen zu ihrer Entscheidung gemacht werden. Zusatz 1892. 78 Ueber Abhängigkeit der Keimung von der Temperatur. bares, ja Ungereimtes dasselbe ausspricht, indem es eine Reihe organischer Prozesse', die unter sich verschieden sind, in einander eingreifen und von einer ^^djÄsen Zahl äusserer Umstände beeinflusst werden, einfach proportional setzt einem einzigen dieser äusseren Umstände. Diese Proportionalität, wenn sie bestände, wäre der wunderbarste Zufall, den die Wissenschaft kennt, um so wunderbarer wegen seiner unendlichen Allgemeinheit ; denn, um nur einen Punkt hervorzuheben, wenn jene Proportionalität der Vegetationszeit zur Temperatur bestände, so würde unmittelbar daraus folgen, entweder, dass alle andern Einflüsse als Null zu bezeichnen sind, oder aber dass eine un- begreifliche Kompensation zwischen ihnen und den Temperaturschwankungen stattfände. Wenn es sich, was freilich nicht zu erwarten ist, durch genaue Beobachtungen bestätigen sollte, dass irgend ein Vegetatiousprozess der Temperatur proportional sei, so niüsste man dieses Ergebniss als ein völlig unbegreifliches, als ein wahres Wunder betrachten. Diese Beti'achtungen hätten genügen können, den ganzen Standpunkt der Untersuchung zu ändern. Aber der Gedanke, dass das Produkt aus Temperatur und Vegetationszeit eine konstante Grösse sein müsse, wurde wie ein Axiom angenommen. Es tritt dies nirgends deutlicher hervor, als in den Bestrebungen von Alphons de Candolle und von Quetelet. Die Aenderungen, welche von diesen beiden Männern vorgeschlagen wurden, sind nicht hervorgegangen aus einem Bedenken darüber, ob überhaupt eine einfache Beziehung zwischen Tempe- ratur und Zeit der Vegetation denkbar sei, sondern sie nahmen diesen Ge- danken als eine sich von selbst verstehende Sache an und suchten nur einen genaueren Ausdruck für die Beobachtungen zu finden, unter der Voraus- setzung, dass dieser dann die einfache Gestalt des hypothetischen Gesetzes klar zeigen müsse. Die Beobachtung zeigte, dass die Abweichungen von dem Boussingault- schen Gesetze selbst wieder einem gewissen Gesetz zu unterliegen scheinen, es ergab sich, dass, wenn die Temperatur fällt, die Vegetationszeit nicht im einfachen proportionalen Verhältniss steigt, sondern dass die Zunahme der Zeit bedeutend stärker ist, als der Proportion entspricht. Quetelet setzte daher die Vegetationszeiten den Quadraten der Temperatur umgekehrt propor- tional und erhielt so Ausdrücke, die unter sich nach verschiedenen Beobacht- ungen gut übereinstimmten. Wenn diese Uebereinstimmung in der That auch dann stattfände, wenn die äusseren Bedingungen grossen Schwankungen unterliegen, so müsste man hier abermals etwas ebenso Unerklärliches finden, wie oben; denn auch das Quetelet'sche Gesetz unterliegt den Folgerungen, die ich oben andeutete. Man wird zugeben, dass eine Keimwurzel, die sich im Boden entwickelt, einer viel genaueren Temperaturbeobachtung und noch mehr einer genauen Messung fähig ist, als die Entfaltung von Knospen, wo weder der Anfang, noch das Ende der Beobachtungszeit objektiv festgestellt werden kann. Nun haben aber meine Beobachtungen zu dem Resultate lieber Abhängigkeit der KeimuDg voq der Temperatur. tJ geführt, dass es eine Temperatur der raschesten Entwickelung giebt, dass die Temperaturen oberhalb und unterhalb dieses Punktes die Entwickelung ver- langsamen ; diese einfache Thatsache genügt, um jeden Gedanken an eiije Pro- portionalität, ob einfach, ob im quadrirten Verhältniss, zurückzuweisen. Die Ent- wickelungsgeschwindigkeit eines in sich sehr gleichförmigen Organes, wie die Keimwurzel, lässt sich graphisch als eine Kurve darstellen, die an beiden Seiten zur Abscisse zurückkehrt, deren beide Aeste rechts und links von dem höchsten Punkte ungleich sind; es ist ungereimt, unter diesen Umständen die Abscissen (Temperaturen) dem Geschwindigkeits-Oi'dinaten (Wurzellängen gleicher Zeiten) proportional setzen zu wollen. Wenn man nun ausserdem bedenkt, dass unsere obigen Untersuchungen gezeigt haben, dass bei gleichen Temj^eraturen die Streckungsgeschwindigkeit sich ändert, je nachdem dasselbe Organ jünger oder älter ist, so folgt, dass die Wirkung eines bestimmten Temperaturgrades keine bestimmte ist; dass nicht nur dieselbe Temperatur auf verschiedene Pflanzen, sondern auf einen gleichförmigen Prozess des Organes einer und derselben Pflanze verschieden wirkt. Es ist durchaus unmöglich, diese Thatsachen mit dem Boussingault'schen Ausdruck zu vereinigen. A 1 p h n s de C a n d o 1 1 e legte mehr als seine Vorgänger Gewicht auf die- jenigen Umstände, welche neben der Temperatur die Vegetationsgeschwindig- keit beeinflussen. Er machte sich von der Ansicht frei, die Temperatur- effekte den Mitteltemperaturen schlechthin zuzuschreiben , worin ihm sein Vater (in der oben genannten Arbeit) schon vorangegangen war. Dieser hatte bereits den Gedanken, die Mitteltemperaturen, in so fern sie auf Vegetationsvorgänge zu beziehen sind, von den Graden unter dem Eispunkt zu befreien. Alphon s that einen Schritt weiter, indem er nur diejenigen Temperaturen auf die Vegetation bezogen wissen will , welche von dem specifischen Nullpunkt aufwärts liegen. Dass aber jede einzelne Entwickel- ungsphase ihren besonderen Nullpunkt hat, war ihm noch unbekannt. Der Standpunkt von Alphons de Candolle ist besonders in der folgenden Stelle sehr klar bezeichnet, die sich in der Bibliotheque universelle de Genöve, Mars 1850, findet und in der Bot. Zeitung 1850, S. 802, von K. M. ausgezogen ist: „Ich habe mit vielen Physiologen den Fehler getheilt, die Pflanze als eine Art Thermometer zu betrachten. Dies ist ein falscher Vergleich, welcher zu Irrthümern führt. Ich wiederhole: Die Erniedrigung der Temperatur zerstört nicht den Einfluss einer vorhergegangenen höheren Temperatur. Beim Thermometer fällt und steigt die Quecksilbersäule, dagegen schreitet die Pflanze immer vorwärts. Das Mittel von Thermometer- Ver- änderungen, welches man immer auf Vegetationserscheinungen anwendet, entspricht keinem Vorgange im Pflanzenleben; denn die Keime treten nicht in den Samen zurück, eben so wenig die Blätter in die Knospen, wenn Frost auf die Wärme folgt. Um ganz wahr zu sein, muss man die Pflanze einer Maschine vergleichen, die ihre Arbeit im Verhältniss zu dem 80 Ueber AbhäDgigkeit der Keimung von der Temperatur. von der Wärme und den chemischen Strahlen wirkenden Impulse verrichtet. Reicht die Kraft des Impulses nicht aus, um die Maschine in Bewegung zu setzen, so bleibt sie ganz stehen, ist das Produkt der frühreren Arbeit aber einmal da, und beginnt ein neuer Impuls, so fügt sich ein neues Produkt zum alten; daher die Noth wendigkeit, die Temperaturen über Null nicht zu übersehen, denn wir sind gewiss, dass die Pflanzenmaschine unter diesem Punkte stillsteht. Daher auch der Nutzen, zu untersuchen, ob manche Pflanzen ihre Funktionen bei Temperaturen von -|- 1 "^ -j- 2 "^ u. s. w. nicht ganz aufgeben, wie die nördlichen Grenzen der Pflanzen und die täg- liche Beobachtung mir anzudeuten scheint," Wir wissen jetzt, dass manche Keime erst bei etwa 3*^ R., andere bei 7, noch andere bei 11^ R. an- fangen sich zu regen. Wäre de Candolle noch den einen Schritt weiter gegangen, nicht nur für die erste Regung eines Keimes oder einer Knospe, sondern auch für die folgenden Bildungsprozesse gestimmte Minima oder Nullpunkte anzunehmen, so wäre er auch zu der Ansicht gelangt, dass selbst bei Berücksichtigung der unteren Nullpunkte die Mitteltemperatur keinen Massstab für die Entwickelungsgeschwindigkeit giebt. Wenn man sich mit de Candolle's Einschränkungen genügen Hesse, so müsste der Mais und der Kürbis bei einer mittleren Temperatur von 12° R. wachsen können, denn der Nullpunkt der Keimung liegt bei jenem bei 7,5, bei diesem bei 11°. Aber bei 12° R. findet zwar Keimung statt, die Vegetation selbst be- ginnt jedoch bei dieser Temperatur nicht. Hätte Alphons de Candolle seinen geistreichen Vergleich der Pflanze mit einer Maschine etwas strenger durchdacht, so würde er gefunden haben, dass auch bei einer solchen die Leistung niemals proportional ist den von aussen auf sie einwirkenden Kräften, auch wenn man diejenigen Intensitäten der letzteren ausser Rech- nung bringt, welche überhaupt keine Leistung veranlassen. So kommt es, dass Alphons de Candolle in seinem durch so viel Scharfsinn ausge- zeichneten Werke, der Geographie botanique, die von Adanson, Bous- singault und Quetelet aufgestellte Beziehung zwischen Temperatur und Vegetation dennoch beibehält; er geht soweit, die Insolation durch eine Aequivalentzahl von Temperaturgraden auszudrücken'), um so dem hypo- thetischen Gesetze erfahrungsmässig näher zu kommen; wo liegt aber irgend ein Grund zu der Annahme, dass die Strahlung auf die Pflanze nur in so fern wirkt, als sie im Stande ist, unter besonderen Umständen die Temperatur eines Köi'pers zu erhöhen? Es ist möglich, dass sich aus der Vergleichung der Temperaturmittel und Vegetationserscheinungen bestimmter Orte Gesetze ableiten lassen, aber so lange man nicht im Stande ist, die Temperaturwirkungen von dem gleich- zeitigen Lichteinfluss und der Feuchtigkeit unabhängig darzustellen, was 1) Geogr. bot. Tome I. p. 25. Ueber Abhängigkeit der Keimung von der Temperatur. 81 durch Beobachtung im Freien nicht möglich ist, so lange werden jene Ge- setze keine physiologischen sein. Handelt es sich aber um den physiologi- schen Zusaunnenhang der Temperatur und der einzelnen Vegetationsprozesse, so können die Mitteltemperaturen, wie sie durch Beobachtungen im Freien zu gewinnen sind, nicht leicht zur Entdeckung der wahren Verhältnisse führen. So lange wir nicht wissen, welche Wirkimg jeder einzelne Temperatur- grad, konstant gedacht, auf einen bestimmten Entwickelungsprozess ausübt, so lange sind wir auch nicht berechtigt, aus Mitteltemperaturen ohne Weiteres Schlüsse auf physiologische Prozesse zu ziehen. VI. Ueber einen kurzen Ausdruck zur Darstellung der erfahr- ungsmässigen Beziehung der Temperatur quf die Vegetation. Da wir uns nun entschliesseu müssen, einzugestehen, dass uns der gesetzmässige Zusammeuhang zwischen Temperatur und physiologischen Pro- zessen noch völlig unbekannt ist, da wir kein Recht haben, das Produkt der Temperatur in die Zeit oder in die Quadratwurzel derselben als einen iiatiirgemässen Ausdruck jenes Gesetzes zu betrachten, so bleibt nur ein Weg übrig, der zum Ziele führen kann ; man wird sich einstweilen damit begnügen müssen, für die einzelnen Vegetationsphasen die drei fixen Punkte aufzu- suchen, nämlich für jede einzelne Phase den unteren und den oberen Null- punkt und die Temperatur der raschesten Entwickelung. Je mehr einzelne Phasen man unterscheidet, desto mehr einzelne Beziehungen wird man auf- finden und um so eher hoflfen dürfen, das Gesetz zu finden, wonach die einzelnen physiologischen Prozesse von der Temperatur abhängen. Eine solche Unter- suchung liefert natürlich für jede Species viele Zahlen, und es wird dann wünschenswerth, dieselben in leicht übersichtlicher Weise zu ordnen. Denken wir uns z. B. die einzelnen Entwickelungszustände durch Buchstaben bezeichnet, die Gesammtheit der Keimuugszustände durch K, den ganzen Komplex der Vegetationsprozesse zwischen dem Ende der Keimung und dem Anfang der Blüthe durch V; ebenso die Blüthenphase durch B, endlich die Zeit der Fruchtbildung und Reife durch F. Um nun die durch Untersuchungen festgesetzten Temperaturen der fixen Punkte übersichtlich darzustellen, kann man die jedesmalige Maximumtemperatur oben, gewisser- massen wie einen Exponenten, hinsetzen, ebenso die Minimumtemperatur untenhin und die Temperatm' der raschesten Entwickelung in die Mitte. So könnte man z. B. für den Mais die drei fixen Punkte der Keimungstem- K370 2" bezeichnen; für den Weizen hätten wir T/ 34 dagegen j^23 Um nun in diesem Ausdrucke noch anzudeuten, dass die Sachs, Gesammelte Abhandlungen. I. " 82 Ueber Abhängigkeit der Keimung von der Temperatur. Keimung ihr Ende nur dann erreicht, wenn sich der untere Nullpunkt um etwa 4*^ R. erhöht, so kann dies durch Zusatz dieser Zahl in Klammer ge- K'67° T7340 27 für den Weizen |\ 23 Angenommen, wir 7,5 (-1-4), -■-*- 4(14). wüssten genau, dass die Vegetation des Mais nicht eintritt, wenn die Tem- peratur nicht wenigstens auf lo'- R. steigt, wir wüssten, dass dieselbe ober- halb 35*^ nicht eintreten würde, endlich angenommen, die Vegetation des \735" ' '^l Um nicht Fiktionen zu häufen, möge der anzustrebende Ausdruck allgemein bezeichnet werden; wir würden für jede Pflanze folgende Punkte zu be- stimmen haben: K^ V^' B^-'' F" J-^ z ('-f-d) ' z' -L'z" J- z'" wobei jedes x für die zugehörige Phase das Maximum der Temperatur, jedes y das betreffende Optimum ^), jedes z das Minimum für den Eintritt der Phase bezeichnet. Um nur einige sehr nahe liegende Vortheile zu nennen, die aus einer solchen Bestimmung hervorgehen würden, möchte ich darauf hinweisen, dass man so für jede einzelne Pflanze die gegenseitige Beziehung der x, x' u. s. w., die der y, y' u. s. w., die der z, z' u. s. w. anschaulich machen und mit denen anderer Gattungen vergleichen könnten. Wir wissen bereits aus Abschnitt IV., dass für den Mais, den Weizen, die Bohne, Gerste u. s. w. z' >. z, das sogar z' >» z -|- d; es fragt sich nun, ob z" ^ z', oder ob z" 10 ,, „ .... Roth, Orange, Gelb, Grün. » >! » 23 ,, „ .... Roth, Orange, Gelb, Grün. „ ohne „ 10 „ „ .... Roth, Orange, Gelb, Grün, Blau. » » » 15 „ ., .... Roth, Orange, Gelb, Grün, Blau. Rothe Möhre (quer durchschnitten). Schichte 2 mm dick Roth, Orange, Gelb, Grün, Blau, kein Violett und keine Fluorescenz. " 4 „ ,, Roth, Orange, Gelb, Grün. " 1' » >. Roth, wenig Gelb. » "^0 ,, „ reines dunkles Roth, so breit wie Spalt s. 1) Später bediente ich mich eines ausgezeichneten Flintglasprismas von Hart- nack, welches trotz der einfachen Vorrichtung zahlreiche Frauenhofer'sche Linien bei grosser Helligkeit des Spektrums erkennen lässt. Zusatz 1892. Ueber die Durchleuchtung der Pflanzentheile,. 175 9. August 1860. Einjähriger Kirschtrieb. Rinde desselben (grün) Roth, Orange, Gelb, Grün. Holz desselben, welches in der Nähe des Markes Chlorophyll enthält, 6 mm dick Roth, Orange, Gelb, Spur von Grün. Weidenzweig. Rinde desselben Roth, Orange, Gelb, Grün, Blau. Holz quer durchstrahlt 4 mm dick . . . Roth und Spur von Grün, sehr schmal. Heracleum spondylium. Stengel querdurchstrahlt Rinde, Holz, Mark -S mm dick Roth, Orange, Gelb, Grün und Spur von Blau. Diese und viele andere Beobachtungen zeigen, dass das Eindringen des Lichtes in die chlorophyUarmen oder chlorophyllfreien Gewebe einem be- stimmten Gesetze unterliegt; die chemischen Strahlen werden schon von sehr dünnen Schichten geschwächt und vernichtet; die violetten dringen etwas tiefer, noch tiefer die blauen; Roth, Orange, Gelb, Grün dringen bei weitem tiefer ein als das Blau; zuletzt verschwindet das Roth und das Grün; also die brech- barsten Elemente des Lichtes werden zuerst und in den äusseren Schichten absorbirt, die minder brechbaren dringen sehr tief ein. Bei den folgenden Beobachtungen wurde ein Prisma P mit einem brechenden Winkel von 60^ angewendet. Die Blätter wurden so zuge- schnitten, dass sie gerade in das Rohr B passten und nach und nach mehrere Lagen ganz frischer Blätter eingeschaltet. Die bei dem Durchgang des Lichtes verursachte Zerstreuung macht, dass die Strahlen aus s nicht parallel zum Prisma gelangen und dies hindert das Sichtbarwerden der Fraun- hofer 'sehen Linien. Die Lage der Absorptiousstreifen kann also nur ge- schätzt werden. Wenn man auf die angegebene Art in das Objektiv des analysirenden Diaphanoskops nur ein Blatt von Kirsche, Kürbis, Runkelrübe, Chenopodien, Plantago, Polygonum u. s. w. einschaltet, und die Oeffnung 2 gegen die Sonne richtet, so zeigt das Spektrum des Spaltes alle Farben, nämlich Roth, Orange, Gelb, Grün, Blau, Violett; die beiden letzteren aber geschwächt und im Roth erscheint ein ziemlich schmaler schwarzer Streifen, der dem charak- teristischen Absorptionsstreifen der Chlorophyllösung völlig entspricht; im Gelb bemerkt man eine Verdunkelung,' Im Allgemeinen gleicht das Spektrum demjenigen, welches von dem durch eine verdünnte Chlorophyllösung ge- gangenen Licht herrührt. Schaltet man zwei bis drei Blätter ein, so wird der Absorptionsstreifen im Roth viel breiter, es bleibt oberhalb desselben ein schmaler Streifen sehr dunkles Roth übrig, so dunkel, dass man es leicht 176 Ueber die Durchleuchtung der Pflanzentheile. übersieht; das Blau ist beinahe vollständig vernichtet, das Violett fehlt ganz. Zwei bis drei Lagen grüner Blätter verhalten sich also in Be- zug auf das durchgehende Licht so, wie eine dickere Schichte von Chlorophyllextrakt oder wie eine dünnere Schichte der kon zentrirten Lösung. Das so erhaltene Sjiektrum besteht dann aus Dunkelroth, schwarzem Streifen, Hellroth und Orange, Gelb mit dunklem Streifen, Grün und von Spur Blau. Hält man ein beliebiges grünes Blatt vor den Spalt des Cylinders mit Chininlösung, so ist alle Fluorescenz ver- nichtet, auch wenn direktes Sonnenlicht auf das Blatt fällt. Auch in dieser Beziehung stimmt die im Blatte stattfindende Absorption mit der einer Schicht von Chlorophyllösung übereiu. Wenn man die grünen Blätter mit Alkohol 2—3 Tage der Sonne aussetzt, so werden sie vollständig entfärbt. Li diesem Zustande in dem Diaphanoskop untersucht, zeigen sie nichts mehr von den Absorptions- erscheinungen, welche dem Chlorophyll eigen sind; mit dem Farbstofl^ ist auch diese Reaktion verschwunden ; diese entfärbten Blättern verhalten sich wie anderes farbloses Parenchym oder wie weisses Papier gegen durchfallendes Licht. Eine Lage entfärbter Blätter liefert im Spektrum Roth, Orange, Gelb, Grün, Blau und viel Violett. Zwei bis drei Lagen schwächen die Intensität der Farben und besonders das Violett, aber Absorptionsstreifen im Roth und Gelb erscheinen auch jetzt noch nicht. Eben so verhalten sich chlorotische Maisblätter; die etiolirten Blätter lassen ebenfalls das ganze Spektrum durch, sogar die Fluorescenz im Chinin wird nicht verhindert; sobald sie aber einige Stunden dem Lichte ausgesetzt waren und eine Spur grüner Farbe zeigen, verhindern sie die Fluorescenz und die Absorptionsstreifen treten auf. Es ist eine überraschende Erscheinung^), dass der grüne Farbstoff in den Blättern so auf das durchfallende Licht wirkt, als ob alle Zellsäfte auf- gelöstes Chlorophyll enthielten; wenn dasselbe in den Blättern in Gestalt einer Lösung vorhanden wäre, so wäre das eigenthümliche Verhalten des Spektrums durchaus nicht auffallend; da aber der Farbstoff nur in den Chlorophyll- körnern enthalten ist, welche nicht einmal kontinuirliche Schichten bilden, sondern lose neben einander liegend nur die Wände der Zellen bedecken, so muss es auffallen, dass das Licht dennoch in eine so vollständige Be- rührung mit dem Farbstoff bei seinem Durchgang durch das Gewebe kommt. Obgleich also der Farbstoff in den Blättern nicht gelöst ist, wirkt er dennoch auf das einfallende Licht als ob er wirklich gelöst wäre. Es hat diese That- sache gewiss eine allgemeine und wichtige Bedeutung für die Oekonomie des 1) Gegenwärtig würde man allerdings genauere Beobachtungen verlangen dürfen als die von mir vor 32 Jahren gemachten. Indessen sind dieselben zur Begründung der von mir gezogenen Schlüsse hinreichend und haben zu späteren Untersuchungen Anlass gegeben, worüber man das Nöthige in den späteren Auflagen meines Lehr- buches, besonders in Aufl. IV 1874, pag. 729 ff. findet. Zusatz 1892. Ueber die Durchleuchtung der Pflanzentheile. 177 vegetabilischen Lebens. Wir wissen, dass zur Assimilation des Kohlenstoßes d. h. zur Zersetzung der Kohlensäure in den Blättern der grüne Farbstoff und das Licht zusammen wirken müssen, dass das Licht die Abscheidung des Sauerstoffes nur dann bewirkt, wenn es auf Chlorophyll trifft. Da wir nun finden, dass jeder Lichtstrahl, der auf das Blatt fällt, auch wirklich mit dem Farbstoff in Berührung kommt, so müssen wir schliessen, dass auch jeder auffallende Lichtstrahl in Wirksamkeit tritt, dass keiner verloren geht, keiner müssig das Gewebe durchdringt. Es wird also die Ki-aft des Lichtes, welches auf ein Blatt fällt, vollständig ausgebeutet. Um nun auf die Eingangs gemachten Betrachtungen wieder zurückzu- kommen, können wir aus den mitgetheilten Beobachtungen uns im Allge- meinen eine Vorstellung von der Vertheilung des Lichtes in dem Inneren der vegetabilischen Gewebe bilden. Denken wir uns einen jungen Apfel, eine noch grüne Pflaume, eine junge Kohlrübe, einen krautigen oder einen einjährigen verholzten Stammtheil, so werden wir in allen diesen Fällen an- nehmen müssen, dass Licht bis in die innersten Theile derselben eindringt, aber jede Schichte des Gewebes erhält eine andere Strahlenmischung; zunächst nimmt die Intensität der Durchleuchtung von aussen nach innen hin ab; wichtiger ist aber der Umstand, dass jede Schichte nicht nur eine ihr eigen- thümliche Intensität der Beleuchtung, sondern noch mehr eine ihr eigene Qualität des Lichtes empfängt. Jede Strahlengattung, welche von einer mehr äusseren Schichte absorbirt wird, fehlt natürlich in dem Licht, welches zur nächst inneren Schicht gelangt. Die äusserste Schichte der Rinde erhält die ganze volle Wirkung des Lichtes, in ihr finden die Strahlen jeder Brech- barkeit und Eigenschaft Zutritt; sie absorbirt aber die chemischen Strahlen beinahe vollständig und ausserdem einen Theil der violetten, blauen und rothen; die nächst innere Schicht erhält ein Licht, in welchem die weniger brechbaren Elemente vorwiegen ; eine noch tiefere Zellenlage erhält nur Roth, Orange, Gelb, Grün, und die innersten Zellen werden endlich nur von sehr schwachen, rothen und grünen Strahlen durchleuchtet. Da wir nun wissen, dass die verschiedenen Theile des Sonnenspektrums sehr verschiedene chemische Wirkungen äussern, so liegt die Vermuthung nahe, dass die chemische Cha- rakteristik der verschiedenen Schichten der Pflanzentheile mit ebenso charak- teristischen photochemischen Prozessen in denselben Hand in Hand geht. Ferner, wo man grünen Farbstoff im Innern von Pflanzentheilen findet, wird man immer seine Entstehung zunächst als eine Lichtwü-kung betrachten müssen, so lange nicht der Beweis geliefert ist, dass an den betreffenden Stellen auch bei absoluter Finsterniss Chlorophyll entstehen kann ^). 1) Letzteres ist bei den Keimpflanzen der Koniferen wirklich der Fall, wie in der vorausgehenden Abh. V, p. 143 gezeigt wurde. — Später habe ich mich auch davon überzeugt, dass die Laubblätter echter Farne in tiefster Finsterniss Chlorophyll bilden, was die Equisetenhalme nicht thun. Zusatz 1892. Sachs, Gesammelte Abhandlungen. I. 12 J78 lieber die Durchleuchtung der Pflanzentheile. Das Licht, welches auf den Boden eines dicht geschlossenen Hoch- waldes fällt, wird mehr oder weniger die Zusammensetzung dessen haben, welches durch ein oder mehrere grüne Blätter gegangen ist; es werden in diesem Lichte vorzugsweise rothe, gelbe, grüne Strahlen vertreten sein, die blauen, violetten und chemischen aber nur in geringer Menge sich finden ; da freilich auch zwischen den Blättern hindurch Tageslicht einfällt, so wird jene Mischung zum Theil verwischt werden, es wird kein absoluter Mangel an den brechbarsten Strahlen stattfinden, aber doch ein relativer. Wenn nun von der eigentlichen Waldvegetation diejenigen Pflanzen ohnehin ausgeschlossen sind, welche das volle ungeschwächte Tageslicht bedürfen, so werden aber auch anderseits davon diejenigen Schattenpflanzen ausgeschlossen bleiben, welche zwar ein gemindertes Licht verlangen oder ertragen, darin aber alle Elemente desselben in gewöhnlicher Mischung verlangen; die Wald- pflanzen müssen oflfenbar als solche betrachtet werden, welche bei geringer Intensität des Lichtes sich vorwiegend mit den minder brechbaren Strahlen begnügen, oder verhältuissmässiges Uebergewicht derselben über die brech- baren vertragen. VIII. Ueber den Einfluss des Tageslichts auf Neubildung und Entfaltung verschiedener Pflanzenorgane. 1S63. (Aus der Botanischen Zeitung von Molil und Sehlechtendal 18G3.) 1. Neubildungeu. Die räumlich und zeitlich geregelten Zelltheilungsfolgen, auf denen die Neubildung der Pflanzenorgane beruht, finden in dem normalen Verlaufe der Vesetation o-ewöhnlich an solchen Orten statt, welche dem unmittelbaren Einfluss des Tageslichtes ganz oder theilweise entzogen sind, und nur wenige Arten von Zellbildungen erfolgen an solchen Stellen, welche ihm einen un- geschwächten Zutritt gestatten. Die unterirdischen Wurzeln, Rhizome und Knollen bilden sich oft so tief im Innern eines dichten schlüssigen Bodens, dass bei ihnen von einer unmittelbaren Mitwirkung des Tageslichts kaum mehr die Rede sein kann; aber auch die Neubildung der Blüthenknospen erfolgt nicht selten in tiefer Finsterniss, wenn, wie bei Tulipa, Hyacinthus u. a. dicke Lagen umhüllender Zwiebelschalen oder wie bei Crocus, Arum u. a. überliegende Erdschichten von hinreichender Dicke das Tageslicht von den Neubildungsherden abhalten. Beispiele in unterhdischer Finsterniss erfolgender Bildungsprozesse von noch anderer morphologischer Bedeutung bieten die Keimung der Mondraute^) und die Entwickelung der unterirdischen Pilze. Selbst an oberirdischen Pflanzentheilen treten aber die Vorgänge der Zell- theilung oft in tiefer Dunkelheit ein. Das Zellen bildende Cambium älterer Baumstämme und mehrjähriger Aeste ist gewöhnlich von einer undurchsichtigen Borke umhüllt; die erste auf Zelltheilung beruhende Bildung nächstjähriger Sprosse findet oft in einer Umhüllung zahlreicher Schuppen statt, von denen zwar jede einzelne ziemlich durchscheinend ist, die aber zusammen 1) Hofmeister, Beiträge zur Kenntniss der Gefässkryptogamen II. in Ab- handl. d. K. Sachs. Ges. d. Wiss. 1857. 12* 180 Ueber den Einfluss des Tageslichts auf Neubildung und Entfaltung. eine opake Hülle darstellen (Aesculus); so erfolgt auch die erste Anlage des Blüthenstandes unserer Gramineen in der verdunkelnden Umhüllung der Blattscheiden, Avelche bei den Cerealien allerdings keine vollständige ist, bei Zea Mais aber bei der grossen Zahl der umhüllenden Scheiden gewiss einen so hohen Grad erreicht, dass bis zu den verborgenen Bildungsstätten der Inflorescenzen ein dem menschlichen Auge kaum mehr wahrnehmbares Licht vordringt. Selbst in den zahlreichen Fällen, wo durch rasch eintretende Streckung der jungen Internodien die wachsenden Knospen der Beschattung der älteren Laubblätter entführt werden, wie bei Bryonia dioica, Cucurbita, Humulus, Phaseolus, Vicia, Robinia Pseudacacia, Crataegus Oxyacantha, Sambucus nigra u. v. a. ist dennoch die sich verlängernde und Blätter bildende Stammspitze vor dem Zutritt des intensiveren Tageslichtes geschützt, da die sie umhüllenden Knospenblätter durch ihre dichte Lagerung und die bedeutende Undurchsichtigkeit ihres jungen Gewebes und oft auch durch dichte Behaarung nur sehr geschwächtes Licht bis zu den innersten Bildungs- herden der Knospen gelangen lassen, Verhältnisse, die sich bei der ana- tomischen Präparation hinreichend als Verdunkelung geltend machen. Dagegen finden aber auch häufig Zelltheilungsvorgänge unter stark durchscheinenden Umhüllungen statt, welche das Tageslicht noch in nam- hafter Stärke zutreten lassen. Die verdickende . Cambiumschicht einjähriger Zweige ist durch die grüne Rinde und selbst durch das anfänglich dünne Periderm keineswegs vollständig verdunkelt; ich überzeugte mich in vielen Fällen, dass das Tageslicht nicht nur durch die Rinde solcher Zweige, sondern auch bis in das Mark derselben mit einer Intensität durchdringt, welche selbst dem durch helles Tageslicht abgestumpften Auge leicht wahrnehmbar ist. Ebenso wenig ist die Neubildung des Holzes im Stamm von Heliauthus annuus und tuberosus, der Nicotiana- und Brassica-Arten durch die dünne grüne Rinde vor dem Licht geschützt. Die der Befruchtung folgenden Zellenbildungen müssen in manchen Fällen allerdings in tiefster Finsterniss vor sich gehen, wie bei dem Mais und im Zapfen der Abietineen; bei vielen Pflanzen ist aber die dem Licht ausgesetzte Fruchtknotenwand so dünn und so durchscheinend, dass in die befruchteten Samenknospen Licht von bedeutender Intensität durchscheinen kann. So fand ich [nach der in der vorigen Abhandlung beschriebenen Methode], dass selbst bei trübem regnerischem Wetter hellgrünes Licht durch die junge 14 mm dicke Aprikose hindurchgeht, noch stärker wurde eine jüngere Frucht durchleuchtet. Eine junge Feige, Anfangs Mai, 18 mm dick, der Länge nach halbirt und quer durchleuchtet (von direktem Sonnenlicht), liess ein sehr helles grünes Licht durchscheinen; ebenso wurde eine 9 mm dicke junge Stachelbeere durchleuchtet, und der ganze 6 mm dicke Frucht- knoten von Tulipa liess auffallende Sonnenstrahlen als hellgrünes Licht durchscheinen. Noch stärker als in diesen Fällen muss die Erleuchtung Ueber den Eiufluss des Tageslichts auf Neubildung und Entfaltung. 181 der Fruchtkuotenhöhle bei den Stellaria- Arten, dem Tabak und anderen dünnwandigen Früchten sein; allerdings wird durch die Blumenkrone und den Kelch das auffallende Licht gerade zur Zeit der Befruchtung von dem Fruchtknoten abgehalten. Abgesehen von den geringeren Differenzen ist es gewiss immer nur ein ziemlich geringer Bruchtheil des Tageslichts, w^elcher bis zu den Bildungsstätten des Embryos und Endosperms durchdringt, ein Bruchtheil nicht bloss in Bezug auf die Intensität, sondern auch in Rück- sicht der Qualität und Zusammensetzung des Lichtes, denn meine früheren Untersuchungen über die Durchleuchtung zeigen , dass vorzugsweise die Strahlen des rothen Spektrum-Endes, nämlich Grün, Gelb, Roth tief in das Pflanzenge webe eindringen, während die stärker brechbaren und chemisch wirk- samsten Strahlen schon in den obei-flächlichsten Gewebeschichten absorbirt werden. Durch die Sporangienwand der Farnkräuter und Moose würde das Tageslicht in namhafter Stärke eindringen, wenn diese Pflanzen nicht ohne- hin gewöhnlich an schattigen Orten wüchsen, und zudem ist die Farn- kapsel durch ihre Stellung, durch das Indusium u. dergl. , die Mooskapsel durch ihre Haube geschützt. Die Prothallien der Farne und die Vorkeime der Moose, sowie die vegetativen Theile der Lebermoose scheinen wesentlich auf Beschattung durch fremde Umgebungen angewiesen. Das Wachsthum des Flechtenthallus ist wenigstens in vielen Fällen dem intensivsten Tages- licht völlig preisgegeben, wenn überhaupt zur Zeit so intensiver Beleuchtung der Thallus wächst, was immerhin fraglich erscheint; in die jungen Sporen- schläuche dringt gewiss auch bei den Flechten, welche an sonnigen Orten wachsen, nur sehr geschwächtes Licht, da bekanntlich selbst sehr dünne Schnitte der Receptacula noch in hohem Grade undurchsichtig sind. Doch auch bei höheren Pflanzen treten Zellenbildungen an Stellen auf, welche dem Tageslicht völlig ausgesetzt sind, so die auf Zelltheilung beruhende Bildung von Spaltöffiuingen , besonders auf der Oberseite der Blätter. Bei Beta vulgaris und Reseda luteola z. B. findet man alle Entwickelungsstufen derselben auf Blättern von 4 bis 6 cm Länge, welche längst aus der Knospe hervorgetreten, dem Tageslicht frei ausgesetzt siiid. Die Zelltheilungen, durch welche die erste Korkschicht unter der Epidermis der Zweige entsteht, sind bei der Durchsichtigkeit der Oberhaut einem kaum geschwächten Tages- licht zugängig, doch finden gleichnamige Bildungen auch in tiefster Finster- niss statt, denn grosse Spaltöffiiungen fand ich auf den Stolonen und jungen Knollen der Kartoffel, kleinere auf der unterirdischen Kotyledonarscheide des Dattelkeim, und Korkgewebe bildet sich bekanntlich auch unterirdisch. Es werden weitere Untersuchungen zeigen, ob jene Zellbiidungen, welche ihrer Lage nach einem ungeschwächten Licht preisgegeben sein würden, nicht vielleicht periodisch in der Nacht fortschreiten und am Tage in den Uebergangsstadien verharren. Eine solche Vermuthung wird wenigstens nahe gelegt durch den Umstand, dass die meisten und wichtigsten Neu- 182 Ueter den Einfluss des Tageslichts auf Neubildung und Entfaltung. bildungen unter verdunkelnden Umhüllungen vor sich gehen; man könnte fast sagen, dass sich mit zunehmender Höhe der Organisation auch das Streben immer deutlicher geltend mache, die Zellbildungsherde dem Licht möglichst zu entziehen, Noch entschiedener spricht aber für jene Ver- muthung eine von den grünen Algen hergenommene Analogie, bei denen, wie Alex. Braun in einer anziehenden Schilderung dai'legte, die wesent- lichsten Vorbereitungen zur Zellbildung in der Nacht eintreten ^). Er über- zeugte sich, dass bei den grünen Algen die Vorbereitung zur Keimzellen- bildung, insbesondere das damit verbundene Verschwinden des Amylums in der Nacht beginnt und meistens auch in einer Nacht so weit fortschreitet, dass mit dem nächsten Morgen die Bildung der Keimzellen zur Vollendung kommen und die Geburt eintreten kann; bei Hydrodictyon komme zuweilen der interessante Fall vor, dass einzelne Zellen im Laufe der Nacht ihre Vorbereitung zur Theilung nicht vollenden, sie verharren dann den Tag über ohne bemerkliche Veränderung und beendigen erst in der zweiten Nacht die Vorbereitung für Schwärmzellbildung, Auch bei Ulothrix zonata erfolge die Theilung des grünen amylumhaltigen Inhaltes in der Nacht, Geburt und Schwärmen der neu entstandenen Gonidien am Vormittag, aber an einem regnerischen Tage sah er sie erst am Abend austreten, nachdem vorher zwischen 5 und 6 Uhr das Wetter sich aufgehellt hatte. Auch Thuret^) sagt, man könne es als allgemeine Regel hinstellen, dass im normalen Verlauf der Austritt der Zoosporen in den ersten Stunden des Tages stattfinde, die vor- bereitende Sonderung des Protoplasmas muss demnach im Dunkel der Nacht vor sich gehen; wenn jenes Gesetz, fährt Thuret fort, bei den Ulven und Ektokarpus nur wenig konstant ist, so giebt es dagegen Algen, w^elche hierin eine überraschende Regelmässigkeit zeigen. Bei Cutleria multifida z. B. sei es die erste Morgendämmerung, in der das Schwärmen eintritt und die einzige bestimmte Ausnahme bot Enteromorpha clathrata, wo die Emission der Sporen immer am Nachmittag eintrat; ob in dem letzteren Falle die Vorbereitung des Protoplasmas unter dem Einfluss des Tageslichtes stattfindet, ist leider nicht bemerkt^). Aus Cohn's Beschreibung der Entwickelung des Pilobolus crystalli- nus^) geht hervor, dass bei diesem Pilz das Zerfallen des Protoplasmas in eine grosse Zahl von Sporen ebenfalls in der Nacht eintritt, nachdem die Keimung am Nachmittag stattgefunden und bis zum Eintritt der Nacht das Sporangium gebildet wurde. Auch hier hängt die Befreiung der schon ge- bildeten Sporen vom Lichte ab^). 1) Verjüngung, pag. 235 ff. 2) Annales des sciences nat. 1850. T. XIV. p. 246 ff. 3) Eines der schönsten und leicht zugänglichen Beispiele liefern die Spirogyren, deren Zelltheilungen in der Zeit nach Mitternacht stattfinden. 4) Verh. der Leopoldina, XV. Bd. 1. Abth. p. 51S. 5) Hofmeister, in Flora 1862. p. 515. Ueber den Eiufluss des Tageslichts auf Neubildung und Entfaltung. 183 Wenn in allen diesen Fällen die inneren Bewegungen des Protoplasmas, welche die Zelltheilung zur Folge haben, im Finstern stattfinden und somit das Licht dabei entbehrlich, vielleicht sogar hinderlich erscheint, so schliesst sich daran die weitere Thatsache, dass eine andere dem Protoplasma eigen- thümliche Lebensäusserung ebenfalls von dem direkten Einfluss des Tages- lichtes unabhängig ist, ich meine die sogen. Strömung und Cirkulation, Meyen^), eine Behauptung Dutrochet's zurückweisend, sagt: das Liebt scheint auf die Bewegung in den Schläuchen der Charen durchaus gar keine Wirkung auszuüben, denn er habe Charenpflanzen mehrere Monate lang in einem dunklen Räume bedeckt stehen lassen, aber bei einer Temperatur von 7 bis 8° R. noch immer so lebhafte Bewegungen bemerkt, als eben dieselben Pflanzen im Sommer und bei einer höheren Temperatur zeigten." Dutrochet liess Charen in einem finstern Räume bei 14 bis 22° C. verweilen und fand, dass die Bewegung in den meisten langsamer wurde und in den jungen Pflanzen am 24. oder 26. Tage aufhörte, indem sie vergeilten. Diese An- gaben vertragen sich sehr wohl, wenn man bedenkt, dass bei erhöhter Tem- peratur auch die nächtliche Athmung und der dadurch bewirkte Verlust an KohlenstoflT sich steigert und so bei Dutrochet die Pflanze eher zu Grunde richten musste, als bei dem Versuch Meyen's. Wemi aber die Bewegung des Protoplasmas im Finstern so lange dauert, bis die Pflanze dm'ch Etiole- ment verdirbt, so kann man sagen, dass jene von dem unmittelbaren Licht- einfluss unabhängig ist. Ein von mir gemachter Versuch zeigt sogar, dass die Cirkulation des Protoplasmas selbst dann noch fortdauert, wenn sich der Einfluss der Finsterniss schon durch Etiolemeut geltend macht. Am 3. Aug« 1862 stellte ich eine im Topfe am Fenster erwachsene Pflanze von Cu- curbita Pepo in einen hölzernen finstern Schrank; am 7. August zog ich schmale Streifen von dem Stiele eines jungen Blattes ab, der bereits zu ver- geilen anfing und fand die Bewegung des Protoplasmas in den grossen Haar- zellen noch sehr lebhaft; bei gleicher Untersuchung konnte ich selbst am 15. Aug., also nach 1 2tägiger Verdunkelung, die Bewegung des Protoplasmas in den Haaren stark vergeilter Blattstiele noch mit derselben Lebhaftigkeit stattfinden sehen, wie bei einer am Südfenster stehenden Pflanze. Da, wie aus dem Bisherigen erhellt, wohl die Mehrzahl der auf Zell- theilung beruhenden Bildungsprozesse dem Einfluss des Tageslichtes durch räumliche oder zeitliche Anordnung mehr oder weniger entzogen sind, so ist mindestens zu vermuthen, dass darin eine für die Vegetation allgemein günstige Bedingung gegeben ist, denn man muss prinzipiell annehmen, dass Einrichtungen, im organischen Leben, welche bei den verschiedensten Organisationsverhält- nissen wiederkehren und welche zumal bei hochentwickelten Organismen auf- treten, für den ganzen Vorgang der Lebenserscheinungen günstig sein müssen, wenn sie sich auch nicht ohne Weiteres als solche geltend machen. Wenn 1) Neues System der Pflanzen-Physiologie, II. p. 223. 184 lieber den Einfluss des Tageslichts auf Neubildung und Entfaltung. wir im Allgemeinen die vegetative Entwickelung mit zunehmender Temperatur sich steigern sehen, ohne dass deshalb die niederen Temperaturen über Null absolut unfähig sind, geringere Grade der Vegetation zu unterstützen, so ist daraus zu schliessen, dass eine höhere Temperatur eine begünstigende Be- dingung, wenn auch nicht gerade eine allgemein nothwendige Bedingung des Vegetationsprozesses ist, und in demselben Sinne scheinen höhere Grade von Dunkelheit eine begünstigende Bildung speziell für die auf Neu- bildung von Zellen beruhenden Vegetationsprozesse zu sein, während umge- kehrt mit der Steigerung der Lichtintensität die assimilirende Thätigkeit der grünen Organe gesteigert wird. Und wenn dies gilt, so wird man zugeben müssen, dass der Vegetationsprozess um so ausgiebiger, rascher und kräftiger sich vollzieht, je mehr bei einer Pflanze die Neubildungsherde verdunkelt und je mehr zugleich die fertigen grünen, assimilationsfähigen Organe dem Tageslicht ausgesetzt sind; die dazu nöthigen Einrichtungen treten um so entschiedener hervor, je höher wir in der Reihe der Pflanzenformen empor- steigen, während dagegen bei den niederen Formen eine solche Sonderung nicht eintritt, aber auch weder die Massenproduktion, noch die morphologische Ausbildung sich mit der der höheren Pflanzen messen kann. Um zu zeigen, dass die Annahme, die Dunkelheit begünstige die Zellbildungsprozesse, die Wahrscheinlichkeit für sich hat, kann man zunächst anführen, dass auch solche Zelltheilungen, welche an stark beleuchteten Oberflächen einzutreten pflegen, durch starke Verdunkelung nicht verhindert Averden, und noch beweisender sind natürlich solche Fälle, wo auf abnorme Weise im Finstern Neubildungen entstehen, welche au denselben Stellen im Licht nicht eintreten würden. Für Beides sollen hier einige Erfahrungen ihren geeigneten Oi't finden. Bei Beta vulgaris zeigen die Blätter im Anfang der zweiten Vege- tationsperiode die Entstehung der Spaltöffnungen zu einer Zeit, wo sie schon der vollen Wirkung des Tageslichtes ausgesetzt sind. Die 5 cm lange La- mina eines im Freien entwickelten dunkelgrünen Blattes liess auf beiden Seiten neben fertig ausgebildeten Spaltöffiumgen auch alle Entwickelungs- stufen derselben erkennen; ich sah solche, wo der Porus eben anfing sich zu bilden, andere, wo die jungen Schliesszelleu noch durch eine einfache Lamelle getrennt waren, ferner solche, bei denen auch diese Theilung der Mutterzelle noch nicht stattgefunden hatte, und endlich Hessen sich die Mutter- zellen der Spaltöffnungen selbst bis auf ihre frühesten Entwickelungsgrade zurückverfolgen; die verschiedensten Bildungsstufen fanden sich regellos neben einander. Gleichzeitig mit jener ins freie Land gepflanzten Rübe war eine eben solche in einen Blumentopf gesetzt und in den dunklen Raum eines geräumigen Schrankes gestellt worden, um dort zu vergeilen. Die Blätter entwickelten sich eben so zahlreich und etwas rascher als im Freien, der Grad der Dunkelheit war hinreichend, keine Spur von grüner Färbung auf- Ueber den Einfluss des Tageslichts auf Neubildung und Entfaltung. 185 kommen zu lassen, die Blätter wurden rein und intensiv gelb^). Diese Dunkelheit, welche die Bildung des grünen Farbstoöes vollständig verhin- derte, war aber keineswegs im Stande, die Entwickelung der Spaltöffnungen zu stören, zum Beweise, dass die Bildung derselben, wenn überhaupt, doch bei weitem nicht in dem Grade vom Licht abhängt, wie die Entstehung des Blattgrüns derselben Pflanze. Vergeilte Blätter von demselben Entwickeluugs- grade, wie das obige, zeigten ebenfalls alle Entwickelungsstufen der Spalt- öff'nungen, von den jungen Mutterzellen derselben bis zu den fertig ausge- bildeten Schliesszellen. Diese im Finstern entstandenen Schliesszellen ent- hielten statt der gewöhnlichen grünen Kürner deutlich ausgebildete „vergeilte Chlorophyllköi'ner" ^). Ganz dasselbe Resultat ergab der gleiche Versuch mit Dahlia variabilis: In Blumentöpfe gepflanzte Knollen wurden gleichzeitig am Lichte und im Finstern zum Austreiben gebracht, die ersten Blättchen der jungen Triebe untersucht; die völlig vergeilten zeigten ebenso wie die am Lichte dunkelgrün gewordenen sämmtliche Entwickelungsgrade der Spalt- öünungen, die Schliesszellen enthielten auch hier regelmässig gelagerte, grosse, gelbliche, vergeilte Chlorophyllkörner. Bei entwickelten Keimpflanzen von Phaseolus multiflorus zeigten die am Lichte dunkelgrün gewordenen, etwa 3 cm langen Frimordialblätter ebenso wie die im Finstern entwickelten gelben vergeilter und gleich alter Keimpflanzen alle Entwickelungsstadien der Spaltöffnungen auf beiden Seiten, auch hier enthielten die fertig ausgebildeten Schliesszellen vergeilte Chlorophyllkörner. Ein Versuch mit Nicotiana rustica zeigt, dass die geschwächte Be- leuchtung, welche innerhalb des Fruchtknotens den befruchteten Samenknospen zu Theil wird, nicht unmittelbar noth wendig ist zur Ausbildung der keim- fähigen Samen. Eine im Blumengefäss am Südfenster 1861 erwachsene, etwa 4 Monate alte Tabakpflanze, deren kräftiges Aussehen einen genügen- den Ernährungszustand bekundete, hatte im August angefangen zu fruktifi- ziren. Die schon angesetzten Früchte und Blütheu, sammt den weiter vor- gerückten Blüthenknospen wurden sämmtlich abgeschnitten und die Pflanze am 20. August in den finsteren Raum gestellt. Xach 10 bis 11 Tagen hatten sich zwei neue Inflorescenzen mit weissen Stielen entwickelt, die älteren unteren Blüthen jeder Liflorescenz hatten grünliche Kelche, offenbar in Folge der Lichtwirkung, welche sie früher schon im Knospenzustande erfahren hatten; bei den jüngeren Blüthen waren die Kelche vergeilt, d. h. farblos. Die im Finstern entfalteten Corollen der ersten Blumen waren gelb und hatten nahezu das normale Aussehen ; an jeder der im Finstern entwickelten 1) Diese gelbe Färbung der Blätter von Beta rührt von einer gelben in den Zellen enthaltenen Flüssigkeit her und findet sich nur bei gelbschaligen Rüben; bei rothschaligen Rüben führen die Mesophyllzellen etiolirter Blätter einen rothen Saft. ■^) Botan. Ztg. 1862. No. 44. * 186 Ueber den Einfluss des Tageslichts auf Neubildung und Entfaltung. Inflorescenzen bildete sich durch Selbstbefruchtung eine Frucht, deren Wand- ung gelblich weiss, durch Lichtmangel vergeilt war; beide Früchte erreichten ein Volumen, welches das im Freien entwickelter um etwas übertraf; bei der einen war die Kapselwand schon lange vor dem Eintritt der Reife der Länge nach aufgesprungen, so dass die reifenden Samen an dieser Seite dem Luftzutritt im dunkeln Räume ausgesetzt waren. Auch die Corolle einer Blüthe mit weissem Kelch Avar der Länge nach gespalten. Aus den Achseln der untern Blätter, welche um diese Zeit noch grün waren, entwickelten sich im Finstern Zweige, deren erste Blätter grünlich (von früherem Lichteinfluss), deren jüngere aber nur an der Spitze grünlich waren, W'ährend die später nachgewachsenen Basaltheile gelblich weiss vergeilten. So verhielt sich die y Pflanze am letzten August. Am 8. September waren die unteren früher grünen Blätter völlig gelb geworden, aber noch saftig, mit Ausnahme des untersten, schon welken ; auch hatten sich noch neue Blüthen mit weissen Kelchen und Kronen auf weissen Stielen entwickelt. Die im Finstern ent- standenen Früchte wurden später reif, von den aufbewahrten geernteten Samen wurden im Januar 1862 37 Stück in einen Topf gesäet, wo sie in der Nähe des Ofens zahlreich keimten. Während im Freien durch das dünne Carpell sicherlich eine nicht unbedeutende Lichtintensität bis zu den Samenknospen vordringt, fand hier offenbar die Befruchtung und die darauf folgende Neubildung im Embryo- sack in einer sehr tiefen Finsterniss statt und zeigte somit, dass das durch- scheinende Licht für diesen Prozess nicht unentbehrlich ist, obwohl keines- wegs die Vermuthung ausgeschlossen bleibt, dass der normale Beleuchtungs- grad für die Ausbildung der Samen vielleicht günstiger ist. Besser wäre es gewesen, den Blüthenstamm allein zu verfinstern, während die Blätter hätten dem Lichte ausgesetzt bleiben müssen, sie hätten dann ihr Ernährungsgeschäft fortsetzen können und die Zahl der Früchte würde so bei ungestörter Elatt- thätigkeit eine grössere geworden sein^); bei meinem Versuch war nicht nur die unmittelbare Lichteinwirkung in Bezug auf die Früchte beseitigt, sondern auch die Assimilationsthätigkeit der Pflanze dadurch sistirt, dass die Blätter dem Lichte entzogen waren. Aber gerade weil trotz dieser Uebelstände denn- noch keimfähige Samen sich im Finstern bildeten, zeigt der Versuch desto deutlicher, dass die unmittelbare Mitwirkung des Lichtes bei der Ausbildung der Blüthe und der Frucht in diesem Falle entbehrlich erscheint, und ich habe nur noch zu bemerken, dass ich dieses günstige Resultat zum grossen Theil dem Umstände zuschreibe, dass die Pflanze vorher lange Zeit unter 1) Eine derartige Anordnung stellt sich bei der Geocarpie von selbst her (Treviranus, botan. Ztg. 1863. No. 18), und eine Annäherung dazu findet schon statt, wenn sich die jungen Früchte im Schatten der Blätter verbergen, während diese selbst den Lichtstrahlen ausgesetzt sind. Ueber den Einfluss des Tageslichts auf Neubildung und Entfaltung. 187 dem Einflüsse des Lichtes Nährstoffe assimiliren und ansammeln konnte, um dann im Finstern das Material zur Ausbildung der Inflorescenzen und Früchte in sich selbst vorzufinden. Wenn die vorstehenden Angaben zeigen, dass Neubildungen, welche gewöhnlich unter dem Einfluss stärkeren oder geschwächten Lichtes stattfinden, auch bei einem solchen Grade von Dunkelheit noch eintreten, Avelcher das Grün- werden verhindert, so zeigt dagegen folgende Erfahrung, dass die Neubildung von Wurzeln wenigstens in manchen Fällen durch Verdunkelung geradezu begünstigt wird. An völlig etiolirten Keimpflanzen von Phaseolus, Vicia Faba, an den Knollontrieben von Helianthus tuberosus kommen oft hoch über der Erde zahlreiche Adventivwurzeln zum Vorschein, während solche allerdings auch aus den untersten Stammtheilen am Lichte vegetirender Exem- plare auftreten, aber nur soweit der Stamm von Erde umgeben ist. Es scheint also nicht die Feuchtigkeit oder überhaupt die Umgebung des Bodens, sondern vielmehr die Dunkelheit begünstigend auf die Neubildung der Neben- wurzeln zu wirken. Viel schlagender trat diese Erscheinung bei Cactus speciosus hervor. Ein bisher am Fenster vegetireudes Exemplar mit zwei etwa 10 cm langen Gliedern wurde im Juni 1862 in den dunkeln Schrank gestellt. Es bildeten sich in vier Wochen 4 neue Triebe, deren jeder unter seiner Spitze Adventivwurzeln erzeugte, welche 3 — 5 mm Länge erreichten, sie kamen, die Rinde durchbohrend, aus dem Gefässbündelkörper horizontal hervor. Als die Pflanze später ans Fenster gestellt wurde, vertrockneten diese Adventivwurzeln, es bildeten sich aber am Lichte zwei neue, grosse, grüne, blattartige Glieder, und als dann die Pflanze im Herbst abermals in den finstern Raum gestellt wurde, bildeten sich tuiter dem Gipfel der beiden Glieder auch diesmal Adventivwurzeln, bei dem einen Gliede 2 auf der einen, 4 auf der andern flachen Seite; bei dem andern 3 auf der einen, 2 auf der andern. Diese Wurzeln hatten 1 — 6 mm Länge erreicht, als die Pflanze wieder an das Fenster gestellt wurde, wo sie nun vertrockneten, während die noch grünen Stammglieder weiter fortlebten. Nachdem die Pflanze den Winter am Fenster zugebracht hatte, wurde sie im März 1863 nochmals in den dunkeln Schrank gestellt, wo sie bis Anfang Mai verblieb, es bildeten sich abermals vier neue Sprosse aus den unteren Theilen der älteren Glieder und erreichten 3 — 5 — 7 — 10 cm Länge. Als die Pflanze wieder an das Licht gestellt wurde, waren diesmal keine neu entstandenen Adventivwurzeln zu bemerken und ich glaubte schon meine Erwartung getäuscht zu sehen; als ich aber 10 — 11 Tage später die Pflanze wieder besah, fand ich, dass an drei der neu entstandenen Sprosse Adventivwurzeln ausgetreten waren, an einem derselben auf Vorder- und Hinterseite je eine, an den beiden grösseren je 2 auf der einen und 1 auf der andern Seite, die zwei benach- barten Wurzeln standen in diesem Falle nicht unter sondern neben einander; im ersten Falle kamen die Adventivwurzeln dicht unter der Stammspitze 188 lieber dea Einfluss des Tageslichts auf Neubildung und Entfaltung. hervor, in den beiden andern (7 und 10 cm langen Gliedern) dagegen etwa 2 cm unterhalb der Spitze. Offenbar waren die ersten Anlagen, die eigent-